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Toni Collette
Der ganz persönliche WachstumsprozessSchauspielerin Toni Collette (tsch) Toni Collette ist die perfekte Mutter, zumindest im Film. Nach ihren bekanntesten Auftritten als allein Erziehende in "The Sixth Sense" und "About a Boy" muss sich die Australierin nun mit einer kunterbunt zusammengesetzten Familie herumschlagen, in der jedes Mitglied seine ganz eigenen Probleme zu bewältigen hat. Der Indie-Film "Little Miss Sunshine" (Start: 30.11.) wurde zum Überraschungserfolg des Sommers in den US-Kinos. Darin geht es um die Ambitionen eines kleinen Mädchens, sich bei einem Schönheitswettbewerb mit anderen zu messen. Nach anfänglicher Skepsis stellt sich ihre Familie doch noch hinter sie - und zwar geschlossen. Toni Collette (34) selbst ist - so versichert sie mit energischem Kopfschütteln - nie auch nur auf die Idee gekommen, an einem Schönheitswettbewerb teilzunehmen. Beim Interview im New Yorker Hotel verrät sie viel über ihre eigenen Jugendträume, den Sinn der Familie und ihr zweites Leben als Rockröhre. Anzeige
teleschau: "Little Miss Sunshine" ist eine Komödie. Und Sie haben die einzige ernsthafte Rolle darin ... Toni Collette: Da liegen Sie aber so etwas von richtig! Das war auch der Grund, wieso ich mich sofort in die ganze Geschichte verliebte. Außerdem hat der Film etwas Ganzheitliches. teleschau: Was meinen Sie damit? Toni Collette: Man findet selten ein Drehbuch, das von Anfang bis Ende in sich stimmig ist: Die gezeigte Familie ist nicht zusammengesetzt aus skurrilen Figuren, wie man es so oft ertragen muss in anderen Filmen. Die Geschichte hat etwas Organisches und steht jedem Charakter seine Besonderheit zu, ohne ihn lächerlich zu machen. Aus diesem Grund wirkt das Dargestellte auch so realistisch. teleschau: Werden Sie "Little Miss Sunshine" ins Regal mit Ihren Lieblingsfilmen einsortieren? Toni Collette: Ich habe eine ansehnliche DVD-Sammlung, aber darunter finden sich nicht sehr viele meiner eigenen Filme. teleschau: Sehen Sie sich selbst nicht gerne in Ihren Filmen? Toni Collette: Das gibt mir nichts Besonderes. Generell vermeide ich es, mich selbst in einer Rolle zu analysieren. Ich schaue mir allenfalls mal zehnminütige Ausschnitte an, um schöne Erinnerungen aus der Zeit wieder wachzurufen. teleschau: Verbinden Sie solche Erinnerungen auch mit anderen Filmen in der Rolle des Zuschauers? Toni Collette: Ich habe mich immer noch nicht überwinden können, mir einen besonderen Film wieder anzuschauen, weil ich Angst habe, dass ich ihn heute mit anderen Augen sehen könnte und er daher seinen Zauber verlieren würde: "Breaking the Waves". Daneben gehört noch "Rushmore" zu meinen Lieblingsfilmen. Generell mag ich eher Independent-Filme, die eine eigenständige Stimme haben. Ich möchte eher die individuelle Leistung von Filmemacher und Darstellern hochschätzen als mich von großen Produktionen überwältigen lassen. teleschau: Sind Sie mittlerweile in den USA heimisch geworden? Toni Collette: Nicht wirklich, ich lebe immer noch in Sydney. teleschau: Aber Sie arbeiten vor allem in den Staaten. Toni Collette: Merkwürdig, oder? Für mich stehen im nächsten halben Jahr drei weitere Filmprojekte auf dem Plan, und nur eines davon ist ein australisches. Es gibt dort einfach eine viel zu kleine Filmindustrie. Ich würde liebend gerne öfter zu Hause vor der Kamera stehen, aber das ist leider nicht möglich. teleschau: Wäre es dann nicht sinnvoll, gleich nach Hollywood umzuziehen? Toni Collette: Nein. teleschau: Die Antwort kam schnell. Toni Collette: Weil ich mich nicht von meiner Heimat distanzieren möchte und sowieso nichts vom Starsystem halte. Ich denke nicht in solchen Begriffen. teleschau: Dann verbringen Sie viel Zeit im Flugzeug. Haben Sie auch schon einmal einen so genannten Roadtrip unternommen, wie er im Film geschildert wird? Toni Collette: Oh, da gab es einige, alleine schon deswegen, weil ich in einem riesigen Land aufgewachsen bin, in dem man nirgendwo hinlaufen kann, sondern immer das Auto zur Hilfe nehmen muss, um anzukommen. Richtige Roadtrips habe ich natürlich als Teenager gemacht. Tolle Zeit, damals. Eine solche Reise ist ja nicht bloß eine Reise, sondern bekommt erst Bedeutung, wenn man auch wirklich eine Transformation durchmacht - meistens emotional. Es ist eine inspirierende, manchmal auch spirituelle Erfahrung. Im Film wird die Fahrt etwas Besonderes, weil die gezeigte