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Die Hofer Filmtage feiern Jubiläum

Die Hofer Mischung

(tsch) Zu Beginn Temperaturen wie an der Côte d'Azur, dazu der stolze Rückblick auf nunmehr 40 Jahre - das kleine Hofer Vier-Tage-Festival braucht sich hinter großen Namen nicht zu verstecken. Nicht nur, dass in den vergangenen vier Jahrzehnten fast die gesamte deutsche Filmszene ein- und ausging und sich auf engen Treppen oder gar Papp-Dachlandschaften drängte, auch die Welt des internationalen Kinos war hier - Engländer, Amerikaner, Franzosen. Brian de Palma, Sam Fuller oder Roger Corman. Immer wieder zeigten sie ihre Filme und diskutierten bis in die frühen Morgenstunden mit dem Publikum.

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Keiner aus den Reihen des Neuen Deutschen Films, der nicht irgendwann in Hof gewesen wäre - Fassbinder gleich zu Beginn. Werner Herzog, Wim Wenders, die dem Festivalleiter Heinz Badewitz stets die Treue hielten. Manche arbeiteten gar im Hofer Festivalbetrieb, bevor sie selbst Filme machten. Doris Dörrie, deren "Männer"-Erfolg in Hof seinen Ausgang nahm, wurde zum Prototyp.

Die 40. Ausgabe (24. bis 29.10.) - natürlich gibt das Anlass zur Nostalgie. Neun Kurzfilme hatte es bei der Premiere1967 gegeben, beim "kleinsten Filmfestival der Welt. Vlado Kristl, Uwe Brandner und Heinz Badewitz selbst waren unter den Regisseuren. Damals war das Autorenkino Trumpf, und das ganz allein. Hof machte den Oberhausener Kurzfilmtagen Konkurrenz, dort hatte man eine Vorauswahl eingeführt, der sich die Etablierteren nicht unterziehen mochten. Das Underground-Kino lebte, es gab aber auch schon Klassisch-Edles, wie Jean-Marie Straubs "Chronik der Anna Magdalena Bach". Damals liefen alle deutschen Filme als Uraufführung in Hof, eine Tradition, von der Badewitz leider abgekommen ist. "Deutschland-Premiere" gilt jetzt, und geraucht werden im Kino darf auch nicht mehr.

Aber die ganz speziell gewürzte Hofer Mischung gibt es immer noch - und dazu die launig ungelenken Ansagen des Festivalchefs mit den akkuraten Spielverlaufsschilderungen des traditionellen Fußballspiels auf dem Theresienstein zwischen Einheimischen und Filmschaffenden aus aller Welt. Obwohl sich auch andere nationale Festivals um die Filme auch junger Regisseure reißen, ist Hof immer wieder für Überraschungen gut - ganz ohne offizielle Preis. 25 deutsche und ebenso viele internationale Spielfilme standen diesmal neben zahlreichen Kurzfilmen auf dem Programm. Felicitas Korn, Filmtage-Mitarbeiterin wie einst Doris Dörrie, zeigte ihr Debüt "Auftauchen" - die Geschichte eines Mädchens, das der Liebe begegnet, süchtig nach Leben. Viel Furore hatte im Voraus bereits Ralf Westhoffs "Shoppen" gemacht, in dem es um die Kontakte und die daraus resultierende Veränderung von Großstadt-Singles geht.

"Solange du hier bist", "Kahlschlag" oder "Neandertal" lauteten weitere Newcomer-Titel. Sie konnten sich in Hof diesmal mit den "Jubiläumsfilmen" der Altmeister messen - von Detlev Bucks "Karniggels" über Wenders' "Paris Texas" bis zu Werner Herzogs Kaspar-Hauser-Film "Jeder für sich und Gott gegen alle".

