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Tom Waits - Orphans

Tom Waits Orphans

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Was treibt diesen Mann um? Er tobt, er keift, er grollt, er findet einfach keine Ruhe. Die kreativen Ausbrüche des Tom Waits kennen kein Maß, keine Rücksicht und kein Regelwerk. Zwei Jahre nach seiner letzten Attacke beschert er uns nicht weniger als ein Dreifachalbum voller abgründiger Höllenmusik, schwelgender Schönheit und fieser Fabulierkunst. "Orphans" erzählt von Raufbolden, Schreihälsen und Bastarden - und vergisst in keinem Moment die Welt, in der seine Geschichten spielen.

Es gibt zwei unsägliche Vorurteile gegenüber Tom Waits, die längst aus der Welt geschafft gehören: Das eine besagt, Waits betreibe seit geraumer Zeit nur noch Kunsthandwerk, das wohlfeile Vaudeville-Topoi aneinander reiht, die sich in all den Theatern und Lichtspielhäusern, die Tom Waits mittlerweile heimsuchte, verbraucht haben. Das andere behauptet, der 56-jährige Familienvater mache unglaubwürdigerweise immer noch auf besoffenen Bukowski an der ewigen Dropout-Bar. Beide Urteile könnten falscher nicht liegen: Den klischeehaften Gossenpoeten hat Tom Waits schon Anfang der 80er-Jahre am Tresen zurückgelassen, der Auftragskünstler im Dienste Robert Wilsons und Jim Jarmuschs ist stets rechtzeitig in seine solitäre amerikanische Wildnis zurückgekehrt, um nie seinen ureigenen Wahnsinn an die hohen Künste auszuverkaufen. In Wirklichkeit brütet Tom Waits seit seiner Selbstneuerfindung "Swordfishtrombones" 1983 unbekümmert eine aus ältesten Songtraditionen verstandene und sich zugleich avantgardistisch entwickelnde Musik aus, die eine tiefe Wahrheit in sich selbst entdeckt, welche mit den Begriffen des Pop nicht zu greifen ist.

"Orphans" nun ist eine Sammlung von 56 Songs, die bislang keinen Platz im Waits'schen Katalog hatten, 30 neue Aufnahmen, viele Beiträge aus Soundtracks, Tributes und Kollaborationen. Keine Werkschau, kein Raritätenkompendium, sondern ein neues, eigenständiges Werk, ein Opus Magnum, das Tom Waits aus alten und neuen Ideen, längst Vergessenem und Spontanem, kruden Fragmenten und großer Songkunst destilliert hat, zusammengefügt zu drei Alben, die alle Facetten seines Schaffens beleuchten. "Brawlers" ist rhythmisch, körperlich, voll manischer Songs und frenetischer Tänze. Waits brüllt, stöhnt, knurrt und lechzt, "Bottom Of The World" schreit er hinaus in die Freiheit des Lebens, "Road To Peace" erzählt er als topical song zur Weltpolitik. "Bawlers" ist der lyrische Waits, traumwarme Balladen, sparsam instrumentiert, sehnsüchtige Erinnerungen, traurige Dichtungen von weihnachtlicher Schönheit. "Bastards" schließlich ist das experimentelle Album in dieser Kollektion, sonderliche Spoken-Word-Stücke, schorfige Avantgarde-Miniaturen, vergleichbar den extremen Momenten auf "Bone Machine" und "Real Gone". Brecht / Weill, Charles Bukowski und Jack Kerouac werden hier vertont und gleich zweimal die Ramones. Und ganz gleich, ob Tom Waits gerade Büchners Woyzeck plündert oder seine eigene sonderbare Imagination, wir sind stets in dieser fremden und doch so vertrauten, wild zusammenfabulierten Waitswelt der Hobos, Outcasts und - Menschen. Wir sind uns selbst nie so nah wie in der Musik von Tom Waits.

Michael Wopperer


Datum: 27.11.2006

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Diskussion: "Tom Waits - Orphans"

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