(tsch) Vorweg: Trotz der im ARD-Programm veranschlagten 120 Sendeminuten handelt es sich hier nicht um eine verlängerte TV-Version von Sönke Wortmanns Kino-Hit "Deutschland. Ein Sommermärchen". Gezeigt wird eins zu eins jene gut 105-minütige Fassung, die am 5. Oktober im Kino anlief und mit weit über drei Millionen Zuschauern mehr Menschen faszinierte als jede andere Dokumentation zuvor. Die restlichen knapp 15 Minuten werden unter anderem mit allerlei Statements zum Film gefüllt. Man darf gespannt sein ...
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"Wunder von Bern"-Regisseur Wortmann lieferte drei Monate nach der WM die versprochenen spektakulären Innenansichten aus dem Mikrokosmos Nationalmannschaft. Es sind Bilder, die vieles erklären und alle faszinieren, Bilder, die keinen kalt lassen. Ganz egal übrigens, ob Fußballfan oder nicht - da sind die Grenzen im schwarz-rot-geilen Sommer '06 ohnehin aufgeweicht worden. Und es sind Bilder, die vielerorts für Stadionatmosphäre in den Kinosälen sorgten, kaum eine Vorstellung, in der es nicht mindestens zu spontanem Jubelgeschrei oder "Deutschland"-Sprechchören kam. Ein wegen fehlender kritischer Zwischentöne und Außenperspektiven nicht von allen Kritikern geliebtes Kino-Event, aber fraglos ein Film für Fans - mit enormem Suchtpotenzial. Schon deshalb macht diese überraschend zeitnahe TV-Verwertung Sinn.
"Deutschland. Ein Sommermärchen" ist ein schöner Titel. Da steckt ein wenig von der Melancholie drin, die am Ende der 105 Filmminuten etwas bitter auf der Zunge schmeckt. Denn es ist ein Gefühl, das mit der Gewissheit zu tun hat: Es war einmal ... - und so etwas kommt nie wieder. Was für immer bleibt, ist die Erinnerung an einen verrückten, gewiss überemotionalisierten Sommer, an dessen Ende keiner mehr sagen konnte: "Das ist doch nur Fußball." Viel mehr war's. Und Wortmann hat diesem Gefühl, dieser Erinnerung, diesem Phänomen das angemessene Denkmal gesetzt.
Der Filmemacher hatte Jürgen Klinsmann und die Nationalmannschaft vor und während der Fußball-WM, oft im wahrsten Sinne des Wortes "hautnah", mit der Kamera begleitet. Er hat 100 Stunden Aufnahmen in der Kabine, im Bus, im Flieger, im Hotelbett, beim Geheimtraining, im Massageraum, in Klinsis Wohnhaus am Strand von Huntington Beach zusammengetragen, war täglich sechs bis acht Stunden mit der Mannschaft zusammen und ist dabei "in keinster Weise gegängelt" worden.
Selbst beim Albtraum, mit dem der Film beginnt, ließen sie Wortmann draufhalten. - Dortmund, 4. Juli, 23.50 Uhr: Totenstille in der Kabine. Was gäbe es jetzt auch zu sagen! Nach dem dramatischen Halbfinal-Aus gegen Italien fiel einem ja selbst als Zuschauer nichts mehr ein. Schnell weg von der niederschmetternden Trauerstimmung und sieben Wochen zurück, mitten hinein ins Regenerationstraingslager auf Sardinien. Von nun an zieht der Film seine dramaturgische Spannkraft aus der Chronologie der Ereignisse. Natürlich geht's relaxt und heiter los. Da schmeißt Arne Friedrich eine Geburtstagsparty, bei der Bastian Schweinsteiger bedienen muss, weil er zuvor beim Elfer-Schießen verlor. Und David Odonkor parliert mit unschuldigstem Blick, wie er von seiner Last-Minute-Nominierung erfuhr: "Der Dieter Eilts rief mich an und sagte: 'David, du bist nicht bei der U-21-EM dabei." Völlig von den Socken habe er nur "Warum?" gestammelt, erzählt Odonkor, worauf der U-21-Coach antwortete: "Weil du bei der WM dabei bist!"
Ernste Töne gibt's in diesem Part fast nur von Klinsmanns Seite. Es sind, wie immer kurze, einfache, mitunter derbe, extrem pointierte Ansprachen: "Jungs, was in der Zeitung steht, ist absolut egal. Weil es absolut nichts mit dem zu tun hat, was auf dem Platz passiert." Nach dem Eröffnungsspiel wird er brüllen: "Geil. Geil. Affengeil."
Während Klinsmann, der Ballack intern nur den "Kapitano" nennt, den Einpeitscher gibt und seinen Spielern reihenweise Sätze wie "Die hauen wir weg!", "Die haben Muffe", "Hier brennt der Baum!" ins Gesicht schreit, bleiben Assistenzcoach Jogi Löw die subtileren Momente: Vor dem Eröffnungsspiel lässt er nachts im Hotelgarten die taktische Aufstellung mit brennenden Fackeln nachstellen. Und im Hintergrund weiß auch Naidoo: "Dieser Weg wird kein leichter sein" ...
Deutlich wird in diesem Dokumentarfilm, der ohne Off-Kommentar auskommt: Was diese Mannschaft und ihre immense Strahlkraft ausmachte, ist neben dem Erfolg die Tatsache, dass sie höhere Sympathiewerte hatte als jedes andere Nationalteam zuvor. Man erlebt die Spieler im Dokumentarfilm entsprechend nahbar und überwiegend als ganz normale Jungs, nicht als Stars: lustig, nachdenklich, nervös, ängstlich, stolz, siegestrunken. Und wenn die Mannschaft nach dem Elfer-Krimi gegen Argentinien, im Bus eine gigantische La-Ola, gebildet von Bundeswehrsoldaten am Straßenrand, passiert, dann ist an den bewegten Gesichtern abzulesen, dass die Spieler sehr wohl mitbekamen, was im Land los war. Jeder, der noch einmal die Atmosphäre der vier WM-Wochen atmen will, wird diesen Film voller Gänsehaut-Momente lieben!
Frank Rauscher
Freunde: Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger freuen sich nach dem Sieg im "Minifinale" gegen Portugal und albern mit den ausländischen Kamerateams herum. (WDR / Kinowelt Filmverleih)
"Jungs, die haben die Hosen voll!" Klinsi motiviert die Mannschaft zum Sieg. (WDR / Kinowelt Filmverleih)
Jetzt muss es raus! Tim Borowski und die Mannschaft jubeln nach dem Sieg gegen Polen. (WDR / Kinowelt Filmverleih)
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