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Requiem

Requiem

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Exorzisten sind spätestens seit William Friedkins Klassiker aus dem Jahre 1973 im Kino zu Hause: Wenn Dämonen von arglosen Menschen Besitz ergreifen wollen, sind sie die Taskforce Gottes, um die bösen Geister oder gar Luzifer selbst aus der Seele der irdischen Kreatur zu verjagen. Auch der deutsche Regisseur Hans-Christian Schmid ("Nach fünf im Urwald", "23") hat sich anhand einer wahren Begebenheit mit dem Exorzismus beschäftigt. In "Requiem" (2005) zeigt Schmid eine unter Epilepsie leidende Studentin, die in ihren Anfällen eine Besessenheit durch Dämonen vermutet.

Die Geschichte orientiert sich stark am historischen Vorbild Anneliese Michels, die 1976 nach einer Reihe von Teufelsaustreibungen an Unterernährung und Entkräftung 23-jährig in Klingenberg am Main starb. Obgleich sich Schmid in seinem stillen Charakterfilm bei der Interpretation des Seelenlebens der einzelnen Beteiligten einige Freiheiten nahm, ist die Nähe zum Fall Michel deutlich zu erkennen. Bis heute rätseln selbst Mediziner, welcher Art die Epilepsie der Pädagogik- und Theologie-Studentin im Detail war.

Schmid, der im Marienwallfahrtsort Altötting geboren wurde, setzt sich mit dem Thema in einer Zeit auseinander, in der nicht erst durch den deutschen Papst eine Rückwendung zur Religiösität festzustellen ist. Exorzisten haben zwar keine Hochkonjunktur, doch sie werden immer noch an der Vatikan-Universität ausgebildet. Die Frage, ob ihre Fertigkeiten auf Aberglauben, soziale Missstände oder innige Religiösität zurückzuführen ist, bleibt hochaktuell. Gerade in Bayern werden heute noch Teufelsaustreibungen durchgeführt.

Hauptdarstellerin Sandra Hüller liefert in ihrem Filmdebüt eine hervorragende Leistung, wurde dafür mit dem Silbernen Bären un dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Sie spielt Michaela Klingler, die Anfang der 70er-Jahre aus ihrem strengkatholischen Elternhaus und der dörflichen Enge in die Studentenstadt Tübingen geht, um dort trotz ihrer Epilepsie und all den Medikamenten die Freiheiten einer jungen Frau in den Nachwehen der 68er-Bewegung auszuleben.

Hüllers Spiel ist zaghaft, fast kaum merklich. So gibt sie Michaela eine Ausstrahlung authentischer Unsicherheit: Was geschieht in ihr, wenn sie den lieben Chemiestudenten Stefan küsst? Wieso hat sie immer dann unheimliche Erscheinungen, hört Stimmen, wenn sie so glücklich ist wie nie zuvor? Will Gott sie strafen? Prüfen?

Man bemerkt kaum, wann Michaela die Grenze zwischen Rationalität und religiösem Wahn überschreitet. Vielleicht liegt das daran, dass stets beide Wirklichkeitskonstruktionen in ihrem Kopf um die Vorherrschaft kämpfen: die der Ärzte mit ihren Tests und Pillen und die Welt der Kirche mit dem lieben Gott und den bösen Dämonen. Als nach ihr selbst auch ein aufstrebender Pater in Michaela den Teufel vermutet, kehrt sie verzweifelt in ihr Elternhaus zurück und lässt die Austreibungsversuche über sich ergehen - bis sie stirbt.

Schmids Film ist ein starkes Charakterstück, das die Schuldfrage offen lässt. Ist die Mutter, die Kirche oder die psychisch kranke Michaela selbst für ihren Tod verantwortlich? Es bleibt genug Raum, sich eine eigene Meinung zu bilden, zumal Regisseur und Hauptdarstellerin weder im Audiokommentar noch in den Bonusinterviews Denkrichtungen vorgeben. Das Zusatzmaterial wird von einem Making Of, das die Dreharbeiten meist stumm beobachtet, sowie einigen Textinfos komplettiert.

Mit blassen Farben und pixeligen Bildern vermittelt der Film eine gewisse Authentizität. Schärfe und Kontrast sind ordentlich, werden für Hochglanzkino-Fans aber gewöhnungsbedürftig sein. Der Sound, es liegt auch eine Hörfilm-Tonspur vor, kommt in einem guten 5.1-Mix, der es trotz zurückhaltender Abmischung schafft, eine bedrohliche Atmosphäre aufzubauen.

Vera Seeberg

bewertungsbox

bildformat 2,35:1 (anamorph)
sprachen Deutsch (5.1)
untertitel Deutsch
extras Audiokommentar Hans-Christian Schmid (Regie) & Sandra Hüller (Darstellerin); Making Of; Interviews; Entfallene Szenen; Biografien; Textinfos zum Exorzismus; Fotogalerie
laufzeit 92 Min.
tonsystem Dolby Digital
regionalcode Regionalcode 2
preis ca. 20 Euro
bewertung bild gut
bewertung ton gut
bewertung extras befriedigend

Credits:
(D 2005, R: Hans-Christian Schmid, D: Burghart Klaußner, Sandra Hüller, Imogen Kogge u.a.)


Kinodebütantin Sandra Hüller spielt in Hans-Christian Schmids "Requiem" eine junge Frau, die in den 70er-Jahren zwischen zwei Wirklichkeitsentwürfen aufgerieben wird.
Kinodebütantin Sandra Hüller spielt in Hans-Christian Schmids "Requiem" eine junge Frau, die in den 70er-Jahren zwischen zwei Wirklichkeitsentwürfen aufgerieben wird. (Warner (X-Filme))

Seit ihrer Kindheit leidet Michaela Klingler (Sandra Hüller) an epileptischen Anfällen, die sie aber mit Tabletten unterdrücken kann.
Seit ihrer Kindheit leidet Michaela Klingler (Sandra Hüller) an epileptischen Anfällen, die sie aber mit Tabletten unterdrücken kann. (Warner (X-Filme))

Michaela (Sandra Hüller) verliebt sich in den Chemiestudenten Stefan Weiser (Nicholas Reinke).
Michaela (Sandra Hüller) verliebt sich in den Chemiestudenten Stefan Weiser (Nicholas Reinke). (Warner (X-Filme))

Datum: 04.10.2006

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Diskussion: "Requiem"

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Artikel ID 175284

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