(tsch) Ein Dorf im Kongo: Ein kleiner Junge liegt auf dem Boden und murmelt apathisch Formeln, während ein Arzt vor ihm kniet und mit einem Skalpell seine Bauchdecke öffnet. Sascha Mirzoeff hat Exorzismus-Rituale an Kindern festgehalten. In seiner Dokumentation "Hexenkind - Folter im Namen Gottes" zeigt er, wie weit der christliche Fundamentalismus im Kongo geht. Doch nicht nur im fernen Afrika nimmt das Christentum bisweilen fanatische Formen an. Längst gehen auch in Europa wieder sektenähnliche, christliche Gruppierungen im Namen des Herren auf Mitgliederfang, wie zwei weitere bemerkenswerte Dokumentationen im Rahmen des höchst brisanten ARTE-Themenabends "Christlicher Fundamentalismus" zeigen.
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Heutzutage wird vor allem eine Religion, im Zuge terroristischer Akte und Glaubenskriege, besonders mit dem Begriff Fundamentalismus in Verbindung gebracht: der Islamismus. Während in Europa fieberhaft darüber gegrübelt wird, wie man sich am besten gegen Angriffe religiöser Fanatiker schützen kann, hat eine andere Gruppe vom Glauben Besessener es beinahe unbeobachtet geschafft, sich zu etablieren und immer mehr Mitglieder in ihren Bann zu ziehen. - ARTE bringt im Rahmen eines Themenabends ein Thema zur Sprache, das durchaus Sprengstoff für angeheizte Diskussionen in sich birgt.
Um 20.40 Uhr berichten Peter Moers und Frank Papenbroock "Von Göttern und Designern". Die Doku mit dem etwas befremdlichen Titel handelt von einem "Glaubenskrieg", der von den USA aus Europa erreichte. Anhänger des Kreationismus kämpfen dafür, Biologie durch "Intelligent Design", die christliche Variante von Evolutionsforschung, zu ersetzen. Die Bibel als Lehrbuch? Von Biologen belächelt, wird die Debatte "Darwin oder Gott" von vielen Politikern, in Deutschland unter anderem von Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung, begrüßt. Hierzulande lehren bereits zwei Schulen Biologie nach religiösen und zwar christlichen Grundsätzen. Eltern jedoch sprechen in der Dokumentation von sektenähnlichem Verhalten der Schulen, die von einer selbst ernannten Studiengemeinschaft namens "Wort und Wissen" unterstützt wird - sei es durch Geld oder neues Gedankengut. Auch internationale Vertreter beider Seiten melden sich im Film zu Wort, ebenso der Wiener Kardinal Schönborn, der sagt: "Die kreationistische Position ist schlichtweg unsinnig."
Im Anschluss (21.25 Uhr) geht es um härteren Tobak. So reißerisch der Titel der Dokumentation "Hexenkind - Folter im Namen Gottes" klingt, so grausam ist die Thematik. In London lebende Afrikaner schicken ihre vermeintlich vom Teufel besessenen Kinder in den Kongo, um sie dort exorzieren zu lassen. Sascha Mirzoeff begleitete den englischen Religionssoziologen und Afrika-Fachmann Richard Hoskins bei seiner Reise in den krisengebeutelten, afrikanischen Staat auf der Suche nach dem zehnjährigen Londoner Jungen Londris. Bei ihrer Reise begegnet das Team Kindern, die von ihrem eigenen Exorzismus erzählen, von brutalen Praktiken, die an die Methoden der Inquisition erinnern. Sie führt die Männer an Orte, wo jungen Menschen öffentlich unter lauten "Hallelujah"-Rufen das Böse ausgetrieben wird. Und sie treffen Heiler, die von den traditionellen Riten berichten, harmlose Heilversuche durch pflanzliche Medizin. "Den Kirchen geht es nur um Profit. Der Exorzismus bringt ihnen viel Geld", sagen sie.
Um 22.10 Uhr marschieren "Missionare im Gleichschritt". Britta Mischers und Haike Stuckmanns Film stellt Mitglieder der "Jesus-Revolution-Army" vor. Etwa den 27-jährigen Deutschen Philipp, der über Jesus einen Ausweg aus seiner Drogensucht fand, und nun in Fußgängerzonen den "Jesustanz" zu poppigem Erlöser-Boogie vollführt. Oder die Französin Laurène, die stolz und nicht zu Unrecht die "Jesus-Army-Revolution" mit einer wirklichen Militäreinheit vergleicht. Gründer Stephan Christiansen fordert von seinen Anhängern Selbstverleugnung, Opferbereitschaft und buchstäbliche Bibeltreue. Für nur 750 Euro monatlich entsagen Jugendliche aus der ganzen Welt in der Missionschule in Oslo freiwillig und voller Überzeugung ihrer Selbstbestimmung, dem Alkohol, Zigaretten - und dem Flirten.
Nina Hortig
Der Wiener Kardinal Schönborn bezieht in der Dokumentation "Von Göttern und Designern" Stellung zur Debatte zwischen Evolutionsforschern und Anhängern des Kreationismus, der christlichen Erklärung der Entstehung der Welt. (WDR / Papenbroock / Moers)
"Answers in Genesis" ist eine der Veranstaltungen, auf der Redner dem Publikum weismachen wollen, dass der Mensch nicht vom Affen abstammt, sondern von Gottes Hand "designt" wurde. (WDR / Papenbroock / Moers)
Der Film "Hexenkind - Folter im Namen Gottes" zeigt, dass in Kinshasa Kinder durch brutale Exorzismen vom Teufel befreit werden sollen. Oft veranlassen die Eltern das grausame Ritual, das nicht selten durch die christlichen Gemeinden im Kongo initiiert wird. (WDR)
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