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In den Süden

In den Süden

(tsch) Der Süden ist immer ein Traumziel, die ganze Himmelsrichtung verspricht Erholung, Entspannung und Abenteuer. Also schickt Laurent Cantet seine Protagonistinnen "In den Süden" (2005) - nach Haiti in den Urlaub. Ende der 70er-Jahre, als Diktator "Baby Doc" Duvalier die karibische Insel mit eiserner Faust und ohne Rechtsverständnis regierte, beobachtet der französische Regisseur drei weiße Frauen um die 50, die sich in den lauen Nächten von schwarzen Männern verwöhnen lassen. Der weibliche Sextourismus ist aber nur die vordergründige Ebene eines intensiven und exzellent gespielten Dramas, das sich mit privaten Machtspielen, dem Kampf der Kulturen sowie subtilem und offen zur Schau getragenem Rassismus beschäftigt.

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Ellen (Charlotte Rampling), Brenda (Karen Young) und Sue (Louise Portal) verbringen ihren Jahresurlaub in einem Strandressort auf Haiti. Die Nordamerikanerinnen, sie kommen aus den USA und Kanada, suchen erotische Abenteuer. Aber geht es nur um Sex, wie sich die drei Damen das so gerne einreden? Nein. Es geht um mehr, um viel mehr, wenn man Ende 40, Anfang 50 ist und der Körper zu welken beginnt. Der Sex, den sie zu Hause wegen des Jugendwahns ihrer (ehemaligen) Männer nicht mehr bekommen, ist die Oberfläche, unter der sich die Sehnsucht, das Flehen um Geborgenheit, um Liebe gar, verbirgt

Brenda erzählt in einer von Laurent Cantet geschickt eingebauten Interviewszene von ihrem ersten Orgasmus. Den hat sie mit Mitte 40 erlebt, als sie sich, fasziniert von Legbas (Ménothy Cesar) Körper, einfach auf ihn setzte, ihn nahm, für ihre Lust gebrauchte. Damals war sie mit ihrem Mann auf Haiti, heute ist sie von ihm getrennt und zurückgekommen, weil sie die körperliche Erfüllung für Liebe hält. Doch sie muss sich Legba teilen, vor allem mit der zynischen Uni-Dozentin Ellen. Legba gehört allen, und Legba entscheidet selbst, wem er seine Dienste für Geld, Drinks und Klamotten zur Verfügung stellt.

Ellen und Brenda kämpfen den genauso ewigen wie peinlichen Kampf der Eifersucht um Legba. Mit einer Mischung aus Naivität und Lustgewinnmaximierung sind sie dabei aber eigentlich nur auf der Suche nach einem Stückchen verlorenem Glück. Aber kann es Glück geben, wenn draußen die Welt von einem Diktator in ein brutales Chaos geschickt wird. Wenn Menschen getötet werden, gefoltert oder einfach verschwinden? Am gepflegten Strand, in dem kleinen Hotelressort mit den sauberen Zimmern ist Haiti ein Paradies. Unwirklich und fehl am Platz. Ein paar Kilometer weiter herrscht die höllische, die brutale Wirklichkeit eines diktatorischen Regimes, das in den letzten Zügen liegend zerstörerische Wellen der Gewalt über das verarmte Land schickt.

Es sind eine Menge Gegensätze, mit denen Laurent Cantet seine intensive Auseinandersetzung mit den Mechanismen von Lust, Hingabe und falscher Liebe erzählt: arm und reich, schwarz und weiß, Politik und Erotik, Liebe und Tod. Die Frauen gehen damit unterschiedlich um. Sie ignorieren die Gefahren oder kümmern sich einfach nicht darum. Aber ihre Gefühle entgleiten ihnen, weil die wohlbekannte Ordnung ihrer einfachen Welt unaufhaltsam zerbröselt und Chaos hinterlässt. Ein Chaos, in dessen Trümmern falsche Gefühle, zerstörte Hoffnungen und eine ganze Menge Ignoranz herumliegen.

Mit ausnahmslos beeindruckenden Darstellerinnen, umwerfender Direktheit und einer ausgefeilten Erzählstruktur, hat Laurent Cantet mit "In den Süden" eines der Kinohighlights des Jahres geschaffen. Der Tabubruch des weiblichen Sextourismus ist das Vehikel für eine umfassende Betrachtung der Welt, in der sich persönliche Dramen abspielen, die sich angesichts der äußeren Umstände ganz schnell relativieren. Es geht hier auch ganz wesentlich um Rassismus und westliche Arroganz gegenüber der dritten Welt. Das alles ist klug bebildert und von einem beiläufigen Realismus. Ganz ähnlich seinen beiden sozialkritischen Vorgängerfilmen "Ressources humaines" und "Auszeit", in denen er persönliche und globale Konflikte in der modernen, auf Profit orientierten westlichen Gesellschaft verhandelte.

Cantet verbindet das Kleine mit dem Großen, das Persönliche mit dem Politischen und beginnt damit gleich in der ersten Szene, als er auf dem Flughafen, auf dem Brenda ankommt, eine Frau um die Zukunft ihrer Tochter betteln lässt. Am Ende steht eine in der Aussage ähnliche Szene. Die Leichen von zwei ermordeten Schwarzen liegen am Strand. Aber die örtliche Polizei interessiert sich nicht für die Aussagen der weißen Frauen und degradiert sie zur Bedeutungslosigkeit von Touristen, die auf der Insel sind, um sich zu amüsieren und Dollars ins Land zu bringen.

Andreas Fischer

Credits:
V:Alamode, F / CDN 2005, R: Laurent Cantet, D: Charlotte Rampling, Karen Young, Ménothy Cesar u.a.

Laufzeit: 108 Min.

Kinostart:
21.9.06


Ellen (Charlotte Rampling) will Legba (Ménothy Cesar) am liebsten besitzen.
Ellen (Charlotte Rampling) will Legba (Ménothy Cesar) am liebsten besitzen. (Alamode Film)

Brenda (Karen Young, rechts) sucht am Strand von Haiti mehr als Sex.
Brenda (Karen Young, rechts) sucht am Strand von Haiti mehr als Sex. (Alamode Film)

Ellen (Charlotte Rampling) ist von Legba (Ménothy Cesar) fasziniert.
Ellen (Charlotte Rampling) ist von Legba (Ménothy Cesar) fasziniert. (Alamode Film)

Datum: 17.09.2006

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Diskussion: "In den Süden"

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