(tsch) "Am Ende unseres Lebens wissen wir, dass nur das wahr war, dem wir bis zuletzt die Treue halten konnten", schrieb die jüdische Schriftstellerin und Philosophin Hannah Arendt 1968 anlässlich des 85. Geburtstags ihres Heidelberger Lehrers Karl Jaspers. Zeit ihres Lebens hatte die am 14. Oktober 1906 in Hannover geborene spätere Professorin für Politikwissenschaft (Chicago) und blendende Vernunft-Rhetorikerin wider die Anfechtungen des Zeitgeistes angekämpft. Anlässlich ihres 100. Geburtstages sendet ARTE den vom BR betreuten Themenabend "Hannah Arendt - 'Ich will verstehen".
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Hannah Arendt gehörte neben Lise Meitner, Nelly Sachs und Edith Stein zu den bedeutenden Frauengestalten des 20. Jahrhunderts, die weltweit Anerkennung fanden. Die anlässlich des Geburtstags gedrehte Dokumentation "Hannah Arendt - Denken und Leidenschaft" (22.25 Uhr) von Jochen Kölsch zeichnet den Lebensweg der politischen Philosophin anhand von Selbstzeugnissen und Berichten von Freunden, Verwandten und Schülern nach.
Die Weigerung der Denkerin, die ihre Zuhörer im Übrigen durchaus mitreißen konnte, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, machte es laut Kölsch ihren Freunden und Bewunderern schwer, "einen Zugang zu Hannah Arendts Gedankengängen zu finden". Dennoch war ihr Einfluss auf das Denken ihrer Zeit sehr groß. Mit Begriffen wie "die Banalität des Bösen" schlug sie Schneisen, und ihr Bericht vom Eichmann-Prozess ("Eichmann in Jerusalem") ist eines der wichtigsten Dokumente der Zeitgeschichte.
Arendt studierte in Marburg, Heidelberg und Freiburg Philosophie und Theologie. Die Begegnung mit Karl Jaspers blieb für ihr weiteres Leben entscheidend und zog eine lebenslange Freundschaft nach sich. 1928 promovierte die damals 22-Jährige bei Jaspers mit einer Disseration über den "Liebesbegriff bei Augustin".
Bereits früh hatte sie die Bedrohung durch die Nationalsozialisten erkannt. Nach einer Hausdurchsuchung in Berlin blieb ihr nur noch das Exil. Nach einem Aufenthalt als Sozialfürsorgerin für jüdische Jugendliche in Paris gelangte sie 1941 in die USA, die ihr zur zweiten Heimat wurden. Bald beherrschte sie das Englische genauso gut wie ihre Muttersprache. In ihrem 1951 erschienenen dreibändigen Hauptwerk "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" analysierte sie die totalitären Strukturen ihres Jahrhunderts weit über Hitler und Stalin hinaus auch auf die moderne Industriegesellschaft bezogen. Später setzte sie sich auch mit dem Krieg in Vietnam, mit den Rassenkonflikten in den USA und der Studentenrevolte der 60er-Jahre auseinander. Eine ihrer umstrittensten Thesen aber war die nach dem Eichmann-Prozess gewonnene Erkenntnis, dass Juden mitschuldig an der Ermordung durch die Nazis geworden seien. Die weltweite Kritik traf sie daraufhin wie "ein Wetter ohne Schirm". Das hatte sie in ihrer Monografie 1959 selbst einmal über Rahel Varnhagen gesagt.
Im Anschluss an die Dokumentation von Jochen Kölsch wiederholt ARTE ein "Zur Person"-Gespräch mit Günter Gaus aus dem Jahre 1964 (23.30 Uhr). Darin erläutert Hannah Arendt ihren schwierigen Lebensweg ebenso wie ihre Sicht auf die Gesellschaft und die Politik des 20. Jahrhunderts. Unter dem Titel "Hannah Arendt in New York" zeigt ARTE schließlich um 0.05 Uhr erstmals im deutschen Fernsehen ein Interview, das sie 1973 in New York mit dem französischen Journalisten Roger Errera führte. Die Philosophin zeichnet darin ein ambivalentes Bild Amerikas und einer zunehmend apolitischen Konsumgesellschaft in der westlichen Welt. Ihre Analysen erscheinen dabei, laut ARTE, "geradezu prophetisch".
Wilfried Geldner
Hannah Arendt nach ihrer Emigration aus Deutschland 1933 in Paris, wo sie jüdische Jugendliche betreute. (BR / Hannah Arendt Trust)
Hannah Arendt im Pariser Exil in den 30er-Jahren. Dort lebte sie von 1933 bis 1941. (BR / Hannah Arendt Trust)
Die deutsch-jüdische Philosophin Hannah Arendt lebte nach ihrer Emigration aus Deutschland bis 1941 in Paris. (BR / Hannah Arendt Trust)
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