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Iris Berben
Sehnsucht nach AfrikaSchauspielerin Iris Berben (tsch) So vieles hat Iris Berben von Afrika zu berichten, so vieles, das sie noch immer tief bewegt, und dann wird sie doch so oft nur auf die Knieverletzung angesprochen, die sie sich etwa zur Mitte des dreimonatigen Drehs in Kenia zuzog. Jetzt wird operiert, und Heiligabend, so berichtet sie energisch, kommt sie hoffentlich wieder aus der Klinik raus, -"und dann will ich nie wieder danach gefragt werden." Wenn sie nun lacht, klingt das ein klein wenig verbittert, denn so ein Kreuzbrandriss ist eine höchst schmerzhafte Angelegenheit. Iris Berben will keine Heldengeschichte erzählen, wenn sie über den großen ZDF-Dreiteiler "Afrika, mon amour" spricht. Sondern lieber davon berichten, wie wichtig ihr dieser Film ist. Und vor allem, was Kenia, was Afrika in ihr ausgelöst hat. Die 56-jährige Schauspielerin nennt es Sehnsucht: "Es packt mich in einer Weise, das kann ich gar nicht beschreiben." Anzeige
teleschau: Frau Berben, welche Eindrücke sind nach drei Monaten Kenia hängen geblieben? Iris Berben: Ich erinnere mich an ein intensives Leben, Erleben und Arbeiten. Schon für "Die Patriarchin" waren wir in Kenia, aber diesmal war die Produktion um ein Vielfaches größer: Wir hatten ein 190-köpfiges Team am Set, wenn wir mit Komparsen drehten, waren es über 400 Leute. Und wir reisten durch verschiedene Regionen. So konnte ich die Menschen und das wunderbare Land viel besser kennen lernen. Das alles hat mich schwer beeindruckt. teleschau: Inwiefern? Berben: Erstaunt war ich von der Vielfalt. Auf Lamu, einer moslemischen Insel, wurde unser sämtliches Equipment in Eselskarren transportiert - weil es dort einfach nichts anderes gibt als Esel und trockenen Boden. Wenn wir dagegen frühmorgens in der Samburo-Steppe zum Drehort fuhren, übertrafen wir uns gegenseitig im Aufzählen der Tierbeobachtungen: Zebras, Giraffen, Gnus, Elefanten, Antilopen ... Was für ein Geschenk! teleschau: Von Ihrem Reitunfall und der daraus resultierenden Knieverletzung abgesehen: Wie hart war der Dreh zu "Afrika, mon amour"? Berben: Ich musste, nein: ich konnte mich sehr anstrengen für diesen Film - ich strenge mich ja gerne an. Die Schwierigkeiten vor Ort waren so mannigfaltig wie das Land: Die Uhren Afrikas ticken anders, dort prallen Welten aufeinander, die Natur ist unberechenbar. Wir erlebten nicht nur Hitze und Dürre. Einmal spülten uns unvorstellbare Regenfälle sämtliche Aufbauten weg. Ein anderes Mal hatten sich dort, wo wir drehen wollten, Elefantenhorden breit gemacht - es war ihre Tränkestelle, wir hatten dort nichts verloren. Mit unseren europäischen Arbeitsgewohnheiten, unserer Ungeduld, Genauigkeit und Disziplin stießen wir an Grenzen. Deshalb sage ich bewusst: Wir haben diesen Film zusammen mit den Kenianern gestemmt, man hat voneinander profitiert. Wir nahmen uns sicher etwas von ihrer Gelassenheit. teleschau: Fühlt sich das Leben im großen Berlin und in Deutschland nun anders an als vorher? Berben: Ich muss ehrlich sagen: Ja. Ich stehe neben mir, ich bin noch nicht wirklich angekommen. Diese intensiven Eindrücke, die Menschen, die Natur, die Tiere, allein dieser Himmel ... Irgendetwas macht dieser Kontinent mit einem. teleschau: Was genau meinen Sie? Berben: Ich begann in Afrika, meine eigene Lebensform und Lebenseinstellung und die Werte, von denen wir doch alle mehr oder weniger getrieben sind, zu hinterfragen: Ist es richtig, dass wir uns in permanentem Wettbewerb befinden, nicht mehr Luft holen, uns keine Zeit für neue Gedanken und zum Reflektieren nehmen? Es betrifft ja nicht nur mich, sondern die ganze Gesellschaft und die Politik: Wir sind einfach gewohnt, auf alles sofort eine Antwort zu finden, alles muss erledigt sein, wir müssen funktionieren. Ich weiß, dass dies dazugehört - Sie, ich, wir alle wären nicht da, wo wir sind, wenn wir nicht funktionieren würden. Aber ich habe angefangen, nach Zwischentönen in diesem Rhythmus zu suchen und beobachte an mir durchaus eine etwas andere