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Joss Stone

Nur nicht stets das Gleiche!

Sängerin Joss Stone

(tsch) Joss Stone ist größer als man gemeinhin denkt. Aber vielleicht liegt das auch an den Schuhen, die sind nämlich höher als die, die man gemeinhin trägt. Auf jeden Fall ist Joss Stone eines: herzlich. Sie gibt einem nicht die Hand. Auch nicht das ja gerade ab einem gewissen Society-Standing Pflicht gewordene Küsschen. Nein, sie umarmt einen mit der Herzlichkeit, die man normalerweise Familienangehörigen und Freunden an Festtagen schenkt. Das Besondere: Erwähnte Herzlichkeit ist nicht die Spur aufgesetzt, sondern zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Gespräch.

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Dabei ist es längst nicht ihr erstes an diesem Tag. Die Plattenfirma hat eine Hand voll Journalisten aus aller Herren Länder in ein kleines, aber gemütliches Londoner Tonstudio geladen. Erst mal: Oben ein paar Tracks der neuen CD anhören, die im Frühjahr 2007 erscheinen soll. Und diese Songs hauen rein, was nicht nur daran liegt, dass eine professionelle Studioanlage im Wert eines Einfamilienhauses immer gut klingt und ein junger Mann mit Schlabberhose und Slippern mittels Powerbook alles perfekt austariert. Nein, es ist schon Joss selbst, es ist der eher im HipHop verortete Produzent Raphael Saadiq und es sind ihre Freunde.

Da droppt Conscious-Legende Common seine Rhymes - und vor allem rappt Lauryn Hill, die Frau, für die Joss Stone seit Jahren schwärmt. "Ich bin bei beiden wahnsinnig froh, dass sie auf dem Album sind", sagt Joss. Common war sofort begeistert - bis Lauryn Hill für sie in die Aufnahmekabine ging, vergingen freilich einige Wochen harter Überredungsarbeit. "Ich habe bei ihrer Mutter angerufen, weil ich Lauryns Management nicht kannte. Ständig, jeden Tag, zwei Monate lang. Und alle sagten mir: 'Joss, lass die gute Frau bitte, bitte in Ruhe.' Aber es gefiel ihrer Tochter schließlich, und sie ging ins Studio. Das Ergebnis ist der pure Wahnsinn." Getroffen hat man sich freilich noch nicht: "Ich hoffe aber, dass wir gemeinsam ein Video drehen werden."

Zum Arbeiten zog sich Joss Stone zurück. Sechs Monate verbrachte sie auf Barbados - zunächst fürs Songwriting. Eine Zeit, die sie sehr intensiv genoss. "Es ist dort wunderbar, schade, dass ich keine Fotos dabei habe. Diese Sonnenuntergänge kann man sich nicht vorstellen. Und die Tür des Tonstudios ging direkt auf den Strand raus. Wenn ich keine Lust mehr hatte, konnte ich sofort ins Wasser." Für die eigentlichen Aufnahmen wechselte sie schließlich auf die Bahamas, wo sie zweierlei lernte. Erstens: Die Darstellung dieser Inselgruppe in der Öffentlichkeit ist mit einigen furchtbaren Missverständnissen verbunden. "Es hat so oft geregnet. Und wenn es da regnet, dann schüttet es aus vollen Kübeln. So was zeigen sie nicht im Fernsehen." Zweitens, und wohl zumindest für ihr kreatives Fortkommen wichtiger: Mit einem, der zuhört, arbeitet es sich besser. "Raphael war sehr vorsichtig und zwang mich zu nichts. Stattdessen hörte er mir zu. Am Anfang besorgte mich das fast ein wenig, ich war mir nicht sicher, wie das funktionieren könnte. Wir sind so unterschiedlich! Er ist ein sehr stiller Mensch und ich bin eine Labertasche. Aber die Zusammenarbeit klappte. Weil das erste Mal einer für mich kein Lehrer war, sondern ein Partner. Wir haben kein einziges Mal gestritten."

