Thumbsucker

Thumbsucker

(tsch) Man kann über "Thumbsucker" eine Menge Positives sagen. Zum Beispiel, dass er so bissig ist wie "American Beauty" und doch liebevoll wie "Magnolia". Die Komödie zum Thema "Marotten aller Art" gehört zu den Debüts mit eigener Handschrift. Und präsentiert mit ihrem Daumen lutschenden Hauptdarsteller Lou Taylor Pucci einen Star für die Zukunft. Kann ein Erstlingswerk, das im Übrigen auch noch prominent besetzt ist, besser gelingen?

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Vermutlich nicht. Denn zu kritisieren gibt es da wenig. Mike Mills, ein anerkannt guter Werbefilmer, wollte sich nicht weiter auf seinen Lorbeeren ausruhen. Immer nur Lob für die Clips von Moby und Pulp, das langweilt ja. So griff er sich den Roman über einen 17-jährigen Daumenlutscher und inszenierte sein Kinodebüt, basierend auf dem von ihm verfassten Drehbuch.

Keanu Reeves, Vince Vaughn und Tilda Swinton sagten zu und mit dem noch unbekannten Lou Taylor Pucci tat er außerdem einen richtigen Griff. Songs des wunderbaren Sängers Elliott Smith machen überdies den musikalischen Rahmen zum Lusterlebnis. Wie gesagt, es gibt nicht viel zu kritisieren, zumindest nicht, wenn man der Meinung ist, dass Kino fantasievoll und mutig sein soll.

Sollte Mills nicht nur Glück gehabt haben, reiht er sich ein in die Reihe, in der vor ein paar Jahren Sam Mendes, M. Night Shyamalan oder Alexander Payne gestanden haben - Regisseure, die mit dem ersten Schlag gleich Glanzstücke wie "American Beauty", "Sixth Sense" und "About Schmidt" ablieferten.

Die Tragik sitzt bei Mike Mills im Detail. Denn man kommt nicht umhin, festzustellen, dass Justin mit seinen 17 Jahren ein netter Kerl ist. Sicher, wäre da nicht das Daumenlutschen. Die Eltern (Vincent D'Onofrio und Tilda Swinton) kümmern sich um diesen Defekt, abgesehen davon, dass sie selbst einen haben. Auf amüsante, niemals Beifall heischende Art packen sie aus. Die Mimik ihres Sohnes bebildert sehr genau die Meinung, die er über die Vorlieben und Schwächen seiner Erziehungsberechtigten hat. Er ist irritiert, sucht Schutz, findet alles befremdend und lutscht wieder am Daumen.

Hört man eine Weile, was er hört, findet man seine Reaktion verständlich. Alternativ könnte man einen Liter Schnaps trinken oder eine Stange Zigaretten rauchen, um gewisse Alltagserlebnisse zu kompensieren. So gesehen, ist Daumenlutschen die gesündeste Alternative. Wenn er deswegen mit Ritalin behandelt wird, findet das Absurde auf subtile Weise seinen Höhepunkt.

Die Problemlöser stehen Schlange, so findet Justin Hilfe bei seinem Kieferorthopäden, der mit Keanu Reeves exzellent besetzt ist. Hobby-Psychologe und Vorstadtdoktor Reeves entpuppt sich als Komiker - oder zumindest als komisch. Ein weiteres Wunder, das man auf das Konto des Werbefilmers buchen muss.

Die Art, wie das Drehbuch ironisiert und sich im nächsten Handlungsschwenk ernsthaft um dasselbe Problem kümmert, ist einzigartig. Ein ganzer Ratgeberkatalog zu den Themen Selbstkontrolle, Traumata und natürlich die komplette Anleitung "Wie akzeptiere ich mich selbst?" wirbelt um den sensiblen Teenager. Beziehungsquatsch muss hinten anstehen, nur die erste Liebe bekommt ein kleines Plätzchen. Im Grunde schüttet "Thumbsucker" ein ganzes Fass an Problemen aus, Konflikte schwelen an jeder Ecke. Dennoch ist es kein überkandideltes Sozialpädagogenlehrstück und auch keine alberne Komödie, die alles lächerlich machen muss, um mit der Verschiedenheit der Menschen klarzukommen.

Zur Handschrift des Regisseurs gehört sogar das Schweigen. Ein seltenes Phänomen im Film, ein Einschnitt, der in all dem Chaos gut tut. Nicht zu zuckrig und nicht zu flach vermittelt Mills nicht nur dem 17-Jährigen, seinen Weg zu gehen, ohne - und das ist neu - sich ständig ändern zu wollen. Die bemerkenswerte selbstverständliche Art, wie Lou Taylor Pucci die Hauptrolle auf seinen Schultern trägt, hat der Berlinale-Jury 2005 den Silbernen Bären entlockt. Auch beim Indikator des Independent-Kinos, dem Sundance Festival, wurde "Thumbsucker" ausgezeichnet.

Claudia Nitsche

Credits:
V:Stardust Filmverleih, USA 2004, R: Mike Mills, D: Vince Vaughn, Lou Taylor Pucci, Tilda Swinton u.a.

Laufzeit: 94 Min.

Kinostart:
05.10.06


Alle reden auf den 17-jährigen Justin Cobb (Lou Taylor Pucci) ein, endlich mit dem Daumenlutschen aufzuhören.
Alle reden auf den 17-jährigen Justin Cobb (Lou Taylor Pucci) ein, endlich mit dem Daumenlutschen aufzuhören. (Stardust Filmverleih)

Kieferorthopäde Dr. Lyman (Keanu Reeves, links) soll Justin (Lou Taylor Pucci) mittels Hypnose von seinem Laster befreien.
Kieferorthopäde Dr. Lyman (Keanu Reeves, links) soll Justin (Lou Taylor Pucci) mittels Hypnose von seinem Laster befreien. (Stardust Filmverleih)

Justins (Lou Taylor Pucci) neues Selbstbewusstsein macht sich auch im Debattierclub bemerkbar.
Justins (Lou Taylor Pucci) neues Selbstbewusstsein macht sich auch im Debattierclub bemerkbar. (Stardust Filmverleih)

Datum: 04.10.2006

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Artikel ID 175309

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