(tsch) Andere Leute auszufragen - darin hat Joko Übung. Seit einem Jahr moderiert der 27-Jährige "Total Request Live", die wohl wichtigste MTV-Show (Montag bis Freitag, 16:00 Uhr), und präsentiert täglich die Top-Ten der aktuellen Musikhits. Große und kleine Stars geben sich in seiner Sendung regelmäßig die Klinke in die Hand. Selbst interviewt zu werden, findet der VJ aus Mönchengladbach dagegen "irgendwie komisch". "Leute stellen mir Fragen, bei denen ich denke: Krass, das interessiert wirklich?" Durchaus.
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"Hallo, hier ist Joko!" - Am Telefon meldet sich ein gut gelaunter, redseliger Joachim Winterscheidt. Dabei müsste er eigentlich noch sein Interview mit Virginia Jetzt! vorbereiten. In vier Stunden wird der "TRL"-Moderator die Berliner Popper live im Studio begrüßen.
Seit einem Jahr empfängt der Mönchengladbacher bei MTV prominente Gäste, die sich gerade in den Charts tummeln - "kredibile" Rockbands wie Mando Diao, aber auch die Creme de la Creme des deutschen HipHop. "Früher habe ich diese Art von Musik nicht so gemocht. Durch meinen Job setze ich mich mehr damit auseinander und denke mir, so stumpf sind die Leute, die dafür stehen, gar nicht." Weniger Verständnis zeigt Joko bei Crazy Frog und seinen Klingelton-Kollegen: "Diese Retorten-Produkte gehören nun mal dazu. Aber die Macher sollten sich vielleicht überlegen, ob es nicht mehr Geld bringt, wenn man langfristig eine Band aus dem Keller holt", sagt der VJ, der selbst Fan authentischer englischer Musik und bekennender Piano-Liebhaber ist.
Dass Joko - den Spitznamen brachte Joachims Vater von einer Geschäftsreise nach Finnland mit - bei MTV vor der Kamera landete, war ohnehin eher Zufall. Eigentlich fing Joachim nach dem Abitur eine Ausbildung zum Werbekaufmann an. Anstatt über spritzigen Werbeslogans und ausgefallenen Kampagnen musste der Kreativkopf jedoch über trockener Buchhaltung brüten. Also brach er die Ausbildung ab und versuchte es als ... Pilot. Völlig unvorbereitet erschien er zum Einstellungstest in Hamburg und erlitt eine Bruchlandung. "Wenn ich erst etwas lernen muss, um überhaupt genommen zu werden, dann ist es das eben nicht."
Wo er nun doch schon in der Hansestadt war, bewarb sich der Sunnyboy für ein Praktikum bei der dort ansässigen Produktionsfirma MME, wo er brav das volle Programm absolvierte - Praktikum, Volontariat, Jungredakteur. Als fest angestellter Redakteur arbeitete Joachim bereits für Sender wie vox, ARTE, RTL und schließlich für MTV. Bei einem Dreh lernte er Markus Kavka kennen. Der Musik-Ancorman schlug dem Jungen mit dem lustigen Namen vor, es doch einmal vor der Kamera zu probieren. Und so stand er eines Tages mit hektischen Flecken übersät beim Casting vor fünf MTV-Leuten. "Ganz ehrlich: Ich habe mir in die Hosen gemacht", erinnert sich Joko. "Als Erstes wollten die wissen, womit ich MTV verbinde. Ohne lang zu überlegen, antwortete ich: Klingeltöne. Kurz danach dachte ich: Alter, das war nicht so clever."
Dennoch stand der Freizeit-Fußballer schon kurze Zeit später neben alten MTV-Hasen wie Mirjam Weichselbraun und Patrice vor der Kamera - wenn auch mit Startschwierigkeiten. "Am Anfang wurde ich im McDonald von einem Jungen angepöbelt: 'Was du von dir gibst, ist Scheiße. Lern erst einmal Moderieren.'" In den ersten Sendungen habe er sich auch selbst dabei ertappt, bestimmte Floskeln von Markus Kavka zu übernehmen. "Das war nicht so cool." Inzwischen ist Joko einfach nur er selbst und hat sein eigenes Markenzeichen: "schlechte Witze". Auch sein ärgster Kritiker findet ihn inzwischen ganz in Ordnung. "Den Typ habe ich vor kurzem in einem Club zufällig wiedergetroffen. Er kam auf mich zu und entschuldigte sich bei mir. Meine Sendungen fände er heute gar nicht mehr so übel."
In Berlin passiert es sonst eher selten, dass Joachim angesprochen wird. In dem 15.000-Seelen-Dorf bei Mönchengladbach, aus dem er kommt, sei das dagegen ganz anders. "Da wird einem hinterhergeguckt. Auf der Straße grüßen dich auf einmal Leute, die sich vorher nie für dich interessierten. Mädchen fragen nach Autogrammen." In solchen Situationen zollt der sympathische Blonde seiner Freundin tiefen Respekt: "Sie bleibt da ganz entspannt, auch wenn ich einmal vor der Kamera offensichtlich mit Mirjam Weichselbraun flirte."
Die attraktive "TRL"-Kollegin ist derzeit auf dem aufsteigenden Ast: Schauspielerei, zahlreiche Moderationen. Was seine eigene Zukunft angeht, gibt sich Joko bescheiden. "Es wäre vermessen zu sagen, 'TRL' ist keine Herausforderung mehr für mich. Außerdem bin ich hier momentan in trockenen Tüchern. Ich wäre blöd, mich jetzt nach etwas Neuem umzusehen." Dennoch: Mit 34 will er kein Berufsjugendlicher mehr sein. "Da wäre ich dem Publikum längst entwachsen."
Nina Hortig
Joko ist VJ bei MTV - der Traumberuf vieler junger Leute. Der 27-Jährige dagegen kam eher zufällig zum Musiksender. (MTV)
Nach vierjähriger Schule - Praktikum, Volontariat, Jungredakteur - landete Joachim Winterscheidt alias Joko bei MTV. Dort moderiert er seit einem Jahr die Charts-Show "TRL". (MTV)
Datum: 16.09.2006
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