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Ani DiFranco - Reprieve

"Popsongs sind todlangweilig"

Sängerin Ani DiFranco

(tsch) Ani DiFranco hat etwas, das im Musikgeschäft oft verloren geht: Courage. Sie pfeift auf Chartplatzierungen, dreht keine Musikvideos und achtet selbst bei kurzen Ruhephasen penibel darauf, dass sie schon bald wieder aufbrechen kann, um Konzerte zu geben. Die 35-jährige Sängerin, Liedermacherin und Gitarristin ist zwar eine der erfolgreichsten unabhängigen Musikerinnen der USA - ihr neues Album "Reprieve" steht zurzeit an dritter Stelle auf der Erfolgsskala des Independent-Genres - doch Zahlen sind für die Südstaatlerin wie Schall und Rauch. Lieber spricht sie mit Menschen auf der Straße, die im günstigsten Fall ihre Musik hören, mögen und dankbar sind, einen Star zu treffen, der keiner sein will. Es kommt nicht von ungefähr, dass Ani DiFranco nur äußerst selten Interviews gibt. Dafür bleibt oft keine Zeit. Sie steht lieber auf der Bühne, als sich zu gerieren. Anlässlich ihrer Rückkehr ins geschundene New Orleans, wo sie ihr neues Album "Reprieve" aufnahm, kurz bevor die Dämme brachen, macht sie eine Ausnahme und spricht über den Kampf gegen die Flut, denkt darüber nach, wie die USA noch die Kurve kriegen kann und wieso sie kein Misstrauen kennt.

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teleschau: Sie nahmen Ihr neues Album in New Orleans auf, kurz bevor Hurrikan Katrina kam. Welche Erinnerungen haben Sie an die Katastrophe?

DiFranco: Ich gehörte zu den Glücklichen, die noch rechtzeitig fliehen konnten. Mein Studio hier wurde nicht zerstört. Aber ich musste zurück, noch während das Chaos in vollem Gange war. Die Masterbänder meines kompletten neuen Albums waren im Studio geblieben. Wir kamen also zurück in diese verlassene Stadt, in der jeder auf sich alleine gestellt war. Überall sahen wir verarmte Menschen, die verstört, krank und verzweifelt durch die Gegend irrten. Unser Auto war wie ein rotes Signallicht, schließlich war der Tank voll mit Benzin, nach dem alle gierten. Wir verschwanden also schnell wieder, als wir die Bänder hatten. Trotzdem fühle ich mich privilegiert, dass ich diese schockierenden Bilder mit eigenen Augen gesehen habe.

teleschau: New Orleans wird derzeit auf allen Fernsehkanälen thematisiert. Es scheint, als diene allein der Jahrestag der Katastrophe dazu, die Zustände vor Ort nochmals ins Gedächtnis zu rufen.

DiFranco: Der amerikanische Medienzirkus ist eine Sache für sich. Ich bin aber froh, dass die Leute wieder über das reden, was geschehen ist. Der Filmemacher Spike Lee hat zum Beispiel eine Dokumentation darüber gedreht. Das erinnert die Amerikaner daran, was sie für eine Regierung haben und dass es bald Wahlen gibt. Ich sehne mich danach, dass die Menschen aktiv werden und eine neue Regierung an die Macht bringen.

teleschau: Sie hatten immer eine starke Stimme für soziale Probleme wie Rassismus, Homosexualität, Armut und sexuellen Missbrauch. Denken Sie, dass diesen Themen von den Medien genug Aufmerksamkeit geschenkt wird?

DiFranco: Nein. Die Medien sind so voll von Gefälligkeitsdiensten und Obrigkeitsgehorsam. In den USA gibt es so viel unbrauchbaren Journalismus. Wirklich ausgeglichene korrekte Berichterstattung findet man kaum. Ich muss jeden Morgen in einem Land aufwachen, in dem lieber über irgendwelche Sensationen wie entführte kleine Mädchen oder die Wehwehchen eines Prominenten berichtet wird als darüber, dass wir uns in einem Krieg befinden.

teleschau: Entwerfen Sie sich aus diesem Grund als oppositioneller Gegenentwurf zum Popmusikgeschäft?

DiFranco: Das spielt auch eine Rolle. Der wichtigste Grund ist aber die notwendige Respektlosigkeit gegenüber den Mächtigen und der Wille, nicht im Popzirkus mitzuspielen und nicht eine Welt zu akzeptieren, in der Profitstreben wichtiger ist als Menschlichkeit. Mit meiner Kultur, meinem Medium, der Musik, probe ich den gesellschaftlichen Umsturz.

teleschau: Was halten Sie von engagierten Kollegen wie Bono von U2, der mittlerweile fast berühmter ist für seine wohltätige Arbeit für die Dritte Welt als für seine Musik? Oder Neil Young, der mit seinen Songs gegen die Bush-Regierung kämpft?