Familie zu Beginn geteilt ist in ihrer Uneinigkeit und in ihren unterschiedlichen Lebensvorstellungen und am Ende viel über sich selbst gelernt hat. teleschau: Was haben Sie selbst damals dazugelernt? Toni Collette: Es gab einen Roadtrip, der hat sich in mein Gedächtnis gebrannt wie keine andere Reise in meiner Jugend. Ich war einige Wochen vorher gerade 18 Jahre alt geworden, und ein paar meiner Freunde, mit denen ich mich nach Weihnachten getroffen hatte, überredeten mich ganz spontan, einfach loszufahren zu einem Folkfestival in Queensland, Australien. Ich sprang also förmlich ins Auto, ohne nachzudenken oder auch nur meinen Eltern Bescheid zu sagen, die an diesem Abend sowieso nicht zu Hause waren, und es wurde die wunderbarste Reise, die ich bis heute gemacht habe: Wir schliefen an Stränden und genossen es einfach, frei und alleine unter uns Freunden zu sein. So etwas vergisst man nicht. teleschau: Haben Sie das Bedürfnis, noch einmal eine ähnliche Reise zu unternehmen? Toni Collette: Es war ohne Frage eine der befreiendsten Erfahrungen, die ich je gemacht habe. Wir waren inmitten der Natur, waren aus dem Alltag ausgebrochen, aus all den Routinen, die einen belasten, und entdeckten neue Dinge. Natürlich versuche ich das auch heute noch hin und wieder. Sicherlich nicht auf die Weise wie früher, aber es ist gesund, einfach mal loszulassen und sich auf Neues einzulassen. teleschau: Werden Sie dann auf der Straße wahrgenommen? Toni Collette: Das sind größtenteils nette Begegnungen. Ich musste mich noch nie mit jemandem herumschlagen, der merkwürdig oder fürchterlich zu mir war. Meistens werde ich auf "Muriels Hochzeit" angesprochen oder "The Sixth Sense". In Großstädten gibt es manchmal eine besondere Affinität zu "Velvet Goldmine", und hier und da erinnern sich einige Leute sogar an "Japanese Story". teleschau: Wie sehen Sie sich in der Zukunft? Toni Collette: Ich habe keinen Plan, was ich spielen werde oder möchte. Ich gehöre zu den Leuten, die einfach auf ihren Instinkt vertrauen, dass, wenn ihnen etwas Tolles begegnet, sie schon zugreifen werden. Ich mache zum Beispiel auch Musik: Mein neues Album ist im Oktober in Australien erschienen, und wir touren den ganzen November über durchs Land. Es ist melodische, atmosphärische, live-wirkende, üppige Musik. Manchmal ist sie schnell und roh, manchmal progressiver alternativer Rock, und ich schreibe alle Songs selbst. Wir nennen uns "Toni Collette & the Finish", eine nette Gruppe Jungs und ich. Mein Ehemann sitzt übrigens am Schlagzeug. teleschau: Was bedeutet Familie für Sie? Toni Collette: Ob es nun die Leute sind, die man mit seinem Blut verbindet, oder eine Familie, die man sich aus einer Gruppe von Leuten erschafft - wie eine Band: Es sind die Menschen, die dich am besten kennen, denen du dich öffnest und denen du deine Sorgen und Wünsche erzählst. Die Beziehungen innerhalb einer Familie prägen uns fürs Leben und begründen, wer wir sind und werden. Wir waren damals drei Geschwister ... teleschau: Jedes Familienmitglied übernimmt eine Rolle, wenn vielleicht auch nicht so deutlich wie im Film. Welche spielten Sie damals? Toni Collette: Das stimmt, über die Jahre wächst man in gewisse Rollenschemata hinein und wenn man als junger Erwachsener irgendwann daraus ausbrechen möchte, kann die Familie es einem sehr schwierig machen. Ich war immer die Schauspielerin, musste mich später also gar nicht ändern. Aber jetzt sind wir alle erwachsen und haben uns verändert. Es ändert sich so vieles im Leben, auch die ganz persönlichen Rollen. Ich selbst bin sehr viel ruhiger geworden. Es gibt für jeden bestimmte Phasen im Leben, in denen man einen ganz eigenen Wachstumsprozess durchmacht. Die Persönlichkeit reift. Ich durchlebe das gerade. Ich liebe meine 30er. teleschau: Gerade in diesem Alter beginnen sich viele Frauen sorgen um ihre Schönheit zu machen. Wie stehen Sie dazu? Toni Collette: Schönheit ist ein Aspekt einer Persönlichkeit, und ich denke, dass es sehr viele weitere Aspekte gibt, die sehr viel wichtiger und ehrbarer sind. Auch ich erlebe Momente der Eitelkeit, um ehrlich zu sein. Jeder hat das mal. Doch es ist eine krankhafte Tendenz in der Gesellschaft, dass sich selbst junge Mädchen schon aufschnippeln lassen wollen, um "perfekt" zu sein. Frauen wie auch Männer werden bombardiert mit Bildern, wie wir auszusehen haben: All das ist Müll. Leif Kramp |
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