(tsch) "Mínimas" klingt klein und putzig. So, als wolle man dieses Etwas schützend in die Arme schließen. Und genau solche Geschichten hat Regisseur Carlos Sorin in "Historias Mínimas" (2002) zusammengefasst. Drei poetische Erzählungen über das Leben in Argentinien, verfilmt in so atemberaubenden Bildern, dass man das spröde Land sogleich besuchen möchte. ARTE lädt dazu ein, vorab auf einer packenden filmischen Reise durch die Region erste Eindrücke zu sammeln. Das cineastische Kleinod "Historias Mínimas" ist nun beim Kultursender zu sehen.
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Bereits in der ersten Szene mischt Sorin Ernst und Witz auf so berührende Weise, dass wir gerne der Dinge harren, die da kommen: Ein alter Mann (Antonio Benedictis) sitzt beim Augenarzt und rät die Buchstaben, die der Projektor an die Wand wirft. Als der Doktor mit dem Kopf schüttelt, bringt uns der Opa mit seinem "Aber ich will doch nur Traktor fahren im Dorf" zum Lachen. Und dann, wenn er die Lippen zusammenkneift und entmutigt schweigt, beraubt um ein letztes Stück gesellschaftliche Integration, macht uns der 80-jährige Don Justo sehr traurig.
Schwenk hinüber ins Niemandsland zu einer heruntergekommenen Hütte, in der gerade helle Aufregung herrscht. Maria hat bei einer Gameshow gewonnen! Während dies kreischend gefeiert wird, präsentiert sich das arme Argentinien in unvergleichlichen Farben, stolz, so wunderschöne Frauen zu beherbergen. Diese naturgegebenen Pluspunkte setzt Carlos Sorin aufregend in Szene. Wie sich das lindgrüne Haus vor dem blauesten Himmel aller Zeiten räkelt, ein paar Sekunden lang, und doch lange genug, um sich das Bild einzuprägen, als besäße man es als Postkarte, an der man jeden Tag vorbeiläuft.
Beide machen sich schließlich aus völlig unterschiedlichen Gründen auf den Weg in die große Stadt. Maria, um ihren Preis abzuholen. Der alte Mann, um seinen Hund zu suchen. Für Roberto (Javier Lombardo), einen Vertreter, der sein Leben auf der Straße verbringt, sind die 400 Kilometer nur ein Katzensprung. Er will eine Kundin besuchen, jung, allein stehend, mit Kind. Im Gepäck eine Torte für den Kleinen. Doch auf der langen Strecke kommen ihm Zweifel: Ist's vielleicht gar kein Junge, der da Geburtstag hat? Schenkt man nun einen Kuchen in Fußballform oder etwas Neutrales? Der hypernervöse Handlungsreisende will der Dame schließlich seine Liebe gestehen - und wie sähe es aus, wenn er nicht mal das Geschlecht des Nachwuches kennt?
Sorin spiegelt mit seinen Protagonisten die Situation Argentiniens auf einzigartig leichte Weise wider. Sein erster Kinofilm nach über zehn Jahren ist ein episodenhaftes Roadmovie geworden, bei dem weder Humor noch Emotionen auf der Strecke bleiben, in dessen Tragikomik dennoch immer wieder ein unübersehbarer Funken Gesellschaftskritik auflodert.
Jan Treber
Roberto (Javier Lombardo) reist mit einer Geburtstagstorte in Fußballform im Gepäck herum, mit der er hofft, den Sohn seiner Angebeteten für sich gewinnen zu können. (ZDF / Hugo Colace)
Maria (Javiera Bravo) fährt mit ihrem Baby nach San Julien, um dort den Hauptgewinn einer Gameshow abzuholen. (ZDF / Hugo Colace)
Nicht zuletzt die atemberaubende Landschaft Südpatagoniens macht "Historias Mínimas" des Werbeclip-Regisseurs Carlos Sorin zu einem sehenswerten Film. (ZDF / Hugo Colace)
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