Gelassenheit, die mich auch sagen lässt: "Nein, jetzt nicht - lass es einfach mal laufen!" teleschau: Aber in unserer Gesellschaft geht es eben um ganz andere Dinge, nichts Existenzielles, kein Kampf ums Überleben mehr ... Berben: Genau das ist es ja. Wir sind eine zu satte Gesellschaft. Mein Lieblingssatz heißt: "Gier frisst Hirn". Nirgends wird einem das so bewusst wie in Afrika, wo es eben vielfach um nichts als um das nackte Überleben geht. Denn natürlich sahen wir dort die Probleme: Armut, Korruption, Patriarchat, Kinderarbeit ... Aber ich sah immer auch die Würde dieser Menschen. Man wünscht sich so sehr, dass ihnen geholfen, ihnen aber nichts übergestülpt wird, dass sie ihre Identität behalten, ein Leben führen, das für sie das richtige ist, keines, das wir aufoktroyieren. Zweifellos eine große Aufgabe für die Entwicklungspolitik. teleschau: Hätten Sie denn Antworten auf die immensen Probleme? Berben: Nein. Aber ich weiß, dass man die Situation dort nicht nur aus unserer Moral und Aufgeklärtheit heraus beurteilen darf. Die Kinderarbeit zum Beispiel darf man dieser Gesellschaft nicht von heute auf morgen wegnehmen, sie sichert die Existenzen der Familien. Das ist alles viel komplexer als wir uns es vorstellen. Ich habe mir vorgenommen, aus meinen Erfahrungen heraus und mit meinem Wissen, für dieses Land, das ich wirklich sehr liebe, zu sprechen. Hätte ich nur mehr Zeit, dann würde ich mich weitaus mehr engagieren. Aber mir kommt schon mein Einsatz gegen Rechts, wider das Vergessen der Nazi-Gräuel zu kurz, darauf muss und werde ich mich sicher weiterhin konzentrieren und mit meinen Lesungen, Aktionen und Auftritten tun, was ich nur tun kann. teleschau: Haben Sie Sehnsucht nach Afrika? Berben: Ganz ehrlich: Ja! Es packt mich in einer Weise, das kann ich gar nicht beschreiben. Es ist richtige Sehnsucht, kein Wort trifft es besser. Und ich frage mich, wonach hat der Mensch Sehnsucht, woher kommt das Gefühl in uns: Ist es die Wiege? Vielleicht hat dieses Geheimnisvolle an Afrika ja irgendwie mit unseren Wurzeln zu tun ... Ich hatte tatsächlich vor, jetzt, über Weihnachten und Neujahr, wieder für ein, zwei Wochen hinzufliegen, aber da kam mir die Knie-Operation dazwischen. Ich werde die Reise 2007 auf alle Fälle nachholen. teleschau: Frauen, die Ihr Schicksal in die Hand nehmen, spielten Sie häufiger. In "Afrika, mon amour" geht es um eine Adelige, die vor dem 1. Weltkrieg nach Deutsch-Ostafrika kommt und ein neues Leben beginnt. War der historische Hintergrund nochmals eine größere Herausforderung für Sie? Berben: Es war auf jeden Fall eine sehr schöne Erfahrung, diese Rolle zu erarbeiten. Aber es war auch besonders schwierig, denn man begibt sich auf sehr dünnes Eis: Du musst einen anderen Gang, eine andere Körperhaltung, eine andere Frisur haben, um die historische Anforderung zu bedienen. Aber das darf niemals betulich wirken. Wir hatten uns also auferlegt, mit den Figuren ein Stück weit in der Modernität zu bleiben. Ich wollte, dass die Figur wahrhaftig wird und die Rolle nicht nur äußerlich bedienen. Die Frage ist doch: Trägst du ein Kostüm, oder trägt das Kostüm dich? teleschau: Bestimmt ist es nicht immer angenehm, sich in einer geschnürten Korsage durch den afrikanischen Tag zu bewegen. Und dann auch noch ihre Verletzung! Berben: (lacht) Ach, man kann dem Ganzen sogar etwas Gutes abgewinnen: Weil ich die Schiene am Knie ja nicht unter den engen Hosen tragen konnte, durfte ich lange Röcke anziehen. Bei dieser unglaublichen Hitze war das wirklich ein großes Glück. Stilisieren Sie mich jetzt bloß nicht zur Heldin hoch, weil ich trotz Kreuzbandriss weiter drehte! Ich tat dies aus Eigennutz: Ich war nämlich viel zu gierig auf den Film. Hätte jeder andere auch gemacht! teleschau: Dann lassen Sie sich wenigstens vom Publikum loben: Bei der ZDF-Wahl "Unsere Besten" wählten die Zuschauer Sie kürzlich auf Platz vier der beliebtesten deutschsprachigen Schauspieler ... Berben: Oh, das habe ich staunend zur Kenntnis genommen ... Ich meine, vor mir waren nur noch zwei bereits verstorbene Kollegen, