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Kai Wiesinger

Flirt mit der Flimmerkiste

Schauspieler Kai Wiesinger

(tsch) Kai Wiesinger gehörte lange Zeit zum kleinen Kreis deutscher "Kinoschauspieler" - also zu jener Hand voll Darsteller, deren Filme fast immer auf der großen Leinwand debütierten und für die eine Flimmerkiste viel zu klein erschien. Doch was ist passiert? In letzter Zeit sieht man den 40-jährigen Mimen immer öfter in Fernsehproduktionen, und als wäre dies nicht genug, hat er nun sogar eine achtteilige Serie für RTL abgedreht. Was nach Karriereknick klingt, ist in Kai Wiesingers Sicht der Tatsache geschuldet, dass deutsche TV-Produktionen in den letzten Jahren einfach besser geworden sind. Im Interview spricht der Mann, der 1991 mit dem Sönke Wortmann-Film "Kleine Haie" aus dem Nichts zum Star wurde, über seine Aussöhnung mit dem Medium Fernsehen, über deutsche Defizite mit der Kinokultur und über seine Rolle als Stil-Ikone.

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teleschau: In dem Sat.1-Film "Unter Mordverdacht - Ich kämpfe um uns" spielen Sie einen Familienvater, der unter Mordverdacht gerät. Was hat Sie an dieser Rolle gereizt?

Kai Wiesinger: Die Geschichte geht los mit einer Liebesszene in der Scheune, fast so als wäre man in einem Rosamunde Pilcher-Film. Alles sieht nach heiler Welt aus. Und dann kommt plötzlich die Justiz auf diesen idyllischen Bauernhof und verhaftet den netten Familienvater als Prostituiertenmörder. Von einem zum anderen Moment steht für die Frau dieses Mannes, gespielt von Bettina Zimmermann, die Möglichkeit im Raum, dass ihr Mann ein Doppelleben führt und dunkle Geheimnisse hat. Wir leben ja in einer Gesellschaft, in der wir glauben, alles über den Anderen zu wissen. In Wirklichkeit sind die Menschen neben uns aber enorm geheimnisvoll. Meistens sind wir zu oberflächlich, um das zu akzeptieren oder auch nur zu bemerken. Die Momente, in denen diese Fassade rissig wird, finde ich spannend.

teleschau: Im Film bleibt es lange in der Schwebe, ob dieser Mann schuldig ist oder nicht. Würden Sie die Rolle eines fälschlich Beschuldigten anders spielen als die eines Schuldigen, der seine Schuld zu verbergen sucht?

Wiesinger: Für mich ist die Wahrhaftigkeit der Person in dieser konkreten Situation entscheidend. Wenn ich einen Raum betrete, reagiere ich mit allen Sinnen auf das, was ich sehe. Wenn man zuvor das Drehbuch gelesen hat, weiß man natürlich: Da wird jetzt gleich ein Monster oder eine wunderschöne Frau drinsitzen. Der Beruf des Schauspielers ist es nun aber, diesen Raum völlig offen zu betreten, so als wüsste man nicht, was sich hinter der Tür verbirgt. Natürlich laufe ich mit einer anderen Last auf meinen Schultern herum, wenn ich jemanden umgebracht habe. Das muss man nicht unbedingt sehen, ich muss die Schuld nicht die ganze Zeit mitspielen. Die meisten Täter werden von ihrer Umgebung als völlig unauffällig beschrieben - obwohl sie in der Regel keine Schauspieler sind.

teleschau: Sie sind in letzter Zeit häufiger in Fernsehproduktionen zu sehen. Gerade haben Sie sogar acht Teile der neuen RTL-Serie "Die Anwälte" abgedreht. War das Ihr Debüt als Seriendarsteller?

Wiesinger: Nicht ganz. Ich hatte am Anfang meiner Karriere, direkt nach "Kleine Haie", eine Rolle in den letzten Folgen der Manfred Krug-Serie "Auf Achse". Das ist jetzt etwa 15 Jahre her, und ich war damals nicht scharf auf eine Fortsetzung.

teleschau: Was hat den Stimmungswandel verursacht?