Das Jubiläums-Porzellan des Hofer Ehren-Filmpreises bekam der stark akklamierte Alexander Kluge, dem der Vorjahres-Preisträger Christoph Schlingensief nach einer lieblos geratterten Laudatio (War ein Ghostwriter am Werk?) die Trophäe überreichte. Schlingensief nannte Kluge, der in Hof besonders in den 8oer-Jahren mit Essay-Filmen vertreten war, einen "Chirurg deutscher Geschichte". Besonderen Spaß machte es ihm, den ehemaligen RTL-Chef Helmut Thoma, der Kluges dctp-Sendungen im privaten Fernsehen als "Zwölfton im Zirkus" bezeichnet hatte, zu widerlegen. Schlingensief: "Die Zwölftonmusik wurde im Zirkus erfunden."

Kluges Erwiderung wurde zur Hommage ans Kino, egal, ob sich nun Bewohner im Libanon sicher fühlen, wenn sie im dunklen Kino sind, oder wenn Kluge erklärte, was beim Kino im Kopf des Zuschauers in den einzelnen Gehirnteilen passiert - es war und ist immer wieder eine Freude, Kluges Auslassungen zu lauschen.

Neben der Erstaufführung neuer Filme, die entweder ins Kino kommen oder müssten, wie diesmal etwa "Schwesterherz" mit Heike Makatsch, das Porträt der Frauengeneration der Mittdreißiger, die ihren Platz noch immer nicht gefunden haben, oder auch Rainer Kaufmanns "Vier Töchter" mit Dagmal Manzel als Geschäftsfrau, die in eine schwere Familienkrise gerät, sind die Hofer Edelsteine die eher kleinen Filme. "Neandertal", fürs Fernsehen produziert, das war so einer. Mit verblüffender Sicherheit und durch alle Genres pflügend, erzählt hier Ingo Haeb die Geschichte eines an Neurodermitis leidenden 17-Jährigen, der sich die Haut vom Leibe reißt, bis das tiefe Fleisch zu besichtigen ist. Der Film transportiert aber auch die latente Wut über die Lügen der Erwachsenen und die Welt an sich. Der Neandertaler lernt sich durchzusetzen, das Freundes-Idol (einmal mehr der superstarke Andreas Schmidt als Rocker) baumelt zuletzt am Seil. Es ist ein Film, der Hof-Geschichte machen wird. In spätestens zehn Jahren, beim 50., werden ihn sich die dann Jungen ansehen wie die Heutigen die Filme von Fassbinder, Herzog und Co.

Wilfried Geldner


Bewegend: "Neandertal", fürs Fernsehen produziert, die Geschichte eines an Neurodermitis leidenden 17-Jährigen, der sich die Haut vom Leibe reißt, bis das tiefe Fleisch zu besichtigen ist. Links: Jacob Matschenz, rechts: Andreas Schmidt.
Bewegend: "Neandertal", fürs Fernsehen produziert, die Geschichte eines an Neurodermitis leidenden 17-Jährigen, der sich die Haut vom Leibe reißt, bis das tiefe Fleisch zu besichtigen ist. Links: Jacob Matschenz, rechts: Andreas Schmidt. (ZDF)

Sebastian Bezzel, Bastian Pastewka, Lisa Maria Potthoff, Antoine Monot jr., Ottfried Fischer - Constantin wird die namhaft besetzte Komödie "Schwere Jungs" in die Kinos bringen, die in Hof gezeigt wurde.
Sebastian Bezzel, Bastian Pastewka, Lisa Maria Potthoff, Antoine Monot jr., Ottfried Fischer - Constantin wird die namhaft besetzte Komödie "Schwere Jungs" in die Kinos bringen, die in Hof gezeigt wurde. (Constantin)

Felicitas Korn, Filmtage-Mitarbeiterin, zeigte ihr Debüt "Auftauchen".
Felicitas Korn, Filmtage-Mitarbeiterin, zeigte ihr Debüt "Auftauchen". (ZDF)

Datum: 29.10.2006

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