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Sommer ´04

Sommer '04

(tsch) Wie von Stefan Krohmer und Daniel Nocke gewohnt, entfaltet "Sommer '04" schon mit der ersten Einstellung eine merkwürdige intensive Atmosphäre. Vier Menschen, Miriam (Martina Gedeck), ihr langjähriger Partner André (Peter Davor), der Sohn Nils (Lucas Kotaranin) und dessen Freundin, kommen in der schleswig-holsteinischen Provinz an, um dort Urlaub zu machen. Die zwölfjährige Livia (Svea Lohde) ist zum ersten Mal dabei, für die anderen drei ist der Segel-Sommer eine unbeschwerte Routineübung. Doch die anfänglich sorglose Heiterkeit, die Offenheit und Diskursfreudigkeit der Eltern ist aufgesetzt. Über dem geschmackvoll minimalistisch eingerichteten Reet-Haus liegt eine Spannung, die für die hypertoleranten Mittelstands-Intellektuellen schnell zu einem moralischen Ernstfall wird.

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In ihrem erst zweiten Kinospielfilm, nach "Sie haben Knut", zeigt das Fernsehfilm-erfahrene Drehbuch-Regie-Duo den Zerfall des psychologischen Gleichgewichts in der Familie und seziert gnadenlos die moralische Überheblichkeit gebildeter Akademiker, die allerdings außer leeren Worthülsen und ach so viel Verständnis - das natürlich auch als Entschuldigung für die eigene Flexibilität in Worten und Taten dient - nichts zu bieten haben. Borniert sind sie, langweilig sowie gelangweilt vom Alltag und vom Leben, dessen Sinn sie nicht mehr suchen. Sie haben eh verstanden, diese geschwätzigen Kommentatoren des Daseins. Dass sie Unwissende sind, bemerken sie erst, als sich Livia von Bill (Robert Seeliger) nach Hause bringen lässt.

Der Deutsch-Amerikaner ist 26 Jahre älter als das Mädchen. Weil Nils keinen Bock hat, segelt Livia eben den ganzen Tag mit Bill und sagt, sie sei in ihn verliebt. Das könnte man als normale Teenie-Schwärmerei abtun, wäre Livia nicht ein frühreifes Früchtchen. Während sich Nils lethargisch mit dem Verlust seiner Freundin abfindet und der Vater selbstgefällig tolerant ist, macht sich Miriam ernsthafte Gedanken. Natürlich, sie hat die Verantwortung. Also sucht sie Bill auf, eines Nachts in seinem halbfertigen Haus. Sie konfrontiert ihn mit … ja womit eigentlich? Mit Moral? Mit Gesetzestexten? Mit ihrer eigenen (amateurhaften) Psychoanalyse seiner Seele? Es ist irgendwie alles, und Bill gesteht, dass er Livia liebt. Weil sie niveauvoller ist als seine oberflächlichen Freunde und Bekannten in den USA.

"Sommer '04" führt den Tabubruch weiter, baut das Lolita-Motiv aus und führt seine Protagonisten in eine selbst gemachte Katastrophe. Denn erstens ist Bill natürlich klug genug, die Liebe zu Livia auf einem platonischen Niveau zu belassen und ihr irgendwann den Rücken zuzuwenden. Zweitens verliebt sich Miriam in den smarten Mann und beide beginnen eine, manchmal sogar leidenschaftliche, Affäre. Der Urlaubsflirt bleibt nicht ohne Konsequenzen, die Eifersüchteleien zwischen den beiden Frauen - wie perfide bei dem Altersunterschied - bauen eine Spannung auf, die sich nur mit einem konsequenten Finale auflösen lässt, das herbeigeredet ist, oder besser nicht herbeigeredet, denn das meiste, was Miriam, Bill und André zu sagen ist hohles Geschwätz.

Regisseur Stefan Krohmer und Drehbuchautor Daniel Nocke machen es nicht einfach, ihren Film zu mögen. Die gnadenlose Beobachtung, die Nähe der Kamera, die nachvollziehbare Tragik der Verantwortungslosigkeit - all das verstört. Keine der Figuren ist sympathisch, alle Personen nerven mit ihrer Diskutierfreudigkeit, dem Toleranzgehabe, der Altklugheit, Inhaltslosigkeit ihrer Äußerungen. Der Film ist unmittelbar und damit "Sie haben Knut" nicht unähnlich. Sich zu entziehen ist unmöglich, wenn Selbstgefälligkeit ausgeübt, sich Sorgen gemacht, gepoppt, verstanden, dummes Zeug geredet wird.

"Sommer '04" spielt im Hier und Jetzt und ist eine bittere Zustandsbeschreibung, ein überzeichnetes Bild der urbanen Intelligenz-Elite, die sich nicht mehr daran erinnern kann, wie es ist, Emotionen zu haben. Gefühle müssen analysierbar sein, erklärbar. Sie müssen sich der Vernunft unterordnen. "Nils ist cooler als du denkst. Wir sind jetzt gute Freunde, die gelegentlich auch mal Sex haben", sagt Livia, nachdem die Kinder ihre Beziehung für beendet erklärt haben. Zur Erinnerung: Livia ist zwölf Jahre alt.

Andreas Fischer

Credits:
V:Alamode Film, D 2006, R: Stefan Krohmer, D: Martina Gedeck, Robert Seeliger, Svea Lohde u.a.

Laufzeit: 97 Min.

Kinostart:
19.10.06


Miriam (Martina Gedeck) predigt Moral und geht kurz darauf fremd. So ist das heute.
Miriam (Martina Gedeck) predigt Moral und geht kurz darauf fremd. So ist das heute. (Alamode Film)

Die zwölfjährige Livia, hinreißend von Svea Lohde gespielt, bringt das Leben von André (Peter Davor) und seiner Familie gehörig durcheinander.
Die zwölfjährige Livia, hinreißend von Svea Lohde gespielt, bringt das Leben von André (Peter Davor) und seiner Familie gehörig durcheinander. (Alamode Film)

Der gut aussehende Bill (Robert Seeliger) sorgt für Eifersüchteleien zwischen der zwölfjährigen Livia und der fast 30 Jahre älteren Miriam.
Der gut aussehende Bill (Robert Seeliger) sorgt für Eifersüchteleien zwischen der zwölfjährigen Livia und der fast 30 Jahre älteren Miriam. (Alamode Film)

Datum: 18.10.2006

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