DiFranco: Ich gehe mit solchen Engagements ganz konform. Schließlich bin ich ja auch eine echte Aktivistin und mache meine eigenen Projekte. Ich war zum Beispiel in Washington DC, um Lobbyarbeit vor den Kongresswahlen zu betreiben. Ich traf mich mit Abgeordneten und kooperierte mit politischen Organisationen. Jedes meiner Konzerte hat ein politisches Motto.

teleschau: Sie gehören zu den erfolgreichsten unabhängigen Sängerinnen und Liedermacherinnen der USA. Wie immun sind Sie wirklich gegen die Vereinnahmung durch wirtschaftliche Belange?

DiFranco: Man ist, was man ist. Ich versuche einfach, mir selbst gegenüber ehrlich zu bleiben und mich damit zu schützen, so wie alle anderen im Musikgeschäft zu werden. Mein ganzes Selbst ist so sehr gegen all das ausgerichtet, gerade weil ich einen alternativen Weg für mich entdeckt habe und ihn weiter gehen werde.

teleschau: Wie oft bot man Ihnen den Apfel an?

DiFranco: Es ist schon viel Zeit vergangen, seit mich Plattenfirmen umwarben. Mittlerweile bin ich ja bekannt dafür, solche Angebote nicht ernst zu nehmen. Aber solche Entscheidungen muss ich jeden Tag treffen. Mein Manager hat mich zum Beispiel die letzten Wochen damit belästigt, dass ich doch unbedingt eine Rolle in einem großen Hollywoodfilm übernehmen solle. Ich war aber strikt dagegen, weil ich lieber Konzerte geben und Musik machen möchte. Oft sind es aber auch Angebote, mit prominenten Bands aufzutreten, obwohl das überhaupt nicht künstlerisch begründet wäre. Ich muss einfach weiterhin meinen Instinkten trauen.

teleschau: Als Sie vor einigen Wochen im New Yorker Central Park auftraten, sagten Sie, dass alle Journalisten Sie stets über Feminismus befragen wollen. Nun?

DiFranco: Es enttäuscht mich, dass wir uns von diesem Wort distanzieren. Es ist doch so simpel, dass es in jedem Wörterbuch steht: Feministen setzen sich dafür ein, dass Frauen genauso behandelt werden wie Männer. Darüber sind wir uns doch alle einig. Nur niemand nennt sich heute noch Feminist, erst recht nicht in Amerika. Dabei sollte sich unser Selbstbewusstsein doch mittlerweile so sehr entwickelt haben, dass wir zu dieser Auffassung stehen können. Aber wenn wir uns nicht Feministen nennen, können wir auch nicht in der Tradition des Begriffes handeln. Es wird viel zu viel Zeit und Energie verschwendet, sich davon zu distanzieren.

teleschau: In Ihrem Gedicht "Reprieve", nach dem das Album betitelt ist, schließen Sie mit den Zeilen: "Feminism ain't about equality - it's about reprieve." Was liegt Ihrer Meinung nach immer noch im Argen zwischen den Geschlechtern?

DiFranco: Ich lebe in Krisenzeiten. Meine Regierung kämpft einen nicht-legitimierten Krieg, und wir alle rutschen langsam, aber sicher ins Unheil. Es gibt so viele Probleme in meinem Land: von Rassismus bis hin zu den schlimmen Geschehnissen, die um mich herum in New Orleans passieren. Es kann keinen Frieden ohne Balance geben. Und Balance gibt es nicht im Patriarchat. Es ist von Natur aus unausgeglichen. Ich meine, dass wir gemeinsam in einem ersten Schritt das Patriarchat angehen müssen, um all die sozialen Probleme lösen zu können.

teleschau: Inwiefern?

DiFranco: Männer sind toll, aber sie machen nur die Hälfte der menschlichen Empfindsamkeit aus. Die maskuline Psyche ist mehr auf das Individuum fixiert, was zur Hierarchie führt, woraus wiederum Aggression entsteht. Die feminine Psyche konzentriert sich im Gegensatz dazu auf Beziehungen. Das sind natürlich grundlegende Unterschiede in der mentalen Orientierung. Aber wenn wir dazwischen eine Balance herstellen können über die Regierung, unsere Kultur, dann wären wir einen großen Schritt weiter. Momentan schauen wir nur auf die Wunde und nicht auf den verletzten Körper als Ganzes.

teleschau: Obwohl "Reprieve" kein Konzeptalbum ist, weht teils eine deutliche politische Brise. Sie singen gegen Krieg und wettern in "Millenium Spectacle" gegen Medienspektakel. Denken Sie, ein Singer / Songwriter hat die Pflicht, solch kritische Statements abzugeben?

