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Sibel Kekilli

"Ich gehe meinen Weg ..."

Schauspielerin Sibel Kekilli

(tsch) Es schien 2004 so, als könnte ein Film das Land verändern. Daraus wurde zwar doch nichts, aber "Gegen die Wand", Fatih Akins Berlinale-Gewinner, war zumindest ein Katalysator der Integrationsdebatte. Sibel Kekilli spielte die Hauptrolle in dem wütenden Drama und musste sich als junge türkisch-stämmige Frau in Hamburg zwischen den Kulturen bewegen. Den Rummel um den Film, sie gewann für ihre Rolle den Deutschen Filmpreis, überstand sie allerdings nicht unbeschadet. Unter anderem "Bild" weidete ihre Vergangenheit als Pornodarstellerin in einer Schmutzkampagne aus: Von Sibel Kekilli war zwei Jahre nichts zu hören oder zu sehen, und Journalisten hatten es schwer. Sie können wohl keine Freunde der Schauspielerin mehr sein. Aber Sibel Kekilli lachte schon wieder, weil das Vertrauen langsam zurückkam. Jetzt ist sie gleich in zwei Filmen zu sehen: Josef Vilsmaiers "Der letzte Zug" läuft bereits im Kino, und in Hans Steinbichlers melancholischer "Winterreise" (Start: 23.11.) spielt sie an der Seite von Josef Bierbichler eine junge Kurdin, die einen deutschen Geschäftsmann nach Afrika begleitet. Diese Rolle wurde extra für sie umgeschrieben. Sibel Kekilli hat sie angenommen, obwohl sie es überhaupt nicht mag, festgelegt zu werden.

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teleschau: Frau Kekilli, warum hat es nach "Gegen die Wand" so lange gedauert bis zu Ihrem nächsten Kino-Projekt? War das eine bewusste Entscheidung? Oder lag einfach kein gutes Drehbuch vor?

Kekilli: Ich wollte mich nicht unter Druck setzen lassen und mich nicht den Mechanismen der Filmbranche unterwerfen, nur um nicht in Vergessenheit zugeraten. Das war mir egal. Ich wollte erst einmal zu mir kommen, mich sammeln, die ganzen Erlebnisse verarbeiten. Nach einem Projekt wie "Gegen die Wand" ist es schwierig, nachzulegen. Und wenn "Winterreise" als erstes gutes Drehbuch in fünf Jahren gekommen wäre, hätte ich erst dann wieder einen Film gemacht. Das ist auch eine Art Luxus für mich.

teleschau: "Winterreise" ist ein Wagnis zwischen Komik und Tragik, das auch schief gehen kann. An welchem Moment waren Sie sich sicher, dass Sie bei Regisseur Hans Steinbichler gut aufgehoben sind?

Kekilli: Ich wollte die Rolle eigentlich nicht übernehmen, sie war anfangs als Deutsche angelegt, hieß Vanessa und wurde erst für mich zu Leyla. Es passiert öfter, dass für mich die Rollen umgeschrieben werden. Aber welchen Grund sollte es dafür geben? Also traf ich mich mit Hans Steinbichler, und er erklärte mir die Änderungen. Damit hat er mich überzeugt.

teleschau: Was war der Grund für die Neuanlage der Rolle?

Kekilli: Sie ist Kurdin und studiert Ethnologie weil sie wissen will, warum ein Volk einfach so verschwinden kann. Ich habe daraufhin für mich einen Lebenslauf für die Figur entworfen: Ihr Vater ist in einem türkischen Gefängnis gestorben, durch Folter. Damit kommt sie nicht klar, deshalb sucht sie eine Vaterfigur wie Brenninger. Und deswegen war es richtig, dass sie Kurdin ist.

teleschau: Trotz des anfänglichen harten Rassismus, den ihr Brenninger entgegenbringt. Wie bitter ist heute die Realität diesbezüglich eigentlich?

Kekilli: Also ich wurde in der Sparkasse noch nie Ayse genannt (lacht). Aber man fühlt sich immer fremd, auch wenn man hier geboren ist und einen deutschen Pass hat. Manchmal bekomme ich auch "Komplimente" wie: "Sie sprechen aber gut Deutsch." Und im Filmgeschäft läuft es so, dass ich oft Drehbücher mit der Bemerkung bekomme, die Rolle sei extra für mich in eine Türkin umgeschrieben wurde.

teleschau: Stört sie das sehr? Sie könnten auch sagen: Das macht mir nichts, ich bin von meiner Abstammung her Türkin und stolz darauf.

Kekilli: Ich bin Türkin, ich bin aber auch Deutsche. Ich wurde hier geboren, mein Deutsch ist besser als mein Türkisch. Natürlich verleugne ich meine türkischen Wurzeln nicht. Ich hatte früher Identitätsprobleme und wusste nicht, wer ich bin. Das wird sich wahrscheinlich nie ändern. Im Moment bin ich aber zufrieden. Und es gibt so viele dunkelhaarige Deutsche, die bekommen doch auch nicht nur ausländische Rollen. Ich empfinde es als Beleidigung, nur als Türkin besetzt zu werden. Wenn es eine gute türkische Rolle ist, die für den Film wichtig ist, spiele ich sie gerne. Wirklich. Ich möchte aber nicht einsehen, dass man mir grundlos Rollen umschreibt, nur weil ich einen türkischen Namen habe. Das ist ein Schritt in die falsche Richtung.

teleschau: Spielen Sie eigentlich gerne in Filmen, deren Protagonisten freiwillig gegen die Wand rennen, so wie es auch Josef Bierbichler als Brenninger tut?

