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Eine unbequeme Wahrheit

Eine unbequeme Wahrheit

(tsch) Die Wahrheit ist meist unbequem. Und eine Wahrheit, die von Al Gore kommt, hat eine besondere Wucht, die den Zuschauer niederschmettert. Schließlich war er Aspirant, einflussreichster Mann dieses Planeten zu werden, scheiterte bei der Präsidentschaftswahl aber knapp an George W. Bush. Vielleicht sind es diese Gedanken im Hinterkopf, die dafür sorgen, dass man von der Dokumentation über Al Gores Umweltvorträge enttäuscht ist. Denn so spektakulär ist die Wahrheit nicht.

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Gore spricht von der globalen Erwärmung, davon, dass wir auf einer Zeitbombe sitzen, die Umwelt zürnt. Er ist nicht arrogant, ganz Mensch und kommentiert seine politische Niederlage vor sechs Jahren mit Selbstironie. Kaum hat der Film begonnen, sind bereits alle Sympathien auf seiner Seite.

Nach den goldenen Regeln des Edutainment präsentiert er eloquent die Fakten, zeigt auf das Offensichtliche. Der Anstieg der Außentemperatur, das Schmelzen der Pole, der Ausstoß von Kohlendioxid. Mark Twain unterstützt ihn mit einem Bonmot: "Das Problem ist nicht unser mangelndes Wissen. Sondern unsere feste Überzeugung von Dingen, die falsch sind."

Auch im Verlauf des Films bleibt es plakativ: Cartoons statt Statistiken, bunte Kurven statt trockener Zahlenansammlungen. Der Amerikaner mag vorsichtig gefüttert werden. Nun soll oder mag man ja nicht behaupten, der Europäer sei per se schlauer. Ganz sicher gäbe es irgendwo eine Statistik, die das Gegenteil beweist. Dennoch, der Europäer ist zumindest in diesem Teilbereich ein wenig besser informiert, hat schon mal davon gehört, dass Autos nicht das Beste für die Natur sind und erhöhte Ozonwerte nicht in erster Linie ein freundlicher Indikator für schnelles Bräunen sind. So richtig zu überraschen, versteht der Sachverständige dementsprechend nicht. Der Effekt globalen Staunens bleibt aus, denn allzu neu sind auch die dargestellten Zusammenhänge nicht.

Trotzdem tut Al Gore natürlich Gutes. Weit über 1000-mal beschrieb der Politiker bereits die Umweltgefahren, breitete seinen Aktionsradius nach und nach aus. Begleitet von den schlimmsten Stürmen in der erinnerten Geschichte der USA, hört man ihn, den Rufer in der Wüste, den die Realität zu überholen droht. Deswegen schaltete sich David Guggenheim ein. Zunächst war es Laurie David, Gastgeberin zweier ausverkaufter One-Man-Shows von Al Gore. Sie rechnete aus, dass die Zeit knapp wird. Selbst wenn der Fachmann für Umweltfragen und Charisma 365 Tage im Jahr unterwegs sein würde, erreicht er in den nächsten Jahren nur einen Bruchteil der Menschen, die notwendig sind, um Veränderungen im notwendigen großen Stil durchzuführen. Aus dieser Motivation heraus entstand der Film.

& Uuml;berzeugt davon, dass Gore nicht mehr um Wählerstimmen buhlt, sondern nur ums Zuhören bittet, wollten Guggenheim und David seine wissenschaftlichen Analysen schneller streuen. Mit dem engagierten Regisseur arbeiteten sie Gores Vorträge auf und reicherten sie mit einem eher schlichten Portrait an. Bill Clintons Vize als Student und Vater. Dabei wird nicht viel mehr erklärt, als dass Gores wissenschaftliches Engagement ernster Natur ist und bereits an die 40 Jahre währt. Es bleibt dabei, "Eine unbequeme Wahrheit" verrät wenig. So sitzt man denn im Kino wie ein Schulkind, mal mehr, mal weniger begeistert vom Geografie-Unterricht des Mannes, der den USA als Präsident vermutlich gut zu Gesicht gestanden hätte. Ein Michael Moore ist Al Gore aber nicht. Er appelliert, uns nicht mehr so wichtig zu nehmen, gibt altbekannte Ratschläge, die er in ein hollywoodhaftes Ende verpackt, versorgt mit Internetadressen und fordert, weniger egoistisch zu sein. Das ist vernünftig, aber auch ungefähr so aufregend wie der blaue Veloursteppich, der im Vortragsraum ausgelegt ist.

Claudia Nitsche

Credits:
V:UIP, USA 2006, R: Davis Guggenheim, D: Al Gore u.a.

Laufzeit: 100 Min.

Kinostart:
12.10.06


Der frühere Vizepräsident der USA, Al Gore, klärt über die Gründe der globalen Erwärmung auf.
Der frühere Vizepräsident der USA, Al Gore, klärt über die Gründe der globalen Erwärmung auf. (2006 Paramount Classics)

Das heißeste Jahr in den letzten 14 Jahren war das Jahr 2005.
Das heißeste Jahr in den letzten 14 Jahren war das Jahr 2005. (2006 Paramount Classics)

Mit seinem neuen Buch "Eine unbequeme Wahrheit" macht Al Gore auf die Klimakrise aufmerksam.
Mit seinem neuen Buch "Eine unbequeme Wahrheit" macht Al Gore auf die Klimakrise aufmerksam. (2006 Paramount Classics)

Datum: 07.10.2006

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