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Alan Rickman

"Wir alle sollten mehr Trampolin springen"

Schauspieler Alan Rickman

(tsch) Alan Rickman ist bekannt für seinen hintergründigen Humor, zumindest hinter der Kamera. Wenn es um seine Rollen geht, ist der Mann, der in Filmen wie "Stirb Langsam" (1988) der fiese Bösewicht war, ruhiger und feinsinniger geworden. Der 60-Jährige hat auch mehr Spaß als früher: Als Severus Snape in den "Harry Potter"-Filmen sieht man ihm die Freude daran, gemein zu sein, förmlich an. Anders in "Snow Cake" (Start: 2.11.), einem stillen Charakterdrama. Es erzählt von der ungewöhnlichen Freundschaft eines Mannes (Rickman) zu einer Autistin (Sigourney Weaver). Alan Rickman bringt darin mit seiner speziellen Art und ohne viele Worte ganze Kinosäle zum Lachen. Wie er am runden Hoteltisch sitzt, seine Haare ungebändigt in alle Himmelsrichtungen ragend, hat er ganz offensichtlich sein Zentrum gefunden, von dem er während des Interviews erzählt. Außerdem spricht er über die Unmöglichkeit der Perfektion. Darüber, dass wir auch im Alter unsere Leidenschaften ausleben sollten und wieso Harry Potter für ihn wie der Weihnachtsmann ist.

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teleschau: Haben Sie jemals daran gedacht, Ihren Job aufzugeben?

Alan Rickman: Bei den Dreharbeiten zu "Snow Cake" hatte ich manchmal in der Tat das verzweifelte Gefühl, dass ich einfach nicht schauspielern kann. Ein wirklich beängstigender Gedanke.

teleschau: Das sehen die Zuschauer aber meist anders.

Alan Rickman: Das ist der wahre Erfolg. Sie nehmen mir trotzdem die Rollen ab, die ich spiele.

teleschau: Die Geschichte in "Snow Cake" geht ans Herz, aber sie lädt auch oft zum Lachen ein ...

Rickman: Das Tolle ist, dass jeder an einer anderen Stelle lacht.

teleschau: Und Sie selbst?

Rickman: Ich musste viel lachen, beim Lesen des Drehbuchs, bei den Dreharbeiten. Es traf mich völlig unvorbereitet, da ich eigentlich nie weiß, was für ein neues Projekt mir der Postbote da gerade in dem dicken Briefumschlag vorbeibringt. Dieses Mal lag der besondere Reiz darin, jemanden mit Vorurteilen zu spielen. Ich bin Filme leid, die einfach nur eine Erzählung abspulen, und am Ende ist alles in Butter.

teleschau: Es scheint ihre erste wirklich komische Rolle zu sein.

Rickman: Konnten Sie vorher nie über mich lachen? Was war mit "Galaxy Quest" oder "Harry Potter"?

teleschau: Über Sie nicht.

Rickman: Dann sollte ich mir wohl wirklich dringend einen Plan B suchen.

teleschau: Wie ist es, sich selbst auf der Leinwand zu sehen?

Rickman: Unangenehm. Ich wundere mich, wieso ich mich so komisch benehme. Meine Stimme klingt komplett anders. Es nicht das Gesicht, das ich jeden Morgen im Spiegel sehe.

teleschau: So schlimm kann es nicht sein, schließlich wurden Sie einmal zu einem der attraktivsten Filmstars gewählt.

Rickman: Wenn es denn stimmen sollte, muss das mindestens 20 Jahre her sein ...

teleschau: Ihre Rolle in "Snow Cake" kam besonders bei Frauen gut an. Warum?

Rickman: Mein Charakter ist sehr sensibel und diese Seite an Männern wird nun mal selten in Filmen gezeigt.

teleschau: Wieso ist das so ungewöhnlich?

Rickman: In den meisten heutigen Filmen sind Männer- und Frauenrollen sehr stereotyp. Männer sind typische Männer, und Frauen sind vor allem jung. Das ist der Grund, wieso man das Skript zu "Snow Cake" liest und Halleluja ruft.

teleschau: Werden Sie mit dem Alter sensibler?

Alan Rickman: Alles wird politischer, bedeutungsvoller und couragierter. Je älter ich werde, desto durchdachter und klüger nähere ich mich auch einer Rolle.

teleschau: Haben Sie Ihren schauspielerischen Höhepunkt bereits erreicht?

Rickman: Manchmal fühlt man sich besonders begabt, doch das geschieht sehr selten. Aber es gibt Momente, in denen ich auf meine Arbeit stolz bin. Das Problem ist, dass das Ziel der Perfektion wie der Horizont ist: Es ist immer in der Ferne zu sehen, aber kaum zu erreichen.

teleschau: Wie nähern Sie sich der Perfektion?

Rickman: Als Schauspieler muss man immer sein Zentrum finden. Das bewegt sich jedoch, weil man jeden Tag neuen Einflüssen, darunter auch viel Schrott, ausgesetzt ist. Schauspieler sollten T-Shirts tragen, auf denen steht: "Glaubt es oder nicht - ich gebe mein Bestes."

teleschau: Haben Sie immer Ihr Bestes gegeben?

Rickman: Ich denke schon ..., nein, ich bin mir sicher.

teleschau: Viele Schauspielerinnen mittleren Alters haben dazu aber immer weniger Chancen.

Rickman: Das ist auch eine Frage, mit der sich meine Filmpartnerin Sigourney Weaver herumschlagen muss. Es ist unglaublich, dass es so wenige gute Drehbücher oder Filmprojekte für so viele hervorragende Schauspielerinnen in diesem Alter gibt.

teleschau: Wie schätzen Sie Ihren Starstatus selbst ein?

Rickman: Speziell Schauspieler haben besonders viel Zeit zur Verfügung, sich selbst zu analysieren und sich damit zu beschäftigen, wie wichtig sie eigentlich sind. Schauen Sie sich uns an: Ihr Job ist es, mit mir zu sprechen, weil ich ein so genanntes "Talent" bin. - So werden wir heute alle bezeichnet, obwohl das Wort im Englischen eher als Begriff für besonders attraktive Frauen in Bikinis benutzt wird. Aber das nur am Rande. - Mein Job ist es einfach, Ihnen die Wahrheit zu erzählen und halbwegs unbeschadet wieder aus diesem Raum herauszukommen.

teleschau: Apropos Selbstanalyse: Fühlen Sie sich beim Älterwerden dazu verpflichtet, immer die Fassung zu bewahren?

Rickman: Angela Pell, die Drehbuchautorin von "Snow Cake", problematisiert im Film genau diese Erwartungshaltung. Sie hat selbst einen autistischen Sohn und kennt die damit verbundenen Schwierigkeiten. So lebt Sigourney Weavers Charakter ihre Emotionen aus, ohne Rücksicht auf die Umwelt.

teleschau: Wie in der Szene, als sie wild auf dem Trampolin herumhüpft?

Rickman: Wer weiß, vielleicht ist es tatsächlich eine gute Sache, mitten am Tag oder auch in der Nacht in den Hinterhof zu rennen und ausgelassen auf einem Trampolin herumzuspringen, als gebe es nichts Schöneres auf der Welt. Vielleicht sollten wir das alle mal ausprobieren.

teleschau: Haben Sie es schon gemacht?

Rickman: Ich lebe in London, und die Briten sind bekannt für ihre skrupellose Boulevardpresse.

teleschau: Die Briten gelten auch als reserviert ...

Rickman: Diese Verschlossenheit ist ein Klischee, das nicht wirklich stimmt. Wir Briten sind so leidenschaftlich wie jeder andere auch. Ich merke an mir selbst, dass ich heutzutage bewusst darauf achte, dass meine persönlichen Gefühle, aber auch politischen Ansichten in meine Arbeit einfließen. Ich sehe den Sinn der Schauspielerei darin, aktiv mit der Welt verbunden zu sein, und nicht darin, für sich selbst Werbung zu machen.

teleschau: Hat sich das nicht nach "Harry Potter" verändert, indem Sie zum Star aller Heranwachsenden wurden?

Rickman: Eigentlich hat sich nichts geändert. Ich spreche auch nicht gern über diese Filme. Denn die Kinder sollen sich ihre Illusion bewahren können, dass es keine Schauspieler sind, die Rollen spielen, sondern dass es eine verzaubernde Geschichte ist, an der sie teilhaben. Das ist wie mit dem Weihnachtsmann. Von dem will auch niemand den echten Namen wissen.

teleschau: Können junge Leute heutzutage etwas vom Kino lernen?

Rickman: Das kommt darauf an: Ich habe vor einiger Zeit bei einem kontroversen Theaterstück über eine junge pro-palästinensische Friedensaktivistin Regie geführt. Es war umwerfend, wie viele junge Leute den Zuschauersaal förmlich in Besitz nahmen. Sie mussten nicht mit den Ansichten der Protagonistin übereinstimmen, doch ihre Leidenschaft zog die Zuschauer in den Bann. Kino kann das auch leisten, es müssen nur - und das ist wirklich wichtig - Informationen fließen.

Leif Kramp


Alan Rickman wurde einst zu einem der attraktivsten Filmstars gewählt. "Das muss mindestens 20 Jahre her sein."
Alan Rickman wurde einst zu einem der attraktivsten Filmstars gewählt. "Das muss mindestens 20 Jahre her sein." (Kinowelt Filmverleih GmbH)

Trotz vieler trauriger Momente in dem Drama "Snow Cake" bringt Alan Rickman das Publikum auch immer wieder zum Lachen.
Trotz vieler trauriger Momente in dem Drama "Snow Cake" bringt Alan Rickman das Publikum auch immer wieder zum Lachen. (Kinowelt Filmverleih GmbH)

In dem Drama "Snow Cake" kümmert sich Alan Rickmann um eine autistische Frau.
In dem Drama "Snow Cake" kümmert sich Alan Rickmann um eine autistische Frau. (Kinowelt Filmverleih GmbH)

Datum: 29.10.2006

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