(tsch) Fast hätte Stephen Dorff Kate Winslet im Arm gehalten, am Bug der "Titanic" (1997) gestanden und gerufen "Ich bin der König der Welt." Aber eben nur fast. Die Rolle hat bekanntlich Leonardo DiCaprio bekommen. Der 33-Jährige war zu sperrig und kantig für den Part. Stattdessen brillierte der in Atlanta geborene Schauspieler lange Zeit in der zweiten Liga Hollywoods und bewies bei der Wahl seiner Rollen immer wieder Mut. Oft gab er den zornigen, rebellischen jungen Mann in zahlreichen kleineren Produktionen, bevor er 1998 als Vampir Deacon Frost in "Blade" weltweit bekannt wurde. Doch der Erfolg hat ihn nicht von seiner Linie abbringen können. Bevor er im kommenden Jahr an der Seite von Milla Jovovich im Independentfilm ".45" wieder auf der Leinwand zu sehen sein wird, rettet er im Zweiteiler "Der Hades Faktor" (So., 26.11. und Mo., 27.11., 20.15 Uhr, RTL) die Welt vor einem Terrorangriff. Eine Rolle, die er, wie Dorff im Interview betont, gerne nach Jack-Bauer-Manier ausbauen würde.
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teleschau: "Der Hades Faktor" ist keine leichte Kost. Die Welt steht in der Geschichte vor einer Bio-Terror-Attacke. Wird den Zuschauern mit dem Film nach einem langen Arbeitstag nicht etwas viel zugemutet?
Stephen Dorff: Der Plot geht an die Nieren. Die Geschichte basiert auf dem Roman von Robert Ludlum, der auch die "Bourne Identität" geschrieben hat. Ich glaube schon, dass manche Szenen beängstigend auf den Zuschauer wirken können. Mittlerweile ist die Furcht vor terroristisch motivierten Anschlägen gestiegen. Die Menschen müssen mit dieser sehr reellen Gefahr leben.
teleschau: Fühlen Sie sich selbst sicher oder begleitet auch Sie die Angst vor Anschlägen?
Dorff: Wenn wir Angst zeigen, dann haben die Fanatiker ihr Ziel erreicht - und das darf nicht passieren. Ich werde mich nicht in meinem Haus verkriechen und im Klo einsperren!
teleschau: Haben Sie das Buch von Robert Ludlum zuvor gekannt?
Dorff: Nein. Regisseur Mick Jackson riet mir sogar, es nicht zu lesen. Der Film sollte sich deutlich vom Roman abheben, und ich wollte unbelastet, ohne bereits Bilder im Kopf zu haben, an die Arbeit gehen.
teleschau: Für "Der Hades Faktor" haben Sie an sehr vielen unterschiedlichen Orten gedreht, unter anderem in Berlin, Paris und Toronto. Konnten Sie sich auch in diesen Städten etwas umschauen?
Dorff: Leider war ich beim Dreh in Berlin nicht dabei. Aber ich kenne Deutschland gut. Ich war unter anderem schon in Berlin, München und Köln. Vor allem aber ist mir Hamburg ans Herz gewachsen. Ich drehte dort den Film "Backbeat". Ich würde auch mal gerne zum Filmfest nach Berlin kommen. Eure Hauptstadt hat ein tolles Nachtleben. Ich mag die Menschen dort. Mein Nachname ist auch deutsch. Ich habe mir sagen lassen, dass er übersetzt "Kleine Stadt" heißt. Meine Großeltern väterlicherseits kamen aus Deutschland.
teleschau: Ihr Undercover-Agent Jon Smith erinnert ein wenig an den von Kiefer Sutherland gespielten Jack Bauer in "24". Hätte die Figur des Agenten Smith nicht auch das Zeug, in Serie zu gehen?
Dorff: Oh ja. Wenn die gleichen Leute mitarbeiten würden, wäre ich sofort dabei. Ich mag den Charakter, und es wäre sicher interessant, ihn weiterzuentwickeln. Man könnte ihn nach New York verpflanzen und ihn dort so einige Dinge aufdecken lassen.
teleschau: Macht es für Sie einen Unterschied, fürs Fernsehen oder für einen Kinofilm zu arbeiten?
