(tsch) Eine Leiche liegt im grünen Gras, grausam entstellt. Ober- und Unterleib sind getrennt, die Wangen bis zu den Ohren zerschnitten. Es war eine schöne Frau, die hier Opfer eines bestialischen Mordes wurde: ein ideales Thema für einen Film, zumal sich der Schrecken tatsächlich und zudem noch in Los Angeles, der Stadt der Engel, zugetragen hat. Das alles ist bereits einige Zeit her: etwa 60 Jahre sind vergangen, ohne dass der Mörder verurteilt werden konnte. "The Black Dahlia" will nun auf der Leinwand zeigen, worum es sich bei dem schleierhaften Verbrechen handelte.
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Brian de Palma hat es sich nicht leicht gemacht. Der Regisseur von "Fegefeuer der Eitelkeiten" und "Scarface" hatte erwartungsgemäß keinen dokumentarischen Anspruch, als er damit begann, die Geschichte um die aufstrebende, aber erfolglose Schauspielaspirantin Elizabeth Short als Ausgangspunkt zu nehmen, um ein Sittenbild des Molochs Los Angeles in den 40er-Jahren zu entwerfen. De Palma versucht sich als Martin Scorsese, indem er Gewalt, gesellschaftlichen Verfall und Korruption in Reihen der Polizei und Politik als ästhetische Geschichtsstunde inszeniert. So ist der Thriller weniger eine mysteriöse Hatz nach einem entarteten Killer, sondern mehr ein historisch angehauchtes Cop-Portrait - zumindest die ersten 100 Minuten.
Während Aaron Eckhart, bekannt aus "Thank You For Smoking", den aalglatten Ordnungshüter mit politischen Ambitionen gibt, darf Josh Hartnett ("40 Tage und 40 Nächte", "Sin City") den naiven Gegenpart spielen. Mit stets traurigem Blick trägt er nicht nur die Last der Welt auf seinen Schultern, sondern auch die des Drehbuchs. Die atmosphärische Dichte des vom "L.A. Confidential"-Autor James Elroy entworfenen Bildes der damaligen Zeit kann nicht über einige Längen hinwegtäuschen, die dem Nachkriegskrimi jegliches Tempo nehmen. Zu bedächtig, zu schwermütig werden die üblichen Charakteristika dieser düsteren Zeit behandelt: Wuchernde Prostitution, Drogenhandel, polizeiliche Willkür und Bestechlichkeit. Allenfalls die vollkommene Handlungsgewalt der Cops in Schlips, Kragen und Hut ist ein sehenswerter und essenzieller Aspekt der Handlung.
De Palma vertraut einer Geschichte, die nicht viel Fleisch am Knochen bietet: Zwei befreundete Boxer, der deutschstämmige Bucky Bleichert (Hartnett) und Lee Blanchard (Eckhart), sind abseits des Rings ein schlagkräftiges Ermittlerduo, das schon zahllose prominente Gangstergrößen nicht nur hinter Gitter, sondern gerne auch gleich zur Strecke gebracht hat. Doch Lee strebt nach mehr, lässt sich kaufen. Sein Partner weiß davon freilich nichts. Er käme auch gar nicht auf den Gedanken, schließlich führt sein Freund ein perfektes Leben, hat eine bildschöne Frau (langweilt mit Grübchenspiel und Rehaugen: Scarlett Johansson) und sogar ein eigenes Haus.
Bucky dagegen verlebte eine Kindheit in der Gosse, hat sich aber ein bescheidenes Weltbild bewahrt. Selbst seine Gefühle für die Angetraute seines Partners unterdrückt er und flüchtet sich in eine Affäre mit einer geheimnisvoll anziehenden Tochter aus reichem Hause (brillant: Hillary Swank). So geht es mehr um betrogene Freundschaft, verbotene Liebe, dem Wunsch nach einem besseren Leben und die Frage, wieso es sexy ist, nach dem Sex nicht nur eine Zigarette im Bett zu rauchen, sondern auch den Hut wieder aufzusetzen, während vom Rest des Körpers der Schweiß perlt. Der Mord an Elizabeth Short bleibt Kulisse, bis es in den letzten 20 Minuten des zwei Stunden langen Films auf Mörderjagd geht, so als hätten die Macher plötzlich gemerkt, dass sie was vergessen haben.
So schnell und profan, wie der Fall gelöst wird, hat De Palma seinen Film ruiniert. Dabei war es gar nicht verkehrt, dass der letztendliche Mörder nichts mit den tatsächlichen Geschehnissen gemein hat. Die schwarze Dahlie ist ein Film Noir mit einem müden Finale. Angesichts der hervorragenden Darstellerleistung von Hilary Swank und Aaron Eckhart langweilt das von Kameramann Vilmos Zsigmond ("Das Haus am Meer") eindrucksvoll fotografierte Gemälde nicht gänzlich, kann aber streckenweise das völlige Fehlen von Spannung nicht ausbalancieren.
Leif Kramp
Credits: V:Warner, USA 2006, R: Brian De Palma, D: Scarlett Johansson, Hilary Swank, Josh Hartnett u.a.
Laufzeit: 120 Min.
Kinostart: 05.10.06
Mit einem derart brutalen Mord hatte es Bucky Bleichert (Josh Hartnett) noch nie zu tun. (2006 Warner Bros. Ent.)
Der Ex-Boxer Lee Blanchard (Aaron Eckhart) ist nun im Auftrag des Los Angeles Police Departments unterwegs. (2006 Warner Bros. Ent.)
Weil Lee nur noch an den Fall der "Schwarzen Dahlie" denkt, leidet seine Beziehung zu Kay Lake (Scarlett Johansson) immens. (2006 Warner Bros. Ent.)