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Zack Condon alias Beirut

US-Kid im Balkan-Fieber

Musiker Beirut

(tsch) Zack Condon ist eigentlich viel zu jung für das, was er da tut. Er schaute sich Filme von Emir Kusturica an, hörte stapelweise CDs mit Balkan-Sound und baute im Kinderzimmer ein Album zusammen, auf dem sich osteuropäische Blasmusik und amerikanisches Outsider-Songwriting der Marke Smog treffen. Nun haben sich die Trend- und Musikmagazine in "Gulag Orkestar" verliebt, das Debüt des 20-Jährigen aus dem US-Staat New Mexico. Sie feiern Zack Condons Interpretation eines Balkan-Folkgefühls als eine der letzten großen Platten des Jahres 2006. Mit ein bisschen Glück wird der US-Twen also der nächste Adam Green - ein neues Wunderkind des abseitigen Kunstpop.

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teleschau: Wie kamst Du auf diesen seltsamen Sound

Zack Condon: Es fing damit an, dass ich Filme aus Jugoslawien sah und wissen wollte, welche Musik da zu hören ist. Das wurde bald zu einer Art Besessenheit. Zunächst war ich von den Bildern fasziniert. Aber ich merkte bald, dass ich mich auch in die Musik dieser Filme verliebt hatte.

teleschau: Wie kommt es, dass Du Dir als junger Amerikaner solch seltsame Filme anschaust?

Condon: Als Schüler arbeitete ich in einem Programmkino, und dort wurden nur ausländische Filme gezeigt. Am meisten beeindruckte mich "Underground" von Emir Kusturica. Ich suchte wirklich überall nach der Musik zum Film, aber es war unmöglich, sie in den USA aufzutreiben. Erst einige Jahre später, als ich durch Europa reiste, fand ich diesen Soundtrack.

teleschau: Ging es bei dieser Reise durch Europa darum, die Musik des Balkans zu erforschen oder aufzuspüren?

Condon: Na ja, es ging natürlich auch darum, mal ne Pause von der Schule zu machen (lacht). Ich war in Deutschland, der tschechischen Republik und den Niederlanden unterwegs. Die meiste Zeit lebte ich allerdings in Paris. Wahrscheinlich, weil diese Stadt auch ein Teil meiner Kinoobsessionen ist.

teleschau: Bist Du durch europäische Fußgängerzonen gelaufen und hast Straßenmusiker vom Balkan angesprochen - nach dem Motto: Kannst du mir zeigen, wie diese Musik funktioniert?

Condon: In Paris bin ich wirklich einer serbischen Blaskapelle begegnet - aber wichtiger war das, was in Amsterdam passierte. Dort lebte ein serbischer Musiker in der Wohnung über meiner Bleibe. Er war ein Typ, der sehr viel Heimweh hatte und deshalb Tag und Nacht serbische Blasmusik hörte. Ich hatte allerdings keinen richtigen Lehrer. Keinen, der mir zeigte, wie man Musik vom Balkan spielt. Aber von diesem serbischen Musiker erhielt ich eine zwei oder drei Seiten lange Liste: die wichtigen CDs balkanesischer Blasmusik!

teleschau: Was begeistert Dich an diesem Sound?

Condon: Für mich ist es die perfekte Mischung eines türkischen und balkanesischen Gefühls. Ein Sound, der sich irgendwie sehr betrunken anhört. Die Musik des Kocani Orkesta zum Beispiel. Es gibt da diese wunderschönen Melodien, die direkt aus dem Herzen kommen. Sie werden aufgegriffen von - sagen wir - 20 Trompeten, was dem Ganzen ein sehr episches Gefühl verleiht.

teleschau: Mit dem Wort episch kann man auch die Atmosphäre beschreiben, die Du zum Einstieg in dein Album wählst. Fast scheint es so, als würdest Du erst mal so eine Art balkanesisches Mantra loswerden wollen, bevor später im Album das Songwriting eine größere Rolle spielt ...

Condon: Das Album ist ziemlich chronologisch geschrieben. Die Stücke sind in derselben Reihenfolge zu hören, in der ich sie auch geschrieben habe. Ich denke, man merkt das den Stücken auch deutlich an. Am Anfang klingen sie sehr aufgeregt, sie sind voller Spannung. Später hole ich ein wenig Luft und beginne zu verstehen, was ich da eigentlich tue. Ich denke mehr nach und gewinne die Kontrolle über das, was ich mache. Deshalb klingt es anfangs noch mehr nach Experiment, später schälen sich klarere Songs heraus.

teleschau: Das Album ist also eine Art Dokumentation Deines Lernprozesses in Bezug auf diese Musik?

Condon: Genau richtig! Auch die Instrumente, die ich da spiele. Das war fast alles völlig neu für mich.

teleschau: Du spielst Trompete, Akkordeon, Klavier, Orgel, Ukulele und Mandoline. Hast Du all diese Instrumente extra für dieses Album spielen gelernt?

