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All Saints - Studio 1

All Saints Studio 1

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Haben All Saints den Reggae entdeckt? Zumindest der Titel der ersten Single aus dem Album "Studio 1" deutet das an. Immerhin bezeichnet "Rocksteady" das Genre, das Ende der 60er-Jahre auf Jamaica populär wurde und den Grundstein für die Rastafari-Töne von Bob Marley und Co. legte. Und tatsächlich - der Track kommt mit Offbeat und viel Echo daher. Wer aber erwartet, dass die britische Girlgroup ihr Comeback ohne Pop unternimmt, der wird eines besseren belehrt: Die Kernkompetenzen des Quartetts sind trotz zarter Eingliederung des Offbeats die gleichen wie vor der Bandauflösung 2001.

Natürlich, ein Problem bleibt: Der erste große Hit von All Saints war gleichzeitig ihr bester Song. "Never Ever" war ein Versprechen an die Popwelt, ein Liebeslied, das wohl das kälteste Herz auftauen konnte und selbst Punker zum Weinen brachte. In den drei, vier Jahren danach erschienen mit "Pure Shores" und "Under The Bridge" zwei weitere Höhepunkte - doch rasch kam es zu diversen Streitigkeiten, die Band trennte sich.

"Studio 1", das deutet ja schon der Titel an, zeigt All Saints tanzbarer als zuletzt. Vom Notting Hill Carnival, vom Sound des Swinging London, so sagt die Band selber, habe man sich beeinflussen lassen. Und in der Tat, nicht nur "Rocksteady" mit seinem Offbeat und das ähnlich gepolte "Scar" schlagen in eine neue Richtung: "Chick Fit", das zumindest in England wohl die zweite Singleauskopplung wird, spielt gleichermaßen mit Elektrobeats wie mit Latin-Einflüssen, "Hell No" orientiert sich am amerikanischen Hochglanz-R'n'B, während "Flashback" mit seiner Hammondorgel die Bigbeat-Bewegung im England der späten 90er-Jahre aufgreift und mit hübscher Girlpower kreuzt.

"Goodbye to oldschool heartache" heißt es im abschließenden "Fundamental". Und in der Tat, der klassischen Ballade, die sie einst so schlafwandlerisch beherrschten, haben All Saints abgeschworen. Mit Greg Kurstin holten sie sich einen Mann ins Studio, der ohnehin andere Stärken hat: Er produzierte die Krawallmacherin Peaches ebenso wie die Indie-Band Flaming Lips oder Fräuleinwunder Lilli Allen. Den All Saints hat er eine neue Form gegeben - da den alten Inhalt zu finden, mag schwer fallen. Aber die Mühen lohnen sich, zumal sich letztendlich doch wieder ein Kreis schließt. "Studio 1" endet mit besagtem "Fundamental", und das ist nach Abzug aller produktionstechnischer Spielereien ein Gospel - etwas anderes war "Never Ever" damals schließlich auch nicht.

Jochen Overbeck


Datum: 13.12.2006

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