Wiesinger: Für mich hat sich die ganze Produktionslandschaft seit damals sehr verändert. Mittlerweile hat auch Deutschland die Liebe zur Serie entdeckt. Man arbeitet länger und sorgfältiger an den Stoffen, es wird aufwändig produziert, und es gibt Figuren mit Entwicklung. All das hat den früheren deutschen Serien gefehlt - für einen Schauspieler war das ein ziemlich frustrierendes Arbeitsumfeld. Ich suche schon seit einem Jahr nach einer guten Serienrolle, auch weil ich mit großer Begeisterung gut gemachte amerikanische Serien anschaue. "Die Anwälte" kamen dieser Ästhetik recht nah.

teleschau: Was gefällt Ihnen an der Serie?

Wiesinger: Zunächst mal ist es ein Ensemble aus fünf Anwälten, die in einer Gemeinschaftspraxis arbeiten. Wenn der Zuschauer vielen guten Rollen auf gleich hohem Niveau zuschauen kann, macht das einfach viel mehr Spaß als wenn sich alles auf ein oder zwei Leute fokussiert. Ich spiele einen Anwalt, dem die Fälle oft zu nahe gehen, der sich fast gefährlich intensiv mit ihnen auseinander setzt. Die Serie schaut ganz genau hin, wie die Fälle die Menschen verändern, wie sich die Beziehung der Anwälte über die Zeit wandelt - alles spannende Dinge, die man nur im Serienformat erzählen kann. Außerdem hatte ich auch Spaß daran, mal vier Monate Kontinuität beim Drehen zu haben. Im Jahr davor habe ich sechs Filme gemacht und war ständig an anderen Orten. Da freut man sich richtig, mal über eine gewisse Zeit immer dieselben Leute zu sehen.

teleschau: Sie würden also jederzeit wieder in einer Serie mitspielen?

Wiesinger: Ja, absolut. Vielleicht geht es ja auch weiter mit "Die Anwälte", das ist sicherlich erfolgsabhängig. Ich hatte jahrelang Berührungsängste mit dem Fernsehen und drehte fast nur Kinofilme. Die Bedenken waren damals berechtigt, glaube ich, aber heute entscheide ich nur noch nach dem Stoff. Wenn das Projekt interessant ist, mache ich ein Fernsehspiel oder eine Serie ebenso gerne wie einen Kinofilm.

teleschau: Hat das Fernsehen in Deutschland an Qualität zugelegt?

Wiesinger: Deutschland hat ohnehin ein hohes Fernsehniveau. Man vergisst oft, dass wir aus dem Ausland immer nur das Beste zu sehen bekommen. Was glauben Sie, welcher Mist da teilweise läuft? Deutschland fällt es mittlerweile leichter zu akzeptieren, dass wir viel mehr Fernseh- als Kinonation sind. Das ist durchaus ein kultureller Unterschied zu Ländern wie Frankreich. Ich unterstütze die Aktion "Lernort Kino". Dort wird versucht, Schülern unterschiedlichen Alters über bestimmte Filme und Themen auch das Kulturgut Kino näher zu bringen. Trotzdem bekommt das Fernsehen in der deutschen Kultur eine viel höhere Aufmerksamkeit. In anderen Ländern stehen die Leute zu Tausenden bei den Festivals auf der Straße, um die Filmschauspieler zu sehen. Hier ist es den meisten Leute egal, ob da nun ein Filmschauspieler kommt oder jemand, der in einer Fernsehserie mitwirkt. Seit der Nazi-Zeit und der Vertreibung der kreativen deutschen Kinomacher nach Hollywood, dem Missbrauch des Films als Propagandainstrument, hat das Kulturgut Kino hier in Deutschland nie wieder den Stellenwert von früher bekommen. Vielleicht ist es in 20, 30 Jahren wieder soweit.

teleschau: Aber es gibt doch längst wieder erfolgreiches deutsches Kino. Sie selbst spielten in einigen Filmen der Neunziger, die man damals als deutsche Kinorenaissance gefeiert hat ...

