Casino Royale

Casino Royale

(tsch) Kaum zu glauben. Zu Beginn seiner Karriere als Doppel-Null-Agent soll es James Bond tatsächlich egal gewesen sein, in welcher Form er seinen Martini zu sich nimmt. Die Frage des Kellners, ob er das Getränk "geschüttelt oder gerührt" trinken wolle, beantwortet 007 jedenfalls einigermaßen abfällig und desinteressiert. Eine Szene, die exemplarisch steht für den Neuanfang, den die Macher der populärsten Kinoreihe aller Zeiten nun versuchen. Keineswegs nur aufgrund der Tatsache, weil mit Daniel Craig ein neuer Bond verpflichtet wurde. Vielmehr soll der Agent Ihrer Majestät nun tatsächlich in die Jetztzeit transferiert werden. Aber: Braucht Bond tatsächlich eine Navigationssystem, um seine Ziele ausfindig zu machen?

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Als die Besetzung der Titelrolle bekannt wurde, war die Vorabkritik einiger Fans vernichtend. Dann folgten die ersten Lobeshymnen der Kritiker, die den Film zu sehen bekamen. Besser kann es nicht laufen, um im Kino nun maximale Aufmerksamkeit für "Casino Royale" zu erhalten. Für einen Film, der polarisieren wird. Der viele Bond-Fans bei der Stange halten und einige verschrecken wird. Der aber sicher nicht dazu taugt, der Reihe neue Anhänger zuzuführen. Denn so interessant und diskutierenswert die Regiearbeit von Martin Campbell auch für Bond-Kenner sein wird, wer im Kino Action pur sucht, wird anderswo sicher besser bedient.

Keine Frage: "Casino Royale" beginnt nach der schwarz-weißen Eröffnungssequenz, in der sich Bond das Recht auf den Doppel-Null-Status erwirbt, äußerst eindrucksvoll: mit einer Verfolgungsjagd "Mann gegen Mann" auf einer Hochhausbaustelle. Zu Fuß wohlgemerkt, und trotzdem spektakulär. Zwei weitere große Actionsequenzen werden folgen, doch an den Anfang reichen sie nicht mehr heran. Ohnehin wird deutlich, dass dieser Bond-Film im Vergleich zum Vorgänger deutlich preiswerter sein sollte. Ziel war es, den Charakter Bonds zu erklären. Wer also wissen will, warum 007 mit den Frauen eben genauso umgeht, wie er es später tat, wer wissen will, warum aus ihm dieser harte Kerl wurde, den außer Roger Moore alle bisherigen Bond-Darsteller gaben, der muss zweifellos diesen Film sehen. Denn am Ende steht die geradezu romantische Frage danach, was denn nun schlimmer ist: Eine Liebe, die stirbt? Oder eine Liebe, die verraten wird?

Der Grundansatz des Films verlangt vom Zuschauer eine ganze Menge Toleranz. Es ist ein bisschen so wie damals, als Bobby Ewing in "Dallas" plötzlich in der Dusche stand und alles, was in der Staffel davor geschah, nur geträumt war. Viele wandten sich da ab. Hier nun, so will es das Drehbuch von Paul Haggis und Neal Purvis, agiert Bond in der Gegenwart, schlägt sich mit Terroristen herum, ist aber ein blutiger Anfänger. Nachzufragen, wie das nun zusammenpasst damit, dass 007 ja schon vor gut 40 Jahren aktiv war, dass sein Kernauftrag stets die Errettung der Welt war, meist im Kalten Krieg, lohnt natürlich nicht. Die Verführung, nun endlich die frei gewordenen Rechte für das erste Bond-Buch des Schöpfers Ian Fleming zu nutzen, war zu groß. Da muss zum einen der Preis mangelnder Logik gezahlt werden. Zum anderen ist Bonds erster Auftrag inhaltlich eigentlich eine Nichtigkeit, die vielleicht gerade mal eine Randnotiz im Tagebuch des britischen Geheimdienstes wert ist.

Es geht ums Pokern, was bereits ein Zugeständnis an die Moderne ist. Im Buch war es ein Baccara-Spiel, das Bond mit dem Schurken Le Chiffre (Mads Mikkelsen) zusammenführt. Der ist Bankier von Terrororganisationen, blutet bedeutungsschwanger aus einem Auge und hat derzeit keineswegs irgendwelche schlimmen Pläne. Nein, er braucht nur Geld. Weil das so ist, nimmt er an einem Pokerturnier teil. Und weil England nicht will, dass er dieses Geld bekommt, um böse Dinge damit anzustellen, soll Bond nun beim Pokern gegen ihn siegen. Ein banaler Auftrag, den der Geheimagent in späteren Zeiten seiner Chefin M (Dame Judi Dench kehrt als einzige Bekannte zurück) um die Ohren gehauen hätte.

