Porträts von Menschen aus der Welt des Showbusiness
Die Familie als fremde Zone
Schauspielerin Anna Loos
Auf dem Promi-Parkett verkörpern Anna Loos und ihr Mann Jan Josef Liefers das bodenständig-schlagfertige Ost-Pärchen, welches seine kulturelle Prägung unter anderem durch die Auswahl seines Liedguts unter Beweis stellt. So ist die 39-Jährige heute festes Mitglied der Ostrock-Band Silly. Im Mai darf man sie deshalb als Sängerin auf Tour erleben. In ihrem anderen Beruf als Schauspielerin wendet sich Anna Loos hingegen im ZDF-Filmdrama "Wohin mit Vater?" (Mo., 29.03., 20.15 Uhr) einem Thema von durchaus überregionaler Bedeutung zu: Was sollen wir tun, wenn unsere Eltern alt werden? Im Interview spricht die Mutter zweier Töchter über entfremdete Generationen und eigene Schwierigkeiten bei der familiären Zukunftsplanung.
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teleschau: Wie sehr beschäftigt Sie das Thema des Films persönlich?
Anna Loos: Das beschäftigt mich sehr. Es ist eines der gegenwärtig wichtigsten Themen meiner Generation. Unsere Eltern kommen jetzt in ein Alter, in dem langsam, aber sicher nicht mehr alles einfach so funktioniert. Da tut der Rücken weh, sie bekommen Diabetes, Bluthochdruck und so weiter. Und natürlich müssen wir uns auch alle mit dem Sterben beschäftigen. In unserem Kulturkreis wird das Thema nach wie vor gerne verdrängt, was ja keineswegs selbstverständlich ist. Es gibt viele Kulturen, in denen der Tod weitaus weniger negativ besetzt ist.
teleschau: Wie könnte man den Dialog über Altern und Sterben in unserer Gesellschaft in eine positivere Richtung lenken?
Anna Loos: Ich glaube nicht, dass es Sinn macht, im Vorfeld alle möglichen Szenarien durchzuspielen und sich dafür Lösungen auf dem Reißbrett auszudenken. Am Ende kommt doch immer alles anders, als man denkt. Was man tun kann, ist, eine Nähe innerhalb der Familie aufzubauen und sie als Basis für ein eventuell später eintretendes Krisenszenario zu nutzen. Viele erwachsene Kinder haben zu ihren Eltern ein ähnliches Verhältnis, wie die Figur meines Film-Bruders, der von Hans-Jochen Wagner gespielt wird. Er macht ab und zu einen Pflichtanruf, kommt einmal im Jahr an Weihnachten vorbei, und im Prinzip wissen Eltern und Sohn sehr wenig voneinander. Ich habe zu meinen Eltern ein ganz anderes Verhältnis und bin sehr nahe an ihnen dran. Wenn man sich dagegen lange aus dem Weg gegangen ist, hat man vielleicht erfolgreich Konflikte vermieden - man hat sie aber auch nicht gelöst.
teleschau: Wer trägt die größere Schuld an der Sprachlosigkeit zwischen den Generationen? Die Eltern oder die Kinder ...
Anna Loos: Zunächst einmal sagt man: Eltern sind für ihre Kinder da und nicht umgekehrt. Es gibt aber einen Zeitpunkt im Leben, da dreht sich dieses Verhältnis um. Dass Sprachlosigkeit erst gar nicht entsteht, dafür sind erst mal die Älteren da. Doch auch sie können nur das geben, was sie selbst gelernt haben. Die Schuldfrage steht für mich nicht im Vordergrund, alle müssen sich umeinander bemühen. In unserer Familie war es immer selbstverständlich, dass man sich um die Eltern kümmert, wenn sie es nicht mehr selbst können. Doch ich kann verstehen, dass es ein Riesenproblem ist, die Eltern zu pflegen, wenn man sich längst von ihnen entfremdet hat.
teleschau: Im Film sind Sie diejenige, die in der Provinz wohnen geblieben ist - in der Nähe der Eltern -, während der Bruder weit weg in einer Großstadt lebt. Trägt unsere mobile Gesellschaft dazu bei, dass wir im Alter allein sind?
Anna Loos: Das ist auf jeden Fall ein wichtiger Faktor. Bei uns war es auch ein bisschen so wie im Film. Meine Schwester ist immer in Brandenburg geblieben, wo auch unsere Eltern wohnen. Ich dagegen bin weggegangen, lebte in Hamburg, München und jetzt in Berlin. Meine Schwester erlebte immer den Alltag meiner Eltern, und wie er sich veränderte. Ich hingegen musste mir das erfragen, erschließen. Die Globalisierung, dieses heute hier und morgen da - was sich in vielen Berufen heute auch gar nicht mehr vermeiden lässt - trägt auf jeden Fall zur Entfremdung von Familien bei.
teleschau: Sie sind in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Hatte die Gesellschaft dort eine bessere Antwort auf die Frage: Wohin mit Vater?
Anna Loos: Der Mauerfall liegt schon 20 Jahre zurück. Deshalb finde ich die Frage schwer zu beantworten. Sicherlich hat man auch im Westen vor - sagen wir - 30 Jahren anders gelebt und auch seine familiären Probleme etwas anders zu lösen versucht. Was aber sicherlich richtig ist - im Osten wurden familiärer Zusammenhalt und auch Freundschaften intensiver gepflegt. Nicht ganz uneigennützig, denn die DDR war ein einziger großer Markt. Gibst du mir dies, gebe ich dir das. Eigentlich war ja nichts zu bekommen. Aber wenn Familie und Freundeskreis zusammenhielten, konnte man auch in der DDR beispielsweise ein Haus bauen. Damals hat man gebaut, weil man wusste, es gibt genug, auf die man dabei zählen kann. Heute baut man erst dann, wenn einem die Bank erlaubt, sich hoch zu verschulden.
teleschau: Gab es in der DDR Altersheime?
Anna Loos: Ich weiß, dass es sie gab. Aber ich kenne aus meinem damaligen Umfeld niemanden, der ins Altersheim gezogen ist oder der dort einen Angehörigen hatte. Ich kannte nur Menschen, die ihre Eltern im Alter zu sich geholt haben oder die selbst wieder bei ihren Eltern eingezogen sind. Interessanterweise arbeitet meine Schwester heute als Krankenschwester in einem kirchlichen Altersheim. Ein sehr schöner Ort, wie ich finde. Eine alte Villa am Wald in Brandenburg. Auch meine Mutter war bis zu ihrer Pensionierung in der Pflege tätig. Sie fuhr herum und arbeitete für eine Einrichtung, die betreutes Wohnen ermöglichte. Vor diesem Hintergrund gab es in der Familie natürlich viel über meinen aktuellen Film zu diskutieren.
teleschau: Haben Sie mit Ihren Eltern auch geklärt, was passieren soll, wenn ihr Leben alleine nicht mehr funktioniert?
Anna Loos: Nein, nicht konkret. Wir pflegen ein gutes Verhältnis, stehen aber auf dem Standpunkt, dass man sich die gute Zeit nicht kaputt reden sollte. Ich weiß natürlich, welche Einstellung meine Eltern pflegen. Mein Vater würde niemals in ein Altersheim gehen, das fände er gruselig. Meine Mutter hingegen - die solche Häuser ja kennt - sagt, dass sie sich das schon vorstellen könnte. Sofern es ein schöner Ort ist. Meine Eltern leben in einem Haus, und sie besitzen daneben noch ein kleines Sommerhaus. Das bauen sie sich gerade altersgerecht um. Ich denke, der Plan ist, dass, wenn dem einen etwas passiert, der andere in das kleine Häuschen zieht, und meine Schwester das große Haus bekäme. Aber mal sehen ...
teleschau: Im Film wird eine Lösung vorgeschlagen, die in Deutschland zwar nach wie vor illegal ist, die aber dennoch überall praktiziert wird. Man engagiert eine bezahlbare Pflegekraft aus dem osteuropäischen Raum. Wie stehen Sie dazu?
Anna Loos: Sicher ist das eine gute Lösung für viele Menschen, die keine Alternative haben oder sich diese nicht leisten können. Fleißige Mädels aus der Ukraine, Polen oder sonst woher, die hier herüberkommen und putzen, die Kinder betreuen und auch immer mehr in der Altenbetreuung arbeiten. Wir haben im Filmteam intensiv darüber diskutiert, ob man das alles so einfach empfehlen kann. Schließlich lassen diese Menschen in ihrer Heimat andere Menschen zurück - ihre Kinder zum Beispiel. Das wird ja auch thematisiert im Film. Andererseits ist es so, dass diese Haushaltshilfen und Pfleger zu Hause oft gar keine Arbeit finden und dies eine Möglichkeit für sie ist, in Deutschland gutes Geld zu verdienen.
teleschau: Sollte man solche Arbeitsverhältnisse legalisieren?
Anna Loos: Auf jeden Fall, da bin ich ganz entschieden dafür. Es nutzt nichts, vor der Realität die Augen zu verschließen. Wir werden diese Art von Arbeit in Zukunft immer dringender brauchen.
teleschau: Ist unsere Gesellschaft zu egoistisch, wenn wir die Betreuung unserer Eltern nicht mehr selbst leisten können oder wollen?
Anna Loos: Mit Sicherheit ist unsere Gesellschaft egoistischer geworden. Die Frage ist nur, wie es dazu gekommen ist. Eine Gesellschaft nimmt sich nicht vor, egoistischer zu werden. Sie ist aus vielen Individuen zusammengesetzt, von denen sich ebenfalls keiner vorgenommen hat, in Zukunft egoistischer zu werden. Es sind die politischen Umstände und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die dazu führen, dass Menschen immer mehr an sich denken. Darüber sollte man sich schon Gedanken machen. Ich finde diese Entwicklung absolut Besorgnis erregend.
Eric Leimann
Anna Loos spielt in "Wohin mit Vater?" die Tochter eines Pflegebedürftigen. (teleschau)
Leben im Halbschatten: Susanne (Anna Loos, Szene mit Hans-Jochen Wagner) muss ihre Eltern pflegen und hat kaum Zeit, eigenen Bedürfnissen nachzugehen. (ZDF / Conny Klein)
Hilfe, die Eltern werden alt: Das Leben der Geschwister Susanne (Anna Loos) und Thomas (Hans-Jochen Wagner) wird sich drastisch verändern. (ZDF / Conny Klein)
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