(tsch) Ein Schuss löst eine weltumspannende Kettenreaktion aus. Zwei Hirtenjungen wollen die Reichweite eines Gewehrs testen und zielen achtlos auf einen entfernten Luxus-Reisebus, der durch die marokkanischen Berge fährt. Getroffen wird zufällig eine amerikanische Touristin. Ihre lebensgefährliche Verletzung steht nur am Anfang dramatischer Ereignisse, von denen unterschiedliche Menschen auf drei Kontinenten betroffen sind. Der Regisseur Alejandro Gonzáles Iñárritu ("Amores Perros" "21 Gramm") erweist sich bei seinem prominent besetzten Ensembledrama "Babel" zum dritten Mal als Meister des episodischen und nicht-linearen Erzählens.
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Für den anmaßenden Turmbau zu Babel dachte sich Gott folgende Strafe aus: Er verstreute die Menschen über den Erdball und verwirrte ihre Sprache. Nie wieder sollten sie wohl an solch einem Projekt zusammen arbeiten können. Iñárritu ließ sich von diesem alttestamentarischen Bibelmythos zu einem Film über die Schwierigkeit, sich erfolgreich zu verständigen, inspirieren. Zudem setzte er sich selbst und sein Team beim Dreh mit vielen Laiendarstellern in sehr unterschiedlichen Ländern der kulturellen und sprachlichen Differenz aus. Für ihn selbst, wie er sagt, "die dümmste, unverantwortlichste, herausforderndste und schließlich doch lohnendste Idee, die ich jemals hatte".
Schauplatz Marokko: Hier kämpft die von der Kugel schwer verletzte Susan (Cate Blanchett) in einem abgelegenen Bergdorf um ihr Leben. Ihr Mann Richard (Brad Pitt) versucht alles, um ärztliche Versorgung zu bekommen. Doch bis dahin sind sie auf die Hilfe der Einheimischen angewiesen. Richard macht dabei die Erfahrung, dass er sich - selbst ohne Worte - besser den bodenständigen Menschen mitteilen kann als der marokkanische Dolmetscher aus der Stadt.
Kommunikationsunfähigkeit beruht in "Babel" auf den unterschiedlichsten Ursachen. Sich nicht verstehen zu können, liegt nicht nur daran, dass man die Worte des anderen nicht kennt. Manche sprechen Dinge auch erst gar nicht an und rennen so in ihr Unglück. So wie die mexikanische Nanny, die in San Diego auf die Kinder der Amerikaner Susan und Richard aufpassen soll, während diese in Marokko sind. Aufgrund des Unglücks verlängert sich ihr Job, und Amelia (Adriana Barraza) gerät in einen Konflikt. Ihr Sohn heiratet in Mexiko, doch wo soll sie die ihr anvertrauten Kinder lassen? Auf Drängen ihres Neffens Santiago (Gael García Bernal) tritt sie die Fahrt an und nimmt die beiden mit. Die Ausreise gelingt, doch bei der Wiedereinreise führen die besagten nicht oder falsch ausgesprochenen Dinge zwischen Santiago, Amelia und auch dem Zollbeamten zu einer Eskalation der Situation. Amelia und die Kinder stranden wie Illegale im wüstenartigen Grenzgebiet.
Der Austausch wichtiger Informationen funktioniert auf vielen Ebenen nicht. Untergebene haben Angst, das Wort an Autoritäten zu richten. So findet Amelia nicht die richtigen Worte im Gespräch mit dem Mann an der Grenze, und der Vater der marokkanischen Jungen flüchtet lieber mit den Kindern, als mit der Polizei zu sprechen, die inzwischen von einem terroristischen Anschlag ausgeht. In angespannten Situationen wird erst geschossen und dann geredet.
Sprachlosigkeit herrscht auch im weit entfernten Tokio. Hier versucht sich die taubstumme, nach Liebe suchende Chieko (Rinko Kikuchi) ihrer Umwelt und ihrem Vater Yasujiro (Kôji Yakusho) mit Gebärdensprache und heftigen sexuellen Aktionen mitzuteilen. Meisterhaft bindet Iñárritu diese auch visuell völlig unterschiedliche Geschichte in seinen Film mit ein.
Individuelle Schicksale in einer globalisierten Welt - was in anderen Händen zu einer überambitionierten oder pauschal politisierenden Versuchsanordnung hätte werden können, lebt bei Iñárritu. Er versteht es, die unterschiedlichsten Welten authentisch auf die Leinwand zu bringen und miteinander sinnvoll, aber auch überraschend zu verknüpfen. Kraftvolle und namhafte Stars wie Brad Pitt, Cate Blanchett und Gael Garciá Bernal lassen ebenso wie die hervorragend gecasteten Laiendarsteller das Gefühl von Machtlosigkeit angesichts einmal aus dem Ruder gelaufener Dinge aufkommen. Ein ebenso eindringlicher wie nachhaltiger Film, den man nicht so schnell vergisst.
Diemuth Schmidt
Credits: V:Tobis Film, USA 2006, R: Alejandro González Iñárritu, D: Cate Blanchett, Brad Pitt, Said Tarchani u.a.
Laufzeit: 142 Min.
Kinostart: 21.12.06
Susan (Cate Blanchett) glaubt nicht daran, dass die Reise nach Marokko ihre Ehe retten kann. (Tobis Film)
Richard (Brad Pitt) bangt um das Leben seiner angeschossenen Frau Susan (Cate Blanchett). (Tobis Film)
Weil Richard (Brad Pitt) nicht rechtzeitig zurückreisen kann, macht er sich große Sorgen um seine Kinder in San Diego. (Tobis Film)
Datum: 16.12.2006
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