Wiesinger: Viele dieser erfolgreichen deutschen Komödien der Neunziger waren eigentlich Fernsehfilme, die dann ins Kino gebracht wurden. Die Filme hatten ganz klar eine Fernsehästhetik. Als wir dann "14 Tage lebenslänglich" in Kinomanier drehten, fragten mich ganz viele Journalisten, warum wir denn jetzt auf amerikanisches Kino machen würden. Dabei war es nur unser Ziel, das Filmmaterial mal wieder auszunutzen - Super 35, das ist Cinemascope. Da muss man anders beleuchten und eine andere Bildaufteilung vornehmen. Man gibt dem Zuschauer eine Möglichkeit, sich zu entscheiden: Gucke ich nach links, wo jemand auftritt oder nach rechts, wo jemand wartet. Im Fernsehen sehe ich immer beide.

teleschau: Es gibt also einen technisch bedingten, ästhetischen Unterscheid zwischen Kino und Fernsehen, der vielen Zuschauern gar nicht bewusst ist?

Wiesinger: Ja, wenn selbst die Journalisten denken, dass wir die Amerikaner nachmachen, nur weil wir dem Zuschauer die Entscheidung überlassen, ob er links oder rechts gucken will, dann zeigt das in gewissem Maße, dass uns Kinoästhetik zumindest für deutsche Stoffe immer noch ein wenig fremd erscheint. Okay, das ist auch schon wieder zehn Jahre her, und ich denke, dass wir seitdem einiges dazugelernt haben.

teleschau: Von der Zeitschrift "Maxim" haben Sie gerade den "Grooming Man Award 2006" bekommen. In der Begründung heißt es, dass Kai Wiesinger "über Jahre hinweg Stil und gepflegtes Äußeres wie ein Schild vor sich herträgt". Immerhin haben Sie diese Auszeichnung auf Ihrer Webseite vorgestellt - sind Sie ein bekennender Dandy?

Wiesinger: Solche Auszeichnungen sind nicht immer besonders aussagekräftig. Immerhin habe ich für "Comedian Harmonists" auch einen Echo und eine Goldene Schallplatte im Schrank stehen, obwohl ich dafür nie einen Ton sang. Andererseits wurde ich auch schon zweimal zum "Best Dressed Man" gewählt - wahrscheinlich, weil ich die richtigen Partner habe und deshalb vernünftige Klamotten im Schrank hängen. Ich ziehe mich immer so an, dass ich mich wohl fühle. Zu Hause brauche ich dafür etwas anderes als wenn ich zu einer Gala gehe. Trotzdem hat mich die Auszeichnung gefreut, auch weil es in der Laudatio hieß, dass ich denen durch korrektes und höfliches Auftreten aufgefallen bin. Wenn man 15 Jahre in der Öffentlichkeit steht und mit so einer Auszeichnung gesagt bekommt, dass man sich immer anständig und nicht arrogant verhalten hat, empfinde ich das als sehr schönes Feedback. Es gibt schließlich nichts Schlimmeres als Promis, die glauben, das wahre Leben fände auf dem roten Teppich statt.

Eric Leimann


Drehte nach 15 Jahren zum ersten Mal wieder eine Serie fürs deutsche Fernsehen: Kai Wiesinger.
Drehte nach 15 Jahren zum ersten Mal wieder eine Serie fürs deutsche Fernsehen: Kai Wiesinger. (teleschau)

Im Sat.1-Thriller "Unter Mordverdacht - Ich kämpfe um uns" spielt Kai Wiesinger den Vater einer glücklichen Musterfamilie, der plötzlich wegen Mordes verhaftet wird. Ehefrau Katharina (Bettina Zimmermann) bleibt mit den Kindern allein zurück.
Im Sat.1-Thriller "Unter Mordverdacht - Ich kämpfe um uns" spielt Kai Wiesinger den Vater einer glücklichen Musterfamilie, der plötzlich wegen Mordes verhaftet wird. Ehefrau Katharina (Bettina Zimmermann) bleibt mit den Kindern allein zurück. (Sat.1 / Conny Klein)

Kai Wiesinger (links) und seine fünf Kollegen in der neuen RTL-Serie "Die Anwälte".
Kai Wiesinger (links) und seine fünf Kollegen in der neuen RTL-Serie "Die Anwälte". (RTL)

Datum: 05.01.2007

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