Oasis

Kein Blick zurück im Zorn

Band Oasis

(tsch) Im Juli gingen die ersten Meldungen um den Globus, Oasis werde ein Best-Of-Album veröffentlichen, nach "zwölf unvergesslichen, großartigen Jahren". Und tatsächlich ist Bandboss Noel Gallagher an einem sonnigen Herbsttag beim Gespräch über die Retrospektive "Stop The Clocks" in einem kleinen Café im noblen Londoner Stadtteil Notting Hill bester Laune.

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teleschau: Noel, früher fandest Du es peinlich und blöd, wenn Kollegen wie Blur oder Supergrass Best-Of-Alben herausbrachten. Was ist der Unterschied bei Oasis?

Noel Gallagher: Der Unterschied ist, dass wir am Ende unseres Plattenvertrages mit Sony stehen. Unser Management riet uns, unsere Interessen besser wahrzunehmen und dieses Album selbst zusammenzustellen anstatt es die Plattenfirma machen zu lassen. Wir standen vor der Wahl, uns entweder selbst zu kümmern, oder die anderen den Job machen und vermutlich genau die falschen Songs auswählen zu lassen. Also blieben wir unserem Prinzip treu: In die Plattenläden kommt nur ein Oasis-Album, auf das wir stolz sind.

teleschau: Ein Best-Of-Album ist immer auch ein Blick zurück. Was für ein Gefühl hast Du, wenn Du auf Deine Karriere zurückschaust?

Gallagher: Ich bin stolz auf alles, was ich getan und erreicht habe. Okay - ich wünschte, ich könnte manchen Song ändern oder heute noch einmal neu aufnehmen. Aber wenn ich zurückdenke: Es gab eine verdammte Menge an Höhen und Tiefen! Wir waren noch nie eine Band für den Mittelstreifen!

teleschau: Was würdest Du aus heutiger Sicht ändern wollen?

Gallagher: Ich würde in die Zeit reisen, als wir "(What's The Story) Morning Glory?" veröffentlichten. Danach hätten wir uns - wie U2 nach "The Joshua Tree" - für ein paar Jahre rar machen sollen. Aber das ging irgendwie nicht, also nahmen wir "Be Here Now" auf - einige Fans lieben, andere hassen dieses Album. Aber ich bereue es nicht, um ehrlich zu sein. Auch wenn einige dieses Album ambivalent finden. Wir hatten definitiv Spaß! So viel, dass wir es gar nicht merkten (lacht).

teleschau: Wie siehst Du heute die "battle of the bands" Mitte der 90-er, die Rivalität, die öffentlichen Beschimpfungen und Auseinandersetzungen zwischen Blur und Oasis? Wirklicher Streit oder clever inszenierte PR-Aktion?

Gallagher: Letzteres. Ich muss gestehen, dass es sehr clever von Damon Albarn war, Blur plötzlich in einem Atemzug mit Oasis zu nennen. Wenn das nicht passiert wäre, hätte die niemand auch nur wahrgenommen. Mir war nur peinlich, dass wir uns ein bisschen zu sehr aufgeregt und der Sache mehr Aufmerksamkeit geschenkt hatten als sie eigentlich Wert war. Aber so haben Blur immerhin eine Menge Platten verkauft, wie sie es sonst nie geschafft hätten.

teleschau: Ihr ja wohl auch nicht.

Gallagher (sehr bestimmt): Unser Weg war klar vorgezeichnet! Wir hätten auch so großartigen Erfolg gehabt, keine Frage! Aber die ganze Sache hat Spaß gemacht.

teleschau: Ihr habt für "Stop The Clocks" keinen neuen Song aufgenommen, mit "Aquiesce" und "Half The World Away" lediglich zwei neu eingespielte B-Seiten aufs Album gepackt. Hättet Ihr den Fans nicht noch einen brandneuen Song bieten können?

Gallagher: Klar, wir haben eine Menge unveröffentlichtes Material. Vieles ist sogar richtig gut. Es war tatsächlich eine Option, einen neuen Song aufs Album zu bringen. Aber warum sollten wir das tun?

teleschau: Für die Fans vielleicht?

Gallagher: Aber dann wäre es keine Retrospektive mehr, oder? Die neuen Nummern sind für die Zukunft. Die alten Songs stehen für die Vergangenheit. Ich habe bei unserer internen Diskussion genau so argumentiert und mich am Ende damit durchgesetzt. Wenn ich mir ein Best-Of-Album kaufe, und da ist ein neuer Song drauf, dann sticht der meist aus dem anderen Material heraus und wirkt wie ein Fremdkörper. So haben wir 18 Songs aufs Album gepackt, das entspricht der Länge unserer Live-Konzerte.

teleschau: Nach welchen Kriterien haben Liam und Du die Songs ausgewählt? Gerade so ein Tracklisting bietet ja eine prima Gelegenheit, sich zu streiten ...

