(tsch) Es gibt Orte auf der Welt, die sind unwirklich. Hotellobbys zum Beispiel. Oder die Bars in den global-verzweigten Bettenburgen der großen Luxusherbergen. Die nahezu perfekt suggerierte Internationalität dieser nichts sagenden Einheitsinterieurs kann Fluch und Glück zugleich bedeuten. Zum Beispiel, wenn man sich wie ein Fremdkörper in einer fremden Metropole fühlt, deren Exotik nicht wirken will, sondern vielmehr zu einer fortwährenden Befremdung führt. So ergeht es Bob Harris, einem gefeierten Hollywood-Schauspieler, der in Tokio eine Whiskey-Werbung drehen soll. "Lost in Translation" (2003) ist die zweite brillante Regiearbeit von Sofia Coppola, die sich immer mehr von ihrem altmeisterlichen Vater Francis Ford emanzipieren kann.
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Über eine Million Zuschauer hatte der Film, der einige Preise (unter anderem den Oscar für das beste Drehbuch) erhielt, in den deutschen Kinos. Eine beachtliche Zahl für einen zwar herausragenden, aber eben nicht sehr kommerziellen Film, der Melancholie und Komödiantisches vor einer ungewöhnlichen Kulisse vereint. Beide Hauptdarsteller wurden ebenfalls für den Oscar nominiert, und beide profitierten in besonderem Maße von der Low-Budget-Produktion. Leider nimmt das Erste den Film nun zu recht später Sendezeit ins Programm.
Es ist die Geschichte eines Mannes auf Geschäftsreise, der mit Verständigungsproblemen in einer fremden Kultur zu kämpfen hat - so die grobe Rahmenhandlung. Doch wie so oft liegt das Meisterhafte im Detail. Bill Murray, seither eben nicht mehr nur der "Ghostbusters"-Komödiant, spielt den aalglatten Action-Star als lethargischen Mittfünfziger, der in der nicht zur Ruhe kommenden Millionenstadt nicht schlafen kann und sich nächtelang entweder durch das unverständliche Kauderwelsch japanischer Fernsehkunst zappt oder stundenlang den Whiskey in der Hotelbar schwappen lässt.
Durch Zufall lernt er die junge Frau eines Fotografen, Charlotte (Scarlett Johansson), kennen. Ihr Mann ist ständig mit hippen Bands unterwegs, seine Shootings bedeuten ihm offenbar mehr als das Glück seiner Frau. Ihre blütenweiße Bettwäsche bleibt größtenteils unberührt, denn auch sie plagt Schlaflosigkeit. Erst zusammen - die Annäherung geschieht nur zögerlich - finden sie das kurzweilige Glück.
Was sich anhört wie eine platte Liebesgeschichte, ist bei Sofia Coppola viel mehr: Sie entwickelt keine schmalzige Romantik zwischen Star und Twentysomething, sondern eine Beziehung, die gekennzeichnet ist durch den Wunsch nach Vertrautheit und Wärme in einem fremden, kalt wirkenden Moloch.
Dabei ist "Lost in Translation" auch eine Liebeserklärung an Tokio, diese Stadt, die tatsächlich keinen Schlaf kennt und deren Ecken und Winkel eine unendliche Bandbreite an neuen Entdeckungen bereit halten.Wenn Bob Harris und Charlotte zusammen losziehen, um eine Nacht in Szene-Bars und bei Karaoke-Sessions zu verbringen, glimmt ein wenig Euphorie beim Zuschauer auf, getragen von der Lust teilzunehmen an dem Instant-Glück der Protagonisten.
Hauptdarstellerin Scarlett Johansson genießt seit diesem Film den Status der Alleskönnerin in Hollywood. Dabei war die Rollenwahl der inzwischen 21-Jährigen danach nicht immer ganz glücklich seither. In Filmen wie "Die Insel" (2004) und die Komödie "Reine Chefsache" (2005) blieb ihr kaum Raum zur Entfaltung. Ab 5. Oktober ist sie in Brian De Palmas Verfilmung von James Ellroys Noir-Krimiklassiker "The Black Dahlia" zu sehen.
Jan Treber
Zwei einsame Seelen, die sich für kurze Zeit gefunden haben: Bob Harris (Bill Murray) und Charlotte (Scarlett Johansson). (ARD / Degeto)
Charlotte (Scarlett Johansson) und Bob Harris (Bill Murray) verbringen ein Wochenende zusammen und gehen in Tokio auf Entdeckungstour. (ARD / Degeto)
Der alternde US-Star Bob Harris (Bill Murray) ist nach Tokio gereist, um einen lukrativen Werbespot zu drehen. Weit von zu Hause entfernt, wird ihm bewusst, dass er im Grunde alles hat, ihm jedoch das Glück der Zufriedenheit fehlt. (ARD / Degeto)
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