(tsch) Es sind ganz schön viele Geschichten, die Fatih Akin ("Kurz und schmerzlos", "Im Juli", "Solino") mit seinem Berlinale-Gewinner "Gegen die Wand" (2003) erzählt. Von der Liebe handeln sie, von misslungener Integrationspolitik, vom Wandel Deutschlands zu einer multikulturellen Gesellschaft. Aber manche Geschichten schlummern tief in einem und müssen irgendwann raus, oder wie es der Regisseur beschreibt: "Dieser Film ist wie ein Pickel, den ich einfach ausdrücken musste." Akin ist der Sohn türkischer Einwanderer, ein Kind der zweiten Generation, die hier geboren und aufgewachsen ist, sich zu Hause aber mit türkischem Traditionalismus konfrontiert sieht. Gewurzelt wird in zwei verschiedenen Kulturen - ARTE zeigt Akins filmische Reflektion darüber als TV-Erstausstrahlung.
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Sibel (Sibel Kekilli) ist stärker in der Tradition verwurzelt als ihr Landsmann Cahit (Birol Ünel). Sie will ausbrechen aus der Starre, die sie an das elterliche Haus fesselt und ihr die Luft zum atmen nimmt. Draußen ist es so schön, dort könnte sie, ganz nach ihrem Geschmack, "mit jedem ficken, mit dem sie ficken will." Ausziehen darf Sibel aber nur, wenn sie verheiratet ist, also geht sie mit Cahit, dem Säufer, eine Scheinehe ein. Die beiden leben nebeneinander her, er trinkt weiter, sie sammelt Erfahrungen. Aber irgendwann verliebt sich der Nihilist Cahit in seine Ehefrau, irgendwann merkt sie, dass ihre Erfüllung nicht in den Betten Altonas liegt. Doch da ist es zu spät, die Realität hat beide eingeholt, Cahit wird zum Mörder und Sibel von der Familie verstoßen. Sie müssen bis nach Istanbul, um herauszufinden, was sie mit dem Rest ihres Lebens machen wollen.
Fatih Akin hat etwas zu sagen, und er nimmt kein Blatt vor den Mund. Auch wenn Subtilität nicht gerade seine Stärke ist, so entgeht er trotzdem meistens der Kitschfalle und der deutschen Eigenart, das Herz über den Kopf zu vergessen. Der Hamburger Regisseur kann wie kaum jemand seine Geschichten mit einer eigenwilligen Emotionalität erzählen, die sie kraftvoll und fesselnd machen. "Gegen die Wand" lebt aber natürlich auch von den umwerfend präsenten Hauptdarstellern Sibel Kekilli und Birol Ünel, die über sich hinauswachsen können, weil Fatih Akin aus dem Konflikt seiner Generation ein starkes und ein gewollt emotionales Buch geschrieben hat.
Sibel Kekilli sah sich nach dem Berlinale-Trubel um den Film einer schmutzigen Boulevard-Kampagne ausgesetzt und zog sich zurück. Erst in diesem Herbst ist sie wieder auf der Leinwand zu sehen, dafür aber gleich zweimal. In Hans Steinbichlers "Winterreise" (Kinostart: 23. November) begleitet sie als Kurdin Leyla den äußerst präsenten Josef Bierbichler als großspurigen, aber verzweifelten Kleinunternehmer nach Afrika. Für Joseph Vilsmaier bringt sie "Der letzte Zug" (Kinostart: 9. November) als Jüdin nach Auschwitz. Für Kekilli ist das Holocaust-Drama der ersehnte Ausbruch aus den verhassten Klischeerollen, die ihr immer wieder angeboten wurden.
Andreas Fischer
Die beiden Deutsch-Türken Sibel (Sibel Kekilli) und Cahit (Birol Ünel) lernen sich in einer geschlossenen Anstalt kennen. Beide haben einen Selbstmordversuch hinter sich: sie, weil sie den Zwängen ihren repressiven Familie entfliehen will, er, weil er alkoholsüchtig und desillusioniert ist. (NDR / Kerstin Stelter)
Sibel (Sibel Kekilli) hat Cahit (Birol Ünel) überredet, mit ihr eine Scheinehe einzugehen. Anfangs geht alles gut, bis Cahit sich immer mehr zu ihr hingezogen fühlt. (NDR / Kerstin Stelter)
Um der Debütantin Sibel Kekilli entgegenzukommen, drehte Fatih Akin den Film chronologisch. (NDR / Kerstin Stelter)
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