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Seeed
Das dicke B und seine StadtBand Seeed (tsch) Es gab anfangs keine Schublade für Seeed. Kein Image, das sich aufdrängte. Und dann auch noch Reggae. Jene in Deutschland lange Zeit mit dem "No Go"-Stempel der Uncoolness versehene "Hippiemusik". Doch da der Trend nicht da war, haben Seeed ihn gemacht. In doppelter Hinsicht: musikalisch und was den Zeitgeist angeht. Ersteres lässt sich sehr klar definieren: Seit es Seeed gibt, ist Reggae in Deutschland wieder oben. Zweiteres ist etwas diffuser und hat mit der Heimat der Gruppe zu tun: Seeed haben die Lokomotive Berlin aufs popmusikalische Erfolgsgleis geschoben und maßgeblich dafür gesorgt, dass die Stadt da ein Selbstbewusstsein entwickelte. Jetzt erscheint eine schlicht "Live" betitelte DVD. Sänger Frank und Saxofonist Mo erzählen, um was es da so geht. Anzeige
teleschau: "Live" ist ein sehr kompakter Titel - wie würdet Ihr die DVD einem Fremden erklären? Mo: Das Augenmerk liegt auf diversen Mitschnitten, die vor allem 2004 und 2006 entstanden. Dazu schnitten wir massig Behind-The-Scenes-Material, also Backstage-Aufnahmen, Interviews mit uns und Leuten aus der Crew, und so weiter. So kann man einen ganz guten Einblick bekommen, wie Seeed überhaupt funktionieren. Dazu kommen dann noch die Videos, die wir am stärksten finden und die dazugehörigen Making Ofs. Frank: Außerdem gewinnt der Zuschauer Einblick in unseren Aufenthalt in Jamaika und sieht Teile von "Das Fest", ein legendäres Konzert in Karlsruhe, wo wir vor 100.000 Leuten spielten. Ich denke, es ist eine ganz gute Packung. teleschau: Warum habt Ihr nicht ein komplettes Konzert mitgeschnitten? Mo: Gezwungenermaßen. Wir haben nie einen Gig so gut und vor allem mit so vielen Kameras abgefilmt, dass das möglich war. Auch an guter Footage gab's einfach noch nicht genug. So sammelten wir über einen längeren Zeitraum. Natürlich, jetzt ist es eine Schnippelarbeit geworden. Das ist nicht nur vorteilhaft, aber das Ergebnis ist sehr ordentlich. Frank: Auf eine gewisse Art ist es sogar spannender - weil man die Band in verschiedenen Phasen sieht. Was uns eben wichtig war, ist dass es dennoch ein Film ist, der den Vibe unserer Konzerte nachzeichnet, dass die DVD eine runde Sache ist. teleschau: Auf wieviel Material konntet Ihr insgesamt zurückgreifen? Frank: Auf eine ganze Menge! Das Doku-Material zu sichten, war sehr aufwändig. Wir mussten uns da 40, 50, 60 Stunden Tapes von Fernsehsendern und einzelnen Bandmitgliedern anschauen. Mo: Höchstens ein Prozent von all dem, was wir gesichtet haben, landete letztendlich auf der DVD. Es gibt ja immer viel Material, das man selbst total spitze findet, das man den Fans aber nicht zumuten möchte. teleschau: Wie lief dieser Sichtungsprozess ab? Frank: Wir bilden immer Delegationen. Es gab ein Videoteam von vier Leuten, die so eine Art Vorauswahl trafen. Am Ende musste es dann aber noch einmal vor dem Elfergremium durchgesprochen werden. Mo: Im Sommer waren wir auf ziemlich vielen Festivals und hatten deshalb auch massiv Zeit. Wir saßen da also im Bus oder in der Lounge und guckten das Zeug an. teleschau: Wie alt sind die ältesten Aufnahmen? Frank: 1999 oder 2000 muss das gewesen sein. Da ist man schon in so ein nostalgisches Philosophieren gekommen - weil man eben sieht, dass man bedeutend älter geworden ist und einem dadurch klar wird, dass man mit den Jungs jetzt schon eine ganze Menge Zeit verbracht hat - mehr als mit jedem engen Freund. Es sind die Menschen, die am nächsten an einem dran sind. Schön ist auch, dass man die eigene Entwicklung nachvollziehen kann. Mir fiel zum Beispiel auf: Natürlich sahen wir früher im Nachhinein seltsam aus, aber wir machten uns damals schon Gedanken um unsere Outfits und so. teleschau: Gab's denn beim Sichten Szenen, die Euch peinlich waren? Mo: Eigentlich nicht - in den argen Rauschsituationen war ja niemand mehr fit genug, mit der Kamera draufzuhalten (lacht). Auch sonst kennen wir da keine Scham. Natürlich, wenn man sich selbst in Interviews sieht, ist das seltsam, zumal nicht alle in der Band fernseherprobt sind. Man muss halt dafür gemacht sein, vor der Kamera zu reden. Das ist für die meisten von uns auch nach acht Jahren schwierig - wir sind Bühnentiere. teleschau: Hattet Ihr je überlegt, das ganze Projekt in fremde Hände zu legen? Frank: Das war usprünglich sogar einmal der Ansatz - aber das ist in der Praxis nie umgesetzt worden, weil die DVD einfach nie Priorität hatte und wir uns darauf auch nicht wirklich vorbereiteten. Da haben wir mit dieser DVD auch eine Menge für die nächste gelernt. Die hier ist geil, die nächste wird noch geiler (lacht). teleschau: Das Medium Musikvideo ist aus der öffentlichen Wahrnehmung etwas verschwunden ... Mo: Stimmt, und es ist sehr schade. Man kann mit Clips einfach sehr viel vermitteln, auch wie man insgesamt rüberkommt. Videodrehs waren immer anstrengend und Nerven aufreibend - aber es ist eine Art von Format, mit der man viel erreichen kann. Dementsprechend traurig ist es, dass dafür im Fernsehen kaum mehr Platz ist und dort insgesamt immer weniger Musik stattfindet. Frank: Vor allem sind wir eine Band, die sehr bildlich agieren kann. Wir sind viele, und unterschiedliche Charaktere. Ich habe noch 1000 Ideen, was man da machen könnte, wie man Sound und Film verbinden könnte. Aber das macht natürlich nur Sinn, wenn das auch gesendet würde. teleschau: Euer erster großer Hit war "dickes B" - wie wichtig ist Berlin für Eure Musik? Mo: Fast alle von uns sind tatsächlich geborene Berliner und lebten immer hier. Deshalb ist Berlin omnipräsent. Es ist unsere Stadt, wir kennen uns aus Schulzeiten und haben eine ähnliche Sozialisation. Natürlich ist das unsere Grundlage, natürlich inspiriert das uns. teleschau: Teile der DVD beziehen sich auf Eure Zeit in Jamaika ... Frank: ... das natürlich auch sehr wichtig für uns ist. Es ist die Mutter des Dancehalls. Wahnsinnig interessant vor allem deshalb, weil es so klein ist und trotzdem so wahnsinnig viele Künstler daraus hervorgingen. Das mal live zu erleben, diese Energie zu spüren, das war ungeheuer inspirierend. Ich hatte vorher nie so eine tierische Bewunderung für dieses ganze Reggae-Ding, weil mir vieles aus der aktuellen musikalischen Szene zu hart, zu sehr auf Wettkampf ausgelegt ist. Aber wenn man nicht nur die Bad Mans auf MTV, sondern die Gesellschaft als Ganzes sieht, auch mal die Mutter, den Arbeiter und den Postboten, dann ist das sehr schön - zumal es an Westafrika erinnert, wo ich lange lebte. Mo: Für uns als Band war aber auch unser Gig auf dem englischen Superfestival Glastonbury legendär, weil England eben auch eine Musiksupermacht ist. Da wurde Pop geboren. Wir gingen mit einem leicht nervösen Vibe auf die Bühne, schafften es aber, die Leute schnell heiß zu machen. Als wir begannen, war es vor uns leer - nach drei Songs kochte das Publikum. teleschau: Ihr erzählt von sehr vielen schönen Sachen - was war denn Euer schlimmster Gig? Frank: Meine schlimmste Erfahrung war wohl 2001 in Hamburg. Wir hatten an sich ein supercooles Konzert gespielt - und als die Rufe nach einer Zugabe kamen, gingen wir drei Sänger noch einmal auf die Bühne. Dann haben wir angefangen, à capella zu singen - und das war die schlechteste Idee unseres Lebens! Ich hatte Blickkontakt mit einer Frau im Publikum, die förmlich mitlitt. Diese Augen werde ich nie vergessen. Seitdem zweifle ich am Prinzip Zugabe. Warum kann man die Leute nicht einfach nach Hause schicken, wenn's am schönsten ist? Jochen Overbeck |
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