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Wholetrain

Wholetrain

(tsch) Die Deutsche Bahn hatte ganz schön Angst vor Nachahmungstätern und verweigerte Florian Gaag kurzerhand die Drehgenehmigung. Und nach den ersten Pressevorführungen seines Regiedebüts wurden sofort warnende Stimmen laut, die befürchteten, das junge Publikum würde nicht genug über den Film nachdenken und unreflektiert losrennen und Wände beschmieren. "Wholetrain" heißt der Film und ist eine dokumentarische Sozialstudie aus der Graffiti-Szene, der der Münchner Regisseur selbst entstammt. Gedreht wurde übrigens zum größten Teil in Warschau, wo die Züge für die Szenen auch schon mal ein paar Minuten länger am Gleis warteten.

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Florian Gaag erzählt mit viel Realismus und Authentizität von den Sorgen, Nöten und Freuden der Sprayer. Angelehnt an seine eigenen Erfahrungen fackelt er nicht lange, sondern legt gleich los und berichtet von ein paar ganz normalen Tagen im Leben von Tino (Florian Renner), David (Mike Adler), Elyas (Elayas M'Barek) und Achim (Joachim Matschenz). Es geht nicht um das große Drama, sondern um den wenig glamourösen Alltag und die entscheidenden Nächte.

"Keep Steel Burning" (KSB) nennen sie sich. Sie leben - bis auf Achim - in sozial schwachen Verhältnissen einer anonymen Großstadt und haben Graffiti zu ihrer Leidenschaft, zu ihrem Lebensinhalt gemacht. Sie sind bereit alles aufzugeben, sind mit 50.000 Euro Schulden gerade auf Bewährung draußen (David) oder nicht bereit, sich um das gemeinsame Kind mit einer Ex-Freundin zu kümmern (Tino), kümmern zu wollen. Dann muss auch noch der Neuling Achim in die Crew integriert werden, was nicht konfliktfrei vonstattengeht. Dazu kommen ständiger Ärger mit der Polizei, Selbstzweifel und Zukunftsangst, die die Jagd nach Ruhm in der Szene begleiten.

Aber es gibt auch einen Traum, und der wird akut, als sich die Konkurrenz zur Dose meldet. Die ATL-Crew ist mit ihren Styles frischer, sprüht "krasse Burner" auf die Züge und fordert damit den Ehrgeiz der KSB-Crew heraus. Ein ganzer Zug, ein "Wholetrain", soll besprüht werden und einmal durch die Stadt fahren. Allerdings erschweren ein Babysitter-Job, Besuch von Verwandten, eine unerwartete auftauchende Streife und ein unmoralisches Angebot der Polizei die Umsetzung.

Einen der Sprayer wird es am Ende "erwischen", die Polizei hat er auf den Fersen, und er überlebt die letzte Flucht nicht. Eine Reminiszenz an "Beatstreet" (1984), dem Film, der als einer der ersten die Grundwerte und Säulen der HipHop-Kultur beschrieb. Mittlerweile sind sie aufgeweicht, ist die alternative Jugendkultur vom Mainstream geschluckt worden. Und der denkt leider nicht daran, über die Hintergründe nachzudenken, über die Wurzeln und hält es nicht für nötig zu erkennen, worum es dem HipHop, worum es den MCs, DJs, Breakern und Graffitikünstlern immer ging und immer gehen wird: mit freien Ausdrucksmöglichkeiten kulturelle Vielfalt im urbanen Umfeld zu gewährleisten.

Florian Gaag beschränkt sich auf eine der HipHop-Säulen und erzählt direkt und schnörkellos von der Nacht, die für David, Tino, Achim und Elyas alles bedeutet. Ehrlichkeit, ein angstfreier Umgang mit Emotionen und selbstgeschriebene Songs - für die Gaag die Beats und Instrumentals produzierte, und Rapper wie KRS-One, O.C. und Planet Asia die Reime spuckten - machen aus "Wholetrain" einen "echten Burner" mit ähnlicher Street-Credibility wie "Status Yo!" oder "Wild Styles". Die mangelnde Distanz zur Szene sei dabei verziehen, die Reflexion über die Werte und Codes der Szene ist dank des sozialen Realismus, auf den Gaag viel Wert legt, ohnehin unausweichlich.

Andreas Fischer

Credits:
V:movienet, D / PL 2006, R: Florian Gaag, D: Mike Adler, Florian Renner, Elyas M'Barek u.a.

Laufzeit: 89 Min.

Kinostart:
05.10.06


Tino (Florian Renner, links) und David (Mike Adler) checken die Lage im Bahndepot. Im Rucksack: Sprühfarbe.
Tino (Florian Renner, links) und David (Mike Adler) checken die Lage im Bahndepot. Im Rucksack: Sprühfarbe. (Movienet / Pawel Przestrzelski)

Florian Gaag hat nach Schwierigkeiten in Deutschland in Warschau eine Drehgenehmigung für die Sprayer-Szenen erhalten.
Florian Gaag hat nach Schwierigkeiten in Deutschland in Warschau eine Drehgenehmigung für die Sprayer-Szenen erhalten. (Movienet / Pawel Przestrzelski)

Sie entdecken, dass ihre Bilder gecrosst worden sind, von links: David (Mike Adler) Tino (Florian Renner), Elyas (Elyas M'Barek, mit Baby) und Achim (Jakob Matschenz).
Sie entdecken, dass ihre Bilder gecrosst worden sind, von links: David (Mike Adler) Tino (Florian Renner), Elyas (Elyas M'Barek, mit Baby) und Achim (Jakob Matschenz). (Movienet / Pawel Przestrzelski)

Datum: 11.10.2006

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Diskussion: "Wholetrain"

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