(tsch) Der Schlaf gehört zu den unerforschten Dingen unserer Lebens. Wir wissen, dass wir ihn brauchen, aber nicht, was er ist und können den Zustand kaum beschreiben. Nur eines ist sicher: Lang kann der Mensch ohne ihn nicht auskommen. Regisseur Christopher Nolan (sein neuer Film "The Prestige" kommt am 11. Januar 2007 in die Kinos) mag offenbar solche Ausnahmezustände. In "Memento" jagte er einen Mann ohne Gedächtnis durch seine Vergangenheit, und im Herbst 2002 schickte er Al Pacino auf die Reise in ein Land, in dem die Sonne niemals untergeht: "Insomnia - Schlaflos". RTL zeigt den Thriller, der sich wahrlich nicht nur für durchwachte Nächte eignet, nun als Free-TV-Premiere.
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Zu Beginn fliegt die Kamera über eine Eislandschaft - es ist so hell, dass der Zuschauer geblendet wird. Er soll mitleiden mit dem Protagonisten, einem Detective aus Los Angeles. Obwohl: Will Dormer (Al Pacino) ist nicht irgendein Kriminalbeamter. Er hat einen messerscharfen Verstand und analysiert den Mord an einem 17-jährigen Mädchen schnell und präzise, fügt Puzzleteile in kürzester Zeit zusammen, wofür Standardermittler sonst 90 Minuten brauchen.
Es muss also um noch etwas anderes gehen. Tatsächlich - die Helligkeit in Alaska bringt Al Pacino um den Schlaf und greift sein Nervenkostüm an. Weil die Sonne nicht untergeht, gibt es für ihn kein Augenverschließen. Er ist diesem Umstand ausgeliefert, der ihm die Macht über sein Leben nimmt.
Nur schemenhaft bleibt der Mord, der mit Einblendungen immer wieder ins Gedächtnis des Zuschauers gebracht wird, Leitmotiv des Filmes. Im Vordergrund steht eher die Figur des Polizisten. Das funktioniert ebenso, wie "Memento" funktioniert hat. Doch "Memento" war perfekter; der erste Film, der schlüssig und spannend von hinten aufgerollt wurde. "Insomnia" hingegen unterhält nur, wenn nicht allzu viel verraten wird, wenn man als Zuschauer sich treiben lässt, ohne zu wissen, wohin die unruhige Atmosphäre, die Lichtspiele und schließlich die Halluzinationen des Hauptdarstellers führen sollen. Auch ein Scheibenwischer, der nur seine Arbeit tut, wirkt irgendwann im Verlauf dieses Psychothrillers beklemmend.
Al Pacino altert fast so schnell, wie er Fälle löst. Jede Furche in seinem Gesicht zeigt sein Leid, und es scheinen ständig mehr zu werden. Dank Pacinos ungebrochener Ausstrahlungskraft überträgt sich seine zunehmende Unsicherheit auf den Zuschauer - und das ist das Beste, was einem solchen Film passieren kann.
Mit dem Auftritt von Robin Williams, der der Tat verdächtig ist, versuchte Nolan nue zu gewichten, geriet dabei jedoch ein Stück zu weit in pathetische Krimigefilde. Damit bot er zwar Williams die Möglichkeit, sich entgegen seines Images zu profilieren, doch schadete er dem Anliegen, von gebrochenen Helden zu erzählen. Leider musste die Oscar-prämierte Hilary Swank als Hilfs-Cop für die unglücklichen, fast ärgerlichen Wendungen herhalten. Obwohl sie sich Mühe gab, kann sie nicht so glänzen wie die Eisberge zu Beginn - und allein die machen diesen Thriller schon sehenswert.
Gerd Hilber
Die Schlaflosigkeit durch die Mitternachtssonne hat Wills (Al Pacino, links) Urteilsvermögen geschwächt. Verzweifelt muss er erkennen, dass die Falle, die er Finch (Robin Williams) gestellt hat, nicht zugeschnappt hat. (RTL)
Detective Will Dormer (Al Pacino) erkennt, dass es nicht mehr um irgendeinen Mordfall an einer 17-Jährigen geht - hier geht es um seinen eigenen Kopf. (RTL)
Die intelligente Nachwuchspolizistin Ellie (Hilary Swank) stellt eigene Nachforschungen an und findet heraus, dass Detective Will Dormer nicht die Wahrheit gesagt hat. (RTL)
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