Kekilli: Ich spiele gerne mit starken Figuren, und ich mag gebrochene Charaktere. Es ist allerdings kein Auswahlkriterium für meine Filme. Aber es hat mich natürlich gereizt, mit Josef Bierbichler und Hannah Schygulla zu arbeiten.

teleschau: Was ist es für ein Gefühl, mit solchen etablierten Größen am Set zu sein?

Kekilli: Zunächst einmal ist da eine Menge Respekt. Nicht nur vor den Schauspielern, sondern auch vor den Menschen. Ich hatte aber auch Angst, was ich Josef gleich am ersten Tag gestanden habe. Er hat mich daraufhin angesehen und stumm genickt, so als würde er es verstehen und es wäre ganz normal. Danach arbeiteten wir wunderbar zusammen.

teleschau: Sie haben noch relativ wenig Erfahrung als Schauspielerin. Gibt es Vorbilder oder eine bestimmte Richtung, die sie mit ihrer Arbeit einschlagen wollen?

Kekilli: Ich suche noch und muss sehr viel lernen, bin noch am Anfang des Weges. Bisher hatte ich Glück mit meinen Filmen und den Möglichkeiten, mit erfahrenen Schauspielern und Regisseuren zu arbeiten. Ich habe keine feste Richtung, in die ich gehen will. Allerdings weiß ich, dass ich zu den Filmen, die ich mache, stehen möchte. Und zwar ganz. Ich will stolz darauf sein und nicht in beliebigen Projekten mitmachen, nur um im Geschäft zu bleiben.

teleschau: Hätten Sie eigentlich glücklich sein können, wenn Sie Verwaltungsfachangestellte in Heilbronn geblieben wären?

Kekilli: Nein, denn dann wäre ich es ja noch. Ich habe einen sicheren Job aufgegeben. Dort zu bleiben, wäre wie Wurzeln schlagen. Das will ich aber nicht.

teleschau: Hamburg gefällt Ihnen aber ganz gut, oder?

Kekilli: Die Stadt ist toll, aber ich möchte auch nicht für immer in Hamburg bleiben.

teleschau: Das hört sich an, als wäre alle paar Jahre ein Tapetenwechsel fällig?

Kekilli: Auf jeden Fall.

teleschau: Was wäre die nächste Station?

Kekilli: Ich würde gerne, wenn es meine Zeit zulässt, einmal im Jahr nach Istanbul, mindestens für zwei Monate. Ansonsten vielleicht nach Berlin oder ins Ausland, je nachdem wie es kommt.

teleschau: Egal wohin?

Kekilli: Ich bin mit der Politik in den USA nicht einverstanden, deswegen könnte ich da nicht leben. Genau wie in der Türkei. Im Moment gefällt mir die Situation dort überhaupt nicht. Bis vor kurzem durften die Kurden in der Türkei zum Beispiel nicht mal ihre Sprache sprechen.

teleschau: Sie engagieren sich für die Tierschutzorganisation PETA und für "Terre de Femmes", auch in der Türkei. Sind Sie eine Idealistin?

Kekilli: Ja. Und ich lasse mir nichts einreden, mache das, was ich für richtig halte und lasse mich nicht vom Weg abringen.

teleschau: Reiben Sie sich dabei nicht auf?

Kekilli: Klar blutet einem immer wieder das Herz und ich werde oft wütend. Aber ich versuche eben, etwas zu tun. Natürlich gibt es dann auch Leute, die mich hassen. Die werden auch in "Winterreise" einen Grund finden. Zum Beispiel, dass ich als Türkin eine Kurdin spiele. Aber das ist mir völlig egal.

teleschau: Hat Ihnen diese Einstellung geholfen, über die schwere Zeit nach der Berlinale mit der Schmutzkampagne von Teilen der Boulevardpresse hinwegzukommen?

Kekilli: Ich habe mir die Zeit genommen, mich zurückzuziehen, um alles in Ruhe zu verarbeiten. Ich gehe meinen Weg, das habe ich immer so gemacht.

Andreas Fischer


Schauspielerin mit Wut im Bauch: Sibel Kekilli möchte nicht mehr auf Klischees festgelegt werden.
Schauspielerin mit Wut im Bauch: Sibel Kekilli möchte nicht mehr auf Klischees festgelegt werden. (X-Verleih)

Vertrauen ist wichtig: Sibel Kekilli und "Winterreise"-Regisseur Hans Steinbichler.
Vertrauen ist wichtig: Sibel Kekilli und "Winterreise"-Regisseur Hans Steinbichler. (X-Verleih)

Die "Winterreise" führt Layla (Sibel Kekilli) nach Nairobi, wo sie den verschwundenen Brenninger sucht.
Die "Winterreise" führt Layla (Sibel Kekilli) nach Nairobi, wo sie den verschwundenen Brenninger sucht. (X-Verleih)

Datum: 19.11.2006

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