Und was sagte die direkte Umgebung? "Alle um mich herum waren am Anfang nicht begeistert", sagt Joss. Besorgt, fast ängstlich, hätte ihre Mutter ob dem Richtungswandel gewirkt, und auch die Plattenfirma unterstellte ihr einen gewissen Größenwahn. "Es ging so weit, dass ich traurig war. Und ich bin kein trauriger Mensch. Zum Glück setzte ich mich durch, denn um ehrlich zu sein: Das, was Du da eben gehört hast, ist die Art von Musik, die ich schon immer machen wollte. Ich möchte wirklich nicht schlecht über meine alten Platten sprechen, aber sie waren nicht wirklich das, was ich mir unter einem Joss-Stone-Album vorgestellt hatte. Da wurde einfach auf meine Wünsche und Ideen nicht eingegangen." Und dann bringt sie es auf den Punkt: "Ich bin 19 Jahre alt. Ich bin jung. Ich bin zwar erwachsen, aber auch noch ein Kind. Und deswegen sollte meine Musik auch jung klingen."

Joss Stone nimmt die Dinge leicht, und das räumt sie gerne ein. "Ich gehe mit dem Flow. Ich zwinge mich nie, etwas zu tun. Es gibt in meinem Leben keinen Druck. Songwriten ist für mich keine Arbeit, sondern ein essenzieller Teil des Lebens." Klingt arg easy. So eine Art Wow-Gefühl, das sich potenziert, wenn man Lauryn Hill auf seiner Platte hat? Kollidiert all dieses Majestätische nicht mit dem tatsächlichen Arbeitsprozess, der ja manchmal auch lästige Pflichten mit sich bringt und aufreibend sein kann? Joss Stone lacht und bemerkt, dass sie aufhören würde, wenn das der Fall wäre. Immerhin hätte sie genügend andere Optionen. Sie stellt eine Gegenfrage: "Möchtest Du dein ganzes Leben lang über Popmusik schreiben?" Es ist schwer darauf eine Antwort zu finden, die nicht entweder geheuchelt oder aber resigniert klingt. Zum Glück erlöst Joss den Schreiber dieser Zeilen und antwortet selbst: "Nein, bestimmt nicht. Du möchtest leben, Du möchtest den verdammten Mount Everest besteigen! Und so ist es bei mir auch. Ich habe alle Möglichkeiten. Ich könnte ein Buch schreiben. Ich könnte Schauspielerin werden. Ich könnte Koch werden, oder Töpfer. Ich könnte Lehrerin, aber auch Krankenschwester werden, oder Busfahrerin. Es wäre doch grässlich langweilig, wenn man das ganze Leben lang das gleiche macht! Ich möchte nicht sterben, und auf dem Grabstein steht: Joss Stone, Sängerin."

Vier Jahre lang war Joss Stone nicht wirklich zu Hause. Bemerkenswert, wenn man den Beginn ihrer Karriere betrachtet. Mit 14 versuchte sie es eben mal. "Es war irgendwie witzig, mal ein bisschen herumzusingen. Klar, im Hinterkopf war dieser Kindheitstraum, aber besonders ambitioniert war ich nicht." Dass das alles kein Witz war, merkte sie erst, als sie zwei Jahre später ihren ersten Brit-Award in der Hand hielt. Eine andere Sache irritiert sie freilich noch viel mehr: "Ich kann immer noch nicht ganz verstehen, warum ich für das, was ich mache, Geld bekomme. Es ist nicht so, dass ich da keinen Bock drauf habe, aber manchmal ist es einfach absurd. Neulich fragte mich ein Typ von der Plattenfirma, ob ich auf dem Album einer anderer seiner Künstlerinnen singen würde. Ich sagte: 'Klar, wenn's mir gefällt!' Und er sagte: 'Cool, Du bekommst 75.000 Pfund.' Dass ich das auch aus Spaß an der Freunde machen würde, kapierte er nicht. Irgendwie ist das alles fast ein bisschen pervers."

Jochen Overbeck


Mit der neuen Platte ist Joss Stone fertig - sie wird anders klingen als alles, was die 19-Jährige vorher so machte.
Mit der neuen Platte ist Joss Stone fertig - sie wird anders klingen als alles, was die 19-Jährige vorher so machte. (Virgin)

Hat alle Optionen: Joss Stone.
Hat alle Optionen: Joss Stone. (Virgin)

Für die Arbeit an dem neuen Album zog sich Joss Stone zunächst nach Barbados und schließlich auf die Bahamas zurück. Die noch unbetitelte Platte soll im März erscheinen.
Für die Arbeit an dem neuen Album zog sich Joss Stone zunächst nach Barbados und schließlich auf die Bahamas zurück. Die noch unbetitelte Platte soll im März erscheinen. (Virgin)

Datum: 16.12.2006

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