Gallagher: Oooh ja! Wir waren mitten in der Tour, als das Thema aufkam, und da war der Abend schon gelaufen. Ich bilde mir ein zu wissen, welches die beliebtesten Oasis-Songs sind. Das glaubt Liam auch. Und dennoch sehen unsere Listen komplett anders aus. Es gibt natürlich Überschneidungen. Und natürlich hat Liam Stress gemacht. Aber am Ende ging es ihm wohl bloß darum, dass "Songbird" drauf ist. Er wollte sich nur mal wieder wichtig machen.

teleschau: Während der "Standing On The Shoulders Of Giants"-Tour sah es so aus, als würdet Ihr Euch auflösen. Wieso der permanente Streit?

Gallagher: Liam mag mich nicht besonders, denn er sieht mich als autoritäre Vaterfigur. Die Leute verlangen immer nach mir, als Bandleader, wenn es darum geht, Entscheidungen zu fällen. Liam darf man einfach keine Verantwortung geben. Und genau das ist sein Problem mit mir. Er kapiert nicht, dass jemand diese verdammte Band führen, Entscheidungen treffen und Verantwortung tragen muss.

teleschau: Würdest Du gerne Verantwortung abgeben?

Gallagher: Ja! Aber auf Liam kannst du dich nicht verlassen. Ich fänd's großartig, wenn er mal etwas machen würde. Sagen wir, ein paar Interviews geben. Er gibt vielleicht eines, alle anderen muss ich machen. Inzwischen wollen die Journalisten schon gar nicht mehr mit ihm reden. Er hat wirklich ein Persönlichkeitsproblem, und das wird mit dem Alter nicht gerade geringer. Aber im Laufe der Jahre haben alle, die mit Liam zu tun haben, gelernt, irgendwie damit umzugehen. Den kannst du nicht mehr geraderücken. Es geht nur noch darum, was wir tun müssen, damit er funktioniert.

teleschau: Ebenso wenig überraschend, dass er sich im September mal wieder geprügelt hat. Diesmal mit Ex-Fußballstar Paul Gascoigne im Londoner Groucho Club!

Gallagher: Paul und Liam haben etwas gemeinsam: Sie vertragen beide kein Bier. Sie werden total schnell besoffen und benehmen sich dann sehr, sehr dumm. Peinlich, aber wahr: Liam hat sich mal wieder geprügelt und Gascoigne dann mit einem Feuerlöscher eingeschäumt. Total kindisch.

teleschau: Liam riskiert, immer noch mehr Zähne zu verlieren...

Gallagher: Ein paar hat er ja noch! (lacht) Er wird wohl nie dazu lernen.

teleschau: Und was ist dran an dem Gerücht, dass Ihr beide plant, in den USA eine Hotelkette mit dem Namen "Supernova Heights" zu eröffnen?

Gallagher: Das ist komplett erfunden. Ich habe das auch nur gelesen. Die Idee ist eigentlich großartig. Na ja - für irgendwas müssen Zeitungen ja gut sein.

teleschau: Was würdest Du machen, wenn in Deinem Hotel eine Band herumpöbelt und Fernseher in den Pool wirft?

Gallagher: So lange sie für den Schaden aufkommt, hätte ich kein Problem damit. So lange die anderen Gäste nicht belästigt werden oder zu Schaden kommen, ist doch alles prima. Und so lange die Jungs bezahlen, dürfen sie Spaß haben.

Stefan Woldach

"Liam kannst du nicht mehr geraderücken. Es geht nur noch darum, was wir tun müssen, damit er funktioniert", sagt Oasis-Chef Noel Gallagher (Zweiter von rechts) über seinen Bruder und Oasis-Sänger Liam (Zweiter von Links).
"Liam kannst du nicht mehr geraderücken. Es geht nur noch darum, was wir tun müssen, damit er funktioniert", sagt Oasis-Chef Noel Gallagher (Zweiter von rechts) über seinen Bruder und Oasis-Sänger Liam (Zweiter von Links). (Sony BMG / David Bailey)
"Liam kapiert nicht, dass jemand diese verdammte Band führen, Entscheidungen treffen und Verantwortung tragen muss." Also bleibt dieser Job an Bandleader Noel Gallagher (Mitte) hängen.
"Liam kapiert nicht, dass jemand diese verdammte Band führen, Entscheidungen treffen und Verantwortung tragen muss." Also bleibt dieser Job an Bandleader Noel Gallagher (Mitte) hängen. (Sony BMG / Steve Double)
Damit die Plattenfirma kein Best-Of-Album mit den aus Sicht der Band falschen Songs herausbringt, hat Oasis die Zusammenstellung selbst in die Hand genommen.
Damit die Plattenfirma kein Best-Of-Album mit den aus Sicht der Band falschen Songs herausbringt, hat Oasis die Zusammenstellung selbst in die Hand genommen. (Sony BMG / Pennie Smith)

Datum: 19.11.2006

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