Schau mich an!
Schau mich an!(tsch) Es passiert gleich zu Beginn so vieles. Da wird jemand ohnmächtig, man bekommt einen Schnellkurs im Umgang mit Taxifahrern, und die Hauptdarstellerin wird vor der Tür vergessen. Gut, vielleicht wirkt "Schau mich an!" (nun als Free-TV-Premiere im Ersten) zunächst ein wenig hektisch, und - sicher - wie in den meisten französischen Filmen wird sehr viel gesprochen. Doch Agnès Jaoui stellte 2004 einen der charmantesten Vater-Tochter-Konflikte der letzten Kino-Jahre vor. Mit vielen Facetten bei den Darstellern und größter Sorgfalt bei den improvisiert wirkenden Dialogen schuf die Regisseurin diesmal einen fantastischen kleinen Film, der in Cannes mit dem Drehbuch-Preis geehrt wurde. Anzeige Das Leben, wie es Agnès Jaoui und Jean-Pierre Bacri in ihrem Drehbuch zeichnen, ist ein kleiner grüner Giftzwerg, der uns immer wieder ratlos im Regen stehen lässt. Eine Art Rumpelstilzchen, das sich irre freut, dass wir nicht auf die richtigen Antworten kommen. Wie sonst ließe sich der fiese Haken erklären, den der Schriftsteller Etienne Cassard, dargestellt von Bacri, einstecken muss. Er, der die Perfektion liebt, besonders bei Frauen, muss sich mit einer dicken, uncharismatischen Tochter herumplagen. Die er auch noch Lolita taufte. Dazu gibt es die Geschichte von Lolitas Mutter, die er wirklich gerne vergessen würde. Schließlich ist er als erfolgreicher Autor ein Held mit Aura. So hat er, so gut er kann, seine Karten noch einmal neu gemischt, mit Karine jemand geheiratet, der drei, vier Jahre älter als seine Tochter ist und nur halb so dick. Was ihn nicht unbedingt daran hindert, zu ihr ebenso unfreundlich zu sein. Aber das ist eben seine Art. Wer sich nicht duckt, verliert. Und sie tun es ja alle, sein Assistent, sein seltsam selektierter Freundeskreis, sogar die Bekannten seiner Tochter. Daher fragt sich Lolita (Marilou Berry) mit einem beißenden, gegen sich selbst gerichteten Sarkasmus, wie man klarkommen kann im Leben, wenn man zu dick ist und es seinem Vater nie recht machen kann. Der Zuschauer lacht darüber, kommt aber nicht umhin, den gravierenden Unterschied zu bemerken, wenn sich die Hobby-Sängerin schmerzfrei auf die Schippe nimmt oder unendlich traurig ist, während sie etwas Lustiges sagt. Wer das nicht bemerkt, ist der ach so emotionale Schreiber, der stetig mit dem Austeilen von Boshaftigkeiten beschäftigt ist. Aber das Schlimme ist: Dieser eitle Kotzbrocken kann auch charmant und wirklich witzig sein. Es fällt schwer, Etienne Cassard zu verurteilen. Es fällt auch schwer, Lolitas Gesangslehrerin (Agnès Jaoui) zu verurteilen, die herausfindet, dass "der" Etienne Cassard der Vater ihrer enervierenden Schülerin ist. Fortan widmet sie sich ihr mit durchaus erhöhter Aufmerksamkeit, bis sie samt ihrem Gatten (Laurent Grevill) bei den Cassards im Landhaus steht. Sie werden dort ein Wochenende verbringen, da Lolita und ihre Chorkameraden in der Dorfkirche ihren ersten Auftritt haben. Man kann sich denken, dass deswegen nichts gut wird. Der Herr Papa kuckt gequält auf die Uhr, rutscht auf der Bank hin und her. Sein Hals kratzt, wenn seine Augen leuchten sollten. Marilou Berry, die als Lolita so ungekünstelt leidet, dass einem das Herz zu brechen droht, ist der Dreh- und Angelpunkt. Andere Emotionen bemerkt man als Zuschauer erst einige Momente später oder gar nachdem sie vorbei sind. Denn "Schau mich an!" ist ein Portrait, das alles andere als vordergründig mehrere Menschen zeichnet, wie sie sich selbst nicht sehen möchten. Japsend auf der Suche nach Anerkennung und Bewunderung. Oder zumindest Beachtung. Alexander Franck |
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