(tsch) Erst das "Wunder von Bern", jetzt das Märchen vom Sommer 2006 ... Fast könnte man vermuten, Sönke Wortmann hat's nicht nur mit dem runden Leder, sondern auch ein bisschen mit dem Mysteriösen. Aber im Ernst: "Deutschland. Ein Sommermärchen" ist ein schöner Titel. Da steckt ein wenig von der Melancholie drin, die am Ende der 107 Filmminuten etwas bitter auf der Zunge schmeckt. Denn es ist ein Gefühl, das mit der Gewissheit zu tun hat: Es war einmal ... - und so etwas kommt nie wieder. Was für immer bleibt, ist die Erinnerung an einen verrückten, gewiss überemotionalisierten Sommer, an dessen Ende keiner mehr sagen konnte: "Das ist doch nur Fußball." Viel mehr war's. Und Regisseur Sönke Wortmann (47) hat diesem Gefühl, dieser Erinnerung, diesem Phänomen mit seinem Dokumentarfilm das angemessene Denkmal gesetzt.
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Der Titel, lässt sich Wortmann denn auch zitieren, beziehe sich nicht nur auf die Leistung der Mannschaft, sondern auch auf das, was mit dem Land und seinen Menschen in diesem Sommer passiert ist. Er könne sich grundsätzlich vorstellen, noch einmal eine Dokumentation über Fußball, vielleicht schon zur EM 2008 in Österreich und der Schweiz, zu drehen. Aber so etwas, ein solches Sommermärchen über eine WM im eigenen Land werde es gewiss nie wieder geben.
Ziemlich märchenhaft muss sich das Leben derzeit jedenfalls für den Filmemacher anfühlen. Schließlich wird sein unterhaltsamer Einblick in den Mikrokosmos der Nationalmannschaft als Kinoereignis des Jahres gehandelt, der Film avancierte in Deutschland zum erfolgreichsten Dokumentarfilm aller Zeiten, und nun bricht die mit Fernsehgeldern finanzierte Doku auch noch alle Rekorde, was die TV-Verwertung angeht: "Deutschland. Ein Sommermärchen" wird am Mittwoch, 6. Dezember, im Ersten gezeigt. Nie schaffte es ein Kinofilm schneller ins Fernsehen.
Über 3,5 Millionen Kinobesucher - diesen Erfolg hat man ebenso wenig voraussehen können wie die unglaubliche Euphorie im Lande. Um eine Mannschaft, die ein paar Wochen vor dem "schwarz-rot-geilen" Sommer noch gnadenlos niedergemacht wurde. Wortmann, der das Nationalteam schon seit dem Confed Cup 2005 begleitete, gehörte stets zu den Optimisten. Im Frühjahr, es war kurz nach dem 1:4-Desaster im Vorbereitungskick in Italien, gab der Regisseur zu Protokoll: "Ich denke, die Mannschaft kann viel, viel weiterkommen, als man im Moment annimmt. Andererseits bin ich der Meinung, dass das Leben auch dann weitergehen wird, wenn die Jungs schon im Halbfinale ausscheiden." Der Mann ist nicht nur ein fabelhafter Regisseur, er ist auch ein Prophet. Und zweifellos ein großer Fußballexperte - und er ist ein Fan.
Am Anfang, sagt Sönke Wortmann habe er einige Male vor lauter Begeisterung vergessen, die Kamera einzuschalten. Da sei er eben "noch viel zu sehr der Fan gewesen". Wenige Wochen vor der WM räumte der Ex-Profi, der mit der Spielvereinigung Erkenschwick einst von der dritten in die zweite Liga aufstieg, ein: "Ich muss lernen, in solchen Situationen kaltblütiger zu bleiben." - Hat geklappt. In den entscheidenden Szenen, so erklärt der Erfolgsregisseur rückblickend gelassen, war die Kamera immer dabei.
Klar, Wortmann, der sich in den Medien häufiger den Beinamen "Edel-Fan" gefallen lassen musste, fand es selbst "schon aufregend, überall dabei sein zu können, wo andere nicht hindürfen: in der Kabine, im Mannschaftsbus oder im Hotel ... Da kriegt man natürlich viel mit. Auch von dem wahnsinnigen Druck, der auf den Spielern lastet. Ich habe allerdings das Gefühl, die können gut damit umgehen." Er hat die Spieler in der "heißen Phase" beim Vormittagstraining, beim Mittagessen und an Nachmittag wieder beim Training begleitet.
Täglich durchschnittlich sechs bis acht Stunden war er nach eigener Aussage mit der Mannschaft und dem Betreuerstab zusammen. Es habe praktisch keinerlei Zensur gegeben. "Hat man einmal die Erlaubnis von DFB und besonders der FIFA, dann ist alles ganz einfach. Man kann sich völlig frei bewegen, und ich habe mich in keinster Weise gegängelt gefühlt."
Selbst beim Geheimtraining und in der Kabine durfte Wortmann filmen - "ein riesiger Vertrauensvorschuss", findet der in Marl geborene Regisseur, der 2002 von dem französischen Dokumentarfilm "Les Yeux dans le Bleus" von Stéphane Meunier zu diesem Film inspiriert wurde. "Ich hätte nicht gedacht, so dicht an unsere Nationalmannschaft heranzukommen, aber einen Versuch fand ich es wert."
Insgesamt kamen rund 100 Stunden Filmmaterial zusammen, aus denen Wortmann die besten Szenen auswählen konnte, oder besser: musste. Denn in einem Interview auf wdr.de sagt der 47-Jährige, dass im Schneideraum die eigentliche schwierige Arbeit wartete. Er habe natürlich eine Reihe Lieblingsszenen. "Es gibt sicherlich sieben bis zehn Momente, die ich außergewöhnlich finde. Einer davon ist direkt vor Beginn des Argentinienspiels. In der Kabine läuft die Musik von Xavier Naidoo. Und Jürgen Klinsmann steht hinten in der Ecke und strahlt. In diesem Augenblick sieht man ihm an, wie sehr er sich auf dieses Spiel freut und wie stolz er auf seine Jungs ist."
Wortmanns Film lebt zum guten Teil von solchen Einblicken, die auch Monate nach dem Ereignis noch für Gänsehaut sorgen. Aber sicher gab es im WM-Sommer auch vieles, das dem Projekt rein zufällig in die Hände spielte und das man gar nicht besser hätte erfinden können. All die kleinen und großen Geschichten (man denke nur an das Verhältnis Lehmann-Kahn) und so viele ungeahnte Entwicklungen (wer hätte sich vorher die Public-Viewing-Hysterie ausgemalt), und selbst das dramatische Aus im Halbfinale - aus Sicht eines Filmemachers war alles perfekt.
Soviel Glückseligkeit um diesen Film. Da mochte man nicht glauben, was Wortmann Ende Oktober in Johannes B. Kerners ZDF-Talk beichtete: Er habe Bundestrainer Jürgen Klinsmann so geärgert, dass sein Kinofilm auf der Kippe stand. Tatsache: Bei den Dreharbeiten reizte es den Regisseur, selbst gegen den Ball zu treten. "Kurz vorm Confed-Cup gab es ein Länderspiel in Belfast gegen Nordirland, und da lag so ein Ball. Und wenn da so ein Ball liegt, da fällt es mir schwer, den einfach so liegen zu lassen", erklärte Wortmann. "Und dann habe ich ein bisschen mit Oliver Bierhoff hin und her gekickt und dann abends erfahren, dass Jürgen das gar nicht gut fand."
Sönke Wortmann wird für "Deutschland. Ein Sommermärchen", die Auszeichnung "Leibniz-Ring-Hannover" vom Presse Club Hannover verliehen. Mit seinem Gespür für die Bedeutung der Fußballweltmeisterschaft habe Wortmann ein Ereignis dokumentiert, das Deutschland - auch aus dem Blickwinkel des Auslands - positiv verändert habe, erklärte das Kuratorium. Die Verleihung findet einen Tag vor der TV-Premiere, am Dienstag, 5. Dezember, statt.
Viel Ehre. Vieles, auch Kritisches, wurde schon geschrieben, und eine weitere mediale Lawine ist bereits im Rollen, schließlich wollen all die großen Jahresrückblicke der Sender mit Leben erfüllt werden. Beim ersten, Kerners "Menschen 2006" am Sonntag, 3. Dezember, ist er gemeinsam mit Franz Beckenbauer zu Gast. Dann wird Sönke Wortmann, der nachvollziehbarer Weise bereits ankündigte, mittelfristig "ganz sicher erst mal nichts, was mit einem Ball zu tun hat", zu machen, vielleicht noch einmal den wohl treffendsten Satz über seinen Film wiederholen, den er selbst im "Focus"-Interview zu Protokoll gab: "Sommermärchen" sei "gewiss ein Vehikel, um ein schönes Gefühl immer wieder neu zu beleben". Genau so ist es.
Frank Rauscher
Sönke Wortmann (47) hat mit "Deutschland. Ein Sommermärchen" alle Dokumentarfilm-Rekorde gebrochen. Jetzt kommt der Kino-Event ins Fernsehen. (teleschau)
Sönke Wortmanns Doku "Deutschland. Ein Sommermärchen" wird am Mittwoch, 6. Dezember, im Ersten gezeigt. Nie schaffte es ein Kinofilm schneller ins Fernsehen. (teleschau)
Sönke Wortmann macht nun erst mal "ganz sicher nichts, was mit einem Ball zu tun hat". (Senator Film)