DiFranco: Ich habe vielleicht nicht die Pflicht, aber zumindest die Verantwortung. Diese Verantwortung teile ich aber mit jeder anderen Person, egal, was sie tut, was ihr Job ist. Als Mensch sollte jeder das zum Ausdruck bringen, was er fühlt und denkt, und am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen. Dass ich über meine Überzeugungen Lieder machen kann, die auch ein Publikum finden, ist eine Chance.

teleschau: Manche sagen, Sie seien gefährlich.

DiFranco: Ich bin wirklich nicht gefährlich. Aber vielleicht bin ich ein bisschen mächtig. Ich bekomme jedenfalls unzählige Briefe zugesandt, aus denen ich viel Liebe ziehe. Das ist einer der wichtigsten Teile meines Berufs, den ich mir selbst auf den Leib geschrieben habe: eine Inspirationsquelle zu sein für so viele Menschen, die ich darin bestärken kann, ihren eigenen Weg zu gehen und nicht akzeptieren zu müssen, was ihnen aufoktroyiert wird. Das ist eine Form von Macht.

teleschau: Was auch daran liegen mag, dass Sie auf der Bühne teils sehr private Erlebnisse mit dem Publikum teilen. Wieso sind Sie ohne Misstrauen?

DiFranco: Das ist wohl die Folksängerin in mir. Ich bin in einer Umgebung aufgewachsen, in der ganz normale Leute auf der Bühne standen und ihr Herz in Form von Liedern ausgeschüttet haben. Das ist keine große Show. Es geht nur darum, man selbst zu sein. Das ist wohl mein Instinkt, die Zuhörer wie Freunde zu behandeln, für sie und mich selbst da zu sein. Ich habe immer vermieden, eine öffentliche Person zu sein, das heißt: mich öffentlich zu produzieren. Ich lese zum Beispiel auch nichts, was über mich geschrieben wird oder wage mich in die Nähe eines Online-Chatrooms. Schließlich könnte das meine ganze Woche ruinieren. Ich konzentriere mich lieber auf meine Arbeit und die lieben Menschen um mich herum. Öffentliche Meinung hat damit herzlich wenig zu tun. Je offener man einem Menschen begegnet, desto offener ist dieser auch selbst. Misstrauen stört da nur.

teleschau: Ihre Musik ist zwar sehr melodisch, aber teilweise auch kantig. Haben Sie jemals versucht, einen echten Popsong zu schreiben?

DiFranco: Genau das Gegenteil! Wenn ich mich dabei ertappe, dass sich das, was ich gerade komponiert habe, auch nur ein bisschen poppig anhört, ändere ich das sofort. Popmusik halte ich für todlangweilig. Ich strebe nicht danach, so was zu kreieren, sondern so was zu vermeiden.

teleschau: Kann Musik heilen?

DiFranco: Das Schöne an Musik ist, dass sie nicht nur auf den Zuhörer heilende Wirkung hat, sondern auch auf den Musiker selbst.

teleschau: Wovon haben Sie sich selbst geheilt?

DiFranco: Songs zu schreiben und auch die Songs anderer Musiker zu hören, hat mir durch wirklich schwere Zeiten geholfen. Das schönste und bestärkendste Erlebnis für mich aber hat nur indirekt mit der Musik zu tun: Wenn ich auf der Straße angesprochen werde und mir jemand erzählt, dass meine Musik ihr oder ihm dabei geholfen hat, eine schwierige Situation zu bewältigen. Einen schöneren Dank kann ich mir nicht vorstellen.

Leif Kramp


Mit dem Status Quo der Pop-Szene ist Ani DiFranco alles andere als zufrieden.
Mit dem Status Quo der Pop-Szene ist Ani DiFranco alles andere als zufrieden. (Righteous Babe)

Ani DiFranco singt "gegen eine Regierung, deren Teil ich nicht sein möchte".
Ani DiFranco singt "gegen eine Regierung, deren Teil ich nicht sein möchte". (Righteous Babe)

In ihrem neuen Album "Reprieve" weht eine deutliche politische Brise. Ani DiFranco singt darin gegen Krieg und wettert gegen Medienspektakel.
In ihrem neuen Album "Reprieve" weht eine deutliche politische Brise. Ani DiFranco singt darin gegen Krieg und wettert gegen Medienspektakel. (Righteous Babe)

Datum: 17.09.2006

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