(tsch) Er versteht sich als kritischer Autor, aufrüttelnder Dokumentarfilmer und politischer Aufklärer: Michael Moore, ein Regisseur, den Gegner freilich einen manipulativen Meinungsmacher schimpfen. Dass ProSieben seine Anti-Bush-Dokumentation "Fahrenheit 9/11" nun zur Primetime wiederholt, überrascht angesichts des fünften Jahrestages der Terroranschläge vom 11. September 2001 nicht. Aufsehen erregender ist eher das Gerücht, dass Michael Moore an einer Fortsetzung von "Fahrenheit 9/11" arbeitet. Die Themen in "Fahrenheit 9/11½" werden erneut der Irakkrieg und der Terrorismus sein. Michael Moore dazu: "Die offizielle Trauerzeit ist vorbei, und es gibt einen Silberstreif am Horizont - George W. Bush kann von Gesetzes wegen nicht wieder gewählt werden."
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Das schlagzeilenträchtige, heftigst diskutierte Erstwerk ist inzwischen hinreichend bekannt. Satirisch und manipulierend setzt sich "Fahrenheit 9/11" mit George W. Bush und seiner Regierung, dem Irakkrieg und wirtschaftlichen Verflechtungen mit den Saudis auseinander. Nichts, was Europäer nicht schon geahnt oder gewusst hätten, aber für so manchen amerikanischen Kinobesucher kam es zum Aha-Erlebnis.
Selten war solch eine Publicity für eine Dokumentation registriert worden. Bereits vor dem Start im Heimatland verursachte die Michael-Moore-Polemik einen einzigartigen, von der internationalen Presse aufmerksam verfolgten Wirbel: Die Jury unter Vorsitz von Landsmann Quentin Tarantino verlieh ihm die Goldene Palme beim Filmfestival in Cannes 2004. Gegner griffen erregt die "schmierige Type" (Zitat von Bush Senior) Michael Moore an, und schließlich feierte "Fahrenheit 9/11" einen riesigen Erfolg als erfolgreichste Dokumentation in der US-Filmgeschichte. In Deutschland waren fast eine Million Zuschauer in den Kinos.
Zugegeben, der Film, der mit der Präsidentschaftswahl 2000 einsetzt und sich mit den Anschlägen vom 11. September, dem Waffengang in Afghanistan, dem Krieg im Irak und seinen Folgen beschäftigt, enthält Sprengstoff. Der mächtigste Mann der Welt erscheint auf der Leinwand als ein überforderter Volltrottel, beworfen mit Eiern beim Amtsantritt. Und doch serviert Moore auch Szenen, die für sich sprechen. Was soll man von einem Mann halten, dem man bei seinem Kindergartenbesuch den Anschlag vom 11. September ins Ohr flüstert und der dabei apathisch sitzen bleibt? Minute um Minute verstreicht, und der amerikanische Präsident blättert in einem Bilderbuch. Eine Reaktion, deren Auslegung Ansichtssache ist. Oder doch nicht?
Neben der Demontage der Person Bush widmet sich Michael Moore der offenbar engen persönlichen Freundschaft und intensiven Verbindung von Bushs Familie und Vertrauten zur königlichen Familie Saudi-Arabiens und dem Bin-Laden-Clan. Mit Beginn des Kriegs im Irak ändert sich der Ton des Films. Michael Moore beweist im Umgang mit Betroffenen und deren Familien Sensibilität, kann jedoch kaum seinen Zorn über Menschen verachtende Taten verbergen.
Objektivität interessiert Michael Moore in "Fahrenheit 9/11" nicht. Sein Film ist überzeugender und unterhaltsamer Wahlkampf. Und selbst wenn man dem Selbstdarsteller Moore kritisch gegenüber steht und seine Art, Fakten als Beweise einer vorher gefassten Meinung einzusetzen, bedenklich findet, muss man ihm Mut bescheinigen. Sich mit den Mächtigen anzulegen, traut sich in den heutigen Zeiten des Opportunismus kaum jemand. Durch die vorzeitige Ausstrahlung im TV - der Film sollte unbedingt vor den Präsidentschaftswahlen gesendet werden - verzichtet der Filmemacher 2004 gar auf eine eventuelle Oscar-Nominierung. Wer "Fahrenheit 9/11" bislang verpasst hat, sollte einschalten: Der Film gehört als Medienereignis und Politikum gewissermaßen zur Allgemeinbildung.
Alexander Franck
Lila und Howard Lipscomb, Eltern von Sergeant Michael Pedersen, aus Flint in Michigan. Ihr Sohn hatte sich nach der High School der US-Armee angeschlossen und war bei der Black Hawk Helikopter-Truppe im Irak-Krieg. (ProSieben / Miramax Film)
Zwei Personalvermittler der Marine (links) treten an Jugendliche heran, um sie für das Militär anzuwerben. (ProSieben / Miramax Film)
George W. Bush besuchte gerade eine Schulklasse, als er die Nachricht erhielt, dass Amerika angegriffen wird. Dennoch las er noch sieben weitere Minuten aus dem Buch "My Pet Goat" ("Mein Haustier, die Ziege") vor. (ProSieben / Miramax Film)
Datum: 15.09.2006
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