Dorff: Das war ein Punkt, der mich am Anfang sehr beunruhigt hat, weil ich es einfach liebe, Filme zu drehen. Aber bei diesem Projekt waren so viele Filmleute beteiligt, dass kein Unterschied festzustellen war: Der Regisseur Mick Jackson wurde durch "Bodyguard" bekannt, und mit Mira Sorvino und Anjelica Huston waren sogar zwei Oscar-Gewinnerinnen dabei. Nur das Arbeitspensum war typisch für eine Fernsehproduktion. Wir mussten viel schneller drehen, weil wir einen vierstündigen Film abzuliefern hatten.
teleschau: Nach "Der Hades Faktor" haben Sie mit Oliver Stone "World Trade Center" gedreht. Lernten Sie Scott Strauss, den sie im Film verkörpern, kennen?
Dorff: Ja, wir sind gute Freunde geworden. Oliver Stone achtete darauf, dass die Menschen, deren Geschichte erzählt wird, immer am Set waren.
teleschau: Was war Strauss' erste Reaktion, als er Sie auf der Leinwand sah?
Dorff: Mit dem Ergebnis war er sehr zufrieden. Während der Produktion allerdings war er ziemlich nervös, wie mit seiner Geschichte umgegangen wurde. Aber als er merkte, dass wir uns an seine Schilderungen halten und nichts ausgeschlachtet wurde, war er beruhigt.
teleschau: Sie haben einmal gesagt, dass Ruhm schnell zum Albtraum werden kann. Hat sich nach dem Erfolg von "Blade" Ihr Leben sehr verändert?
Dorff: Oh ja. Mein Vorteil war, dass ich schon lange in diesem Business tätig war. Menschen wollen plötzlich Autogramme und sich mit dir fotografieren lassen. Aber Fans zahlen Geld dafür, dass sie dich sehen, und da ist es nur fair, ihnen respektvoll zu begegnen.
teleschau: Inwieweit hat sich das Filmgeschäft in den vergangenen Jahrzehnten verändert?
Dorff: Als ich mit 18 Jahren anfing, Filme zu drehen, da war Fernsehen ein Tabu-Thema. Viele TV-Leute machen nun auch Filme. Früher verlief die Trennung viel strikter. Amerikanisches Fernsehen war noch nie so mächtig wie heute. Es ist schon verrückt, dass in England oder in Deutschland "Desperate Housewives" geschaut wird.
teleschau: Sie haben schon früh mit Schauspielgrößen wie Jack Nicholson oder Harvey Keitel zusammengearbeitet. Haben diese Ihnen Tipps im Umgang mit Ruhm gegeben?
Dorff: Ich habe in jeder Hinsicht viel von ihnen gelernt. Vor allem Jack hat mir damals 1996 bei den Dreharbeiten zu "Blood & Wine" viel über das Business erzählt. Doch Ratschläge musste er mir gar nicht geben. Ich habe ihn einfach nur beobachtet. Das war immer wie zur Schule gehen, nur dass du eben keine nervigen Lehrer vor dir hast, sondern ein Idol wie Jack.
teleschau: Eine andere Leidenschaft von Ihnen ist die Musik. Haben Sie Pläne, der Schauspielerei einmal den Rücken zu kehren?
Dorff: Es gibt schon Pläne, doch die sind noch unausgereift. Wenn ich einmal ein Album herausbringen sollte, dann werde ich ganz bestimmt nicht vom Cover lächeln. Ich möchte die Musik für sich sprechen lassen und wenn die Leute in Deutschland Radio hören, einen Titel gut finden, und erst später herausfinden, dass Stephen Dorff dahinter steckt, dann habe ich mein Ziel erreicht. Und vielleicht verwirkliche ich ja auch mal meinen Traum, Filmmusik zu schreiben.
teleschau: Ihr Bruder Andrew ist Musikproduzent. Wird es ein Album der Dorff-Brüder geben?
Dorff: Vielleicht. Er ist aber gerade sehr beschäftigt. Mein Bruder schreibt viel für andere Musiker. Aber schön wäre es auf jeden Fall, mal mit ihm zusammenzuarbeiten.
Julia Köhler
In "Der Hades Faktor" soll der ehemalige Anti-Terror-Agent Jon Smith (Stephen Dorff) eine Terror-Attacke aufklären. (RTL)
Stephen Dorff wurde für seine Rolle des Vampirs Deacon Frost in "Blade" (1998) mit einem MTV Movie Award als bester Filmbösewicht ausgezeichnet. (ProSieben / New Line Cinema)
Stephen Dorff (hier im Action-Kracher "Riders") spielt in seinen Filmen oft und gerne den harten Mann. Kaum vorstellbar, dass auch er für die Rolle des Jack Dawson in "Titanic" (1997) im Gespräch war. (RTL)