Regisseur Martin Campbell, der mit "Goldeneye" den besten Bond-Film der letzten Ära mit Pierce Brosnan inszenierte, genießt die Inszenierung dieses Pokerspiels, das zu verstehen einiger Vorbildung (Sendungen im DSF oder Das Vierte seien da empfohlen) bedarf. Hier beweist vor allem Mads Mikkelsen seine Qualitäten als Schauspieler: Er gibt einen markanten Schurken, übertreibt nicht, strahlt aber trotzdem ein Charisma aus, wie man es zuletzt von den Gegenspielern in Bond-Filmen nicht mehr gesehen hat. Leider beinhaltet diese eigentlich starke, weil leise und nachhaltige Duell-Situation auch die größte Unsinnigkeit des Films: Bond wird vergiftet, ist so gut wie tot, wird reanimiert und sitzt kurz darauf wieder topfit am Pokertisch.

Diese überzogenen Szene wäre nicht nötig gewesen. Das Buch räumt dem Agenten genügend Raum ein, um seinen Charakter nachhaltig zu erklären. "Casino Royale" ist, wenn man so will, mehr Personenstudie denn Actionabenteuer. Hier geht es nicht um Politik, nicht um England und schon gar nicht um das Schicksal der Weltbevölkerung. Hier geht es einzig und allein um die Person des James Bond. Er blutet reichlich, lacht so gut wie nie und vor allem: Er liebt, was er in den Folge-Abenteuern nur noch ein einziges Mal tat, als er gar in den Stand der Ehe trat. Hier nun trifft er auf eine Beamtin des britischen Schatzamtes (Eva Green), an die er tatsächlich ein Herz verliert. Die kurze, aber heftige Beziehung schleudert Bond durch alle Extreme. Und sie macht - das glaubt man dem Film in jeder Sekunde - einen anderen Mann aus ihm.

Daniel Craig, das ist ihm in jeder Szene anzusehen, war sich der besonderen Aufgabe bewusst. Schauspielerisch ist der Brite gemeinsam mit Timothy Dalton der bislang Beste aller Bond-Darsteller. Er verleiht seiner Figur mit einfachen Mitteln Tiefe und Glaubwürdigkeit, schafft damit aber eben auch eine neue Version des James Bond, wie man sie bisher nicht sah: kompromisslos, aber auch verletzlich und emotional. Das mag zeitgemäßer sein, verlangt dem Betrachter aber eine Menge ab. Eine Tatsache, die weit schwerer wiegt als die im Vorfeld eifrig diskutierte Frage, ob Daniel Craig nun eigentlich aussieht wie James Bond aussehen muss.

Denn natürlich tut er das nicht. Ihm fehlt die klassische Schönheit. Sein makelloser, durchtrainierter Körper mag die Frauenwelt beeindrucken. Warum sie ihm aber reihenweise zu Füßen fällt und seine bloße Gegenwart für sie genügt, um sie fortan allesamt in seine Arme zu treiben, darf wohl hinterfragt werden.

"Casino Royale" wird in der Bond-Filmografie - egal, wie lange sie noch weitergeführt wird - stets eine Sonderstellung besitzen. Die meisten Fans werden den Film als skurrilen Ausflug akzeptieren, doch ob der berühmteste Agent aller Zeiten noch eine Zukunft hat, wird erst der nächste Bond-Film zeigen. Dem sieht man nach "Casino Royale" mit Spannung entgegen.

Kai-Oliver Derks

Credits:
V:Sony Pictures, USA 2006, R: Martin Campbell, D: Daniel Craig, Mads Mikkelsen, Eva Green u.a.

Laufzeit: 141 Min.

Kinostart:
23.11.06

Wertung
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Gerade erst hat er den Doppel-Null-Status erhalten und somit die Lizenz zum Töten: James Bond (Daniel Craig) weiß dieses Privileg frühzeitig zu nutzen.
Gerade erst hat er den Doppel-Null-Status erhalten und somit die Lizenz zum Töten: James Bond (Daniel Craig) weiß dieses Privileg frühzeitig zu nutzen. (2006 Sony Pictures Releasing GmbH)
James Bond (Daniel Craig) und Vesper Lynd (Eva Green) kommen sich nach anfänglichen Reibereien langsam näher.
James Bond (Daniel Craig) und Vesper Lynd (Eva Green) kommen sich nach anfänglichen Reibereien langsam näher. (2006 Sony Pictures Releasing GmbH)
James Bond (Daniel Craig, links) trifft im Casino Royale bei einem spannungsgeladenen Pokerspiel auf seinen Kontrahenten Le Chiffre (Mads Mikkelsen, rechts).
James Bond (Daniel Craig, links) trifft im Casino Royale bei einem spannungsgeladenen Pokerspiel auf seinen Kontrahenten Le Chiffre (Mads Mikkelsen, rechts). (2006 Sony Pictures Releasing GmbH)

Datum: 19.11.2006

Diskussion: "Casino Royale"

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