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Road to Guantanamo

Road to Guantanamo

(tsch) Die Geschichte von Omar Khadr ist ein widernatürliches Drama. Der Jugendliche kämpfte für Osama Bin Laden in Afghanistan, schoss und tötete, wurde von US-Soldaten überwältigt und nach Kuba geflogen, um ihn zu internieren, zu befragen, mehr über die Terrorstrukturen von Al Qaida herauszufinden. Khadrs Geschichte ist erschütternd, weil der Junge gefoltert wurde - um der Wahrheit willen. Erschütternd auch, weil niemand die Wahrheit dieser Geschichte in Frage stellen kann, da die Taten den Folterern zugetraut werden, selbst von ihren Landsleuten. Die Täter, das ist hier im Film eine Regierung, die Folter als gerechtfertigtes Instrument im Kampf gegen das Böse benutzt. Das Böse ist abstrakt, lauert scheinbar überall. Und gerade weil es so abstrakt ist, trifft die offensive Abwehr- und Präventivmaschinerie auch viele Unschuldige.

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Das Schicksal von Omar Khadr schrieb Jett Tietz für das US-amerikanische Musikmagazin "Rolling Stone" auf, was zeigt, wie breit das Wissen über das im Namen eines Rechtstaates praktizierten Unrechts bereits gestreut ist. In die Popkultur ist das Gefangenenlager in der Guantanamo Bay auf Kuba aber, so ist zu hoffen, noch nicht eingegangen. Guantanamo ist indes, und das ist sicher, zu einem lebendigen Mahnmal geworden für einen Krieg, in dem Terror mit Folter bekämpft wird. Die Gefahr muss gebannt werden, offenbar mit allen (un)denkbaren Mitteln.

Wenn selbst für ihre Qualität prämierte Fernsehformate wie die Echtzeitserie "24" Befragungsmethoden zeigt, die Menschlichkeit und Rechtstaatlichkeit den Ermittlungszielen unterordnen, sagt das eine Menge aus über die Präsenz von Gewaltmotiven in der Gesellschaft. Dies bloß unkonventionell zu nennen, wäre zynisch. Ob mit solch medialem Feuerschutz Verständnis für das Vorgehen der US-Regierung erzeugt oder eben dieses kritisiert werden soll, macht dabei keinen Unterschied mehr: Fest steht, dass das Lager, obwohl die Unterhaltungsindustrie - mit welchen Intentionen auch immer - das Brennglas darauf richtet, immer noch operieren kann.

Um so couragierter ist daher das Anliegen des britischen Filmemachers Michael Winterbottom, der mit der suggerierten Authentizität eines Doku-Dramas förmlich in die Welt hinausschreit, dass und vor allem was für ein Unheil geschieht. Die trotz in den letzten Jahren immer häufiger veröffentlichten Berichte über sadistische Praktiken seitens der US-Bewacher abstrakt bleibenden Inhaftierten bekommen bei Winterbottom ein Gesicht - drei, um genau zu sein. In nachgedrehten Sequenzen erzählt er die Schilderungen dreier afghanischer Flüchtlinge, die jahrelang zu Unrecht aus ihrem Leben gerissen, gefoltert und entmenschlicht wurden. Bei den diesjährigen Berliner Filmfestspielen brachte Winterbottoms ambitioniertes, weil zorniges Werk Zuschauer in Aufruhr, anderen verschlug es die Sprache. Solch ein Film kann nicht nur Festivalstimmung ruinieren, er macht mit Sicherheit jeden schönen Kinoabend zunichte.

Aber er provoziert Meinungsbildung, verursacht ein Wechselbad der Gefühle. Kopfschütteln ist da noch die zurückhaltendere Reaktion. Winterbottom erhielt vor einigen Jahren den Goldenen Berlinale-Bären für sein Flüchtlingsdrama "In this World". Mit "Road to Guantanamo" knüpft er nahtlos an sein engagiertes politisches Wirken an, obwohl er freilich auch ganz anders, ganz seicht kann, wie er mit dem Konzertsexstreifen "9 Songs" oder dem farblosen Zukunftsdrama "Code 46" gezeigt hat.

Die Frage bleibt, welchen Einfluss Kunst - und auch der realistischste Film bleibt immer Kunst - auf den Schrecken der Wirklichkeit haben kann. Es hat sich gezeigt, dass es doch eher die Gerichte sind, die mit ihren wohl abgewägten, nüchternen Entscheidungen ein Umdenken in der Politik zumindest anstoßen. Doch Kunst ist immer auch ein Signal oder gar eine emotionale Initialzündung wie in diesem Fall; denn kalt lässt es wohl niemanden, wenn deutlich wird, wie hilflos ein Individuum dem tumben Rechtsverständnis eines von Gier- und Angstfantasien geprägten Weltbildes ausgeliefert sein kann. Unglaublich, dass die bedeutende Schuldfrage hinter eine degenerierte Strafverfolgung zurücktritt, die nicht nur von verabscheuungswürdigen, sondern von Experten auch als untauglich eingestufte Behandlungsmethoden gekennzeichnet ist. Wer ist Opfer, wer ist Täter, wer ist beides? Eine Frage, die nicht im Kinosaal verschallen sollte.

Leif Kramp

Credits:
V:Falcom, GB 2006, R: Michael Winterbottom, Mat Whitecross, D: Arfan Usman, Farhad Harun, Rizwan Ahmed u.a.

Laufzeit: 95 Min.

Kinostart:
21.9.06


Ein Soldat der Nordallianz hält den 19-jährigen Shafiq (Riz Ahmed) fest.
Ein Soldat der Nordallianz hält den 19-jährigen Shafiq (Riz Ahmed) fest. (Falcom Media Group)

Die drei Freunde Shafiq (Rizwan Ahmed, links), Ruhel (Farhad Harun, Mitte) und Asif (Arfan Usman) sind auf der Flucht.
Die drei Freunde Shafiq (Rizwan Ahmed, links), Ruhel (Farhad Harun, Mitte) und Asif (Arfan Usman) sind auf der Flucht. (Falcom Media Group)

Nach ihrer Gefangenschaft werden Ruhel (Farhad Harun, links), Shafiq (Riz Ahmed, Mitte) und Asif (Arfan Usman) immer wieder vom britischen Geheimdienst verhört.
Nach ihrer Gefangenschaft werden Ruhel (Farhad Harun, links), Shafiq (Riz Ahmed, Mitte) und Asif (Arfan Usman) immer wieder vom britischen Geheimdienst verhört. (Falcom Media Group)

Datum: 17.09.2006

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