Condon: Das Akkordeon und die Mandoline, die zu hören sind - das sind tatsächlich die ersten Noten meines Lebens, die ich auf diesen Instrumenten fabriziert habe. Das einzige Instrument, das ich vorher bereits gut spielen konnte, ist die Trompete. Damals spielte ich Klassik, Jazz, ein bisschen was von allem. Ich verbrachte aber nie viel Zeit mit Unterricht, weil ich immer schon meine eigenen Songs schreiben wollte. Ich nehme trotzdem an, dass, was ich damals gelernt habe, mir langfristig weiterhilft.

teleschau: Inwiefern unterscheidet sich die Musik, die Du als Beirut aufnimmst, von der klassischen amerikanischen Folk- oder Rocktradition?

Condon (lacht): Ich denke, die ist so weit weg von mir wie man es sich überhaupt nur vorstellen kann. Ich versuchte, all das zu vermeiden, was man sonst üblicherweise tut. Fast jeder Junge in Amerika bekommt zum vierzehnten Geburtstag eine Gitarre und gründet eine Band. Dagegen hatte ich von Anfang an eine gewisse Abneigung, ich war nie ein Fan dieser Art Story oder von der Art, wie diese Leute Songs schreiben. Andererseits war meine Platte auch keine Reaktion oder ein bewusster Protest gegen diese Musik. Es war nicht mein Ziel, den Einsatz von Gitarren zu verhindern. Sie haben mich einfach nicht interessiert. Also fing ich an, die seltsamsten Instrumente zu spielen, die ich finden konnte.

teleschau: Welche Musik hast Du Dir angehört, bevor du mit dem Balkan-Sound in Berührung gekommen bist?

Condon: Tom Waits zum Beispiel oder die Magnetic Fields. Dazu sehr viel Musik aus Brasilien.

teleschau: Also ziemlich seltsames Zeug, vor allem wenn man dein Alter bedenkt. Ich nehme an, deine Klassenkameraden interessierten sich für andere Dinge?

Condon: Ich erinnere mich, dass alle Leute immer auf Punkbands abgefahren sind. In diesem Alter habe ich mich vor allem für Keyboards interessiert. ...

teleschau: Hatten Deine Eltern einen Einfluss auf Deinen Musikgeschmack?

Condon: Meine Großeltern sind sehr musikalische Leute. Das Akkordeon, das auf dem Album zu hören ist, bekam ich von meiner Großmutter geschenkt. Mein Vater war früher Gitarrist, aber die Musik meiner Großeltern hat mich wohl irgendwie stärker interessiert.

teleschau: Warum hast Du Dir eigentlich den Namen Beirut gegeben?

Condon (lacht): Das war schon mein Spitzname als ich noch klein war. Ich glaube, den haben sie mir verpasst, weil ich schon immer von allem Fremden fasziniert war.

teleschau: Wirst Du Diesen Musikstil weiter verfolgen oder könnte es sein, dass Dein nächstes Album ganz anders klingt?

Condon: Ich denke, ich habe jetzt erst einmal etwas gefunden, mit dem ich eine Weile glücklich bin. Ich werde weiter Songs schreiben, auf dem Klavier oder Akkordeon.

teleschau: Du bist vor kurzem nach New York gezogen und es heißt, dass Musik vom Balkan dort gerade ein heißer Trend ist. Stimmt das?

Condon: Die Szene in New York ist so verästelt, dass es nicht den einen Trend gibt. Aber es ist tatsächlich so, dass sich sehr viele Leute für Musik vom Balkan interessieren. Fast jeder sucht nach etwas Neuen, das sehr gerne ein bisschen nostalgisch sein darf. Es ist ein Trend, der noch relativ frisch ist - aber das freut mich natürlich.

teleschau: Gibt es einen Club oder eine Szene in New York, in der man diesen Sound besonders pflegt?

Condon: Das kann ich so nicht sagen, aber wenn heute in New York etwas passiert, dann immer in Brooklyn. Die Presse schreibt über diesen Sound, sie nennen es Balkan-Punk oder so.

teleschau: Gehst Du in New York auch zu Folk-Konzerten mit Musik aus Osteuropa?

Condon: Dazu hatte ich bisher wenig Gelegenheit. Ich bin gerade mal 20 Jahre alt, also lassen sie mich in die meisten Clubs gar nicht hinein.

Eric Leimann


Ungewöhnliche Vorlieben: Zack Condon hat unter dem Namen Beirut ein Album mit osteuropäischer Musik aufgenommen.
Ungewöhnliche Vorlieben: Zack Condon hat unter dem Namen Beirut ein Album mit osteuropäischer Musik aufgenommen. (Beggars Group)

Wunderkind des Balkan-Pop: Beirut.
Wunderkind des Balkan-Pop: Beirut. (Beggars Group)

Sein Handwerk lernte Zack Condon vor allem in Paris, wo er unter einem serbischen Musiker wohnte.
Sein Handwerk lernte Zack Condon vor allem in Paris, wo er unter einem serbischen Musiker wohnte. (Beggars Group)

Datum: 11.11.2006

Diskussion: "Zack Condon alias Beirut"

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