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Der letzte Zug(tsch) Es war die TV-Serie "Holocaust", die 1979 den Massenmord an den Juden vor ein Millionenpublikum brachte. Dass eine fiktionale Story wie jene um die jüdische Familie Weiß der Shoah gerecht werden könnte, hatte hierzulande zuvor niemand geglaubt. Zu ungeheuerlich erschien die Vergangenheit, als dass man sich ihr in dieser Form nähern könnte. Aber auch der Dokumentarfilm wagte sich lange nicht im Stil einer großen, umfassenden Recherche an das Thema heran. Dem Franzosen Claude Lanzmann blieb es vorbehalten - nach frühen Versuchen, etwa des Deutschen Erwin Leiser - , mit "Shoah" 1985 die Geschichte der Judenvernichtung im Film aufzuschreiben. Es wurde die neuneinhalbstündige Vergewisserung des Leidens, mit Hilfe der Befragung von Tätern, Opfern und derer, die an der Seite standen. Anzeige "Der letzte Zug", Joseph Vilsmaiers Film, über den Transport der letzten Berliner Juden ins Konzentrationslager Auschwitz bewegt sich nun auf dem schmalen Grat zwischen Dokumentation und Fiktion. Das vielfach umgeschriebene Drehbuch, das auf eine Idee des jüdischen Produzenten Artur Brauner zurückgeht, versucht auf minutiöse Weise den letzten Transport Berliner Juden im April 1943 ins Vernichtungslager zu erzählen. Der Film beginnt am Ort des Geschehens, am Berliner Bahnhof Grunewald, von wo aus man die letzten 688 von insgesamt 70.000 deportierten Berliner Juden nach Auschwitz brachte. Eine 360-Grad-Kamerafahrt durch die Wipfel der Bäume verdeutlicht die schwindelerregende Unbegreifbarkeit des damals Geschehenen. Doch dann blendet der Film über zu einer Besprechung in der Zentrale der NS-Schergen. Nun werde Berlin endlich "judenfrei", man werde Hitler zu dessen Geburtstag eine Freude machen. Manchmal mögen die Gräuel allzu wohlfeil wirken - der Kino-Blick in die NS-Zentrale ist so ein Augenblick, der sich nicht ganz vom Eindruck des Klischeehaften loslösen kann. Auch die Razzia, mit der die Gestapo die jüdischen Bürger nachts überfällt und schließlich am Bahnhof zusammentreibt, wirkt in ihrer Gerafftheit eher wie häufig gesehen. Es ist der schreckliche Moment der Entmenschlichung, der einem den Atem stocken lassen müsste, in dem kein Déja-vu-Gefühl eine Distanzierung zum Geschehen erlauben dürfte. Doch dann, als die Berliner Juden am Bahnhof versammelt sind, nicht wissend wohin ihre Reise geht, als sie zu jeweils 100 in die Waggons gepfercht werden, bekommt Vilsmaiers Film eine erratische Strenge, die ihn in seiner Rigorosität zu einem filmischen Denkmal werden lässt. Das Drehbuch macht das Schicksal der Deportierten an einigen wenigen Menschen und deren Familien fest - an der Familie Neumann (Gedeon Burkhard und Lale Yavas), am Arzt Dr. Friedrich (Juraj Kukura), der sich längst keine Illusionen mehr macht, an der jungen Ruth Zilbermann (Sibel Kekilli), die zuletzt entkommen kann, an dem Alleinunterhalter Jakob (Hans Jürgen Silbermann), der erkennen muss, dass seine Kunst ihm nicht helfen kann und der trotzdem daran festzuhalten versucht. Die sechs Tage währende Auschwitz-Fahrt ist in sechs Film-Kapitel unterteilt, die jeweils mit dem jüdischen Morgengebet beginnen. Er blendet immer wieder zurück in bessere, glückliche Tage der Betroffenen und verstärkt so die Grausamkeit des schrecklichen Gegenwart. Doch die sich von Minute zu Minute verstärkende klaustrophobische Enge des Waggons, die Gedanken an Flucht und der bleibende Wille zu überleben, all das bräuchte diese Rückblenden eigentlich nicht. Das Elend im Waggon, die Hitze, der Durst, der Gestank, das Sterben - das alles wird spürbar und gibt den Zuschauer nicht mehr frei. Es wird letztlich auch zu einer Metapher des Todes in der Gaskammer selbst, aus der für Millionen kein Entkommen war. Joseph Vilsmaier hat, nachdem zuvor mehrere Regisseure abgesagt hatten, die Darstellung des NS-Verbrechens und des Leidens der Opfer minutiös "aufgeschrieben". Seine Frau und Ko-Regisseurin, die Schauspielerin Dana Vavrova, half ihm auf bewundernswerte Weise dabei. Es kann nicht leicht gewesen sein, die - wie beide berichten - "bewundernswert disziplinierten" Komparsen und Kleindarsteller Tag für Tag auf das Geschehen im Waggon einzustimmen. Schon am ersten Drehtag im Mai stürzte Vilsmaier vom Kamerakran. "Es soll nicht sein", hatten er und Dana Vavrova damals gedacht. Aber sie haben diesen Ensemblefilm, dessen durchgehender Schauplatz ein heißer, stickiger Eisenbahn-Waggon nach Auschwitz ist, auf bewunderungswürdige Weise bewältigt. Am Ende blendet der Film auf die Stelen des Berliner Holocaust-Denkmals über, als wollte er sagen: Wir stellen uns in den Dienst von etwas Größerem, dem Gedenken an die Millionen ermordeter Juden. Diese Demut durchzieht den Film freilich von Anfang an. Wilfried Geldner |
Credits: Laufzeit: 120 Min. Kinostart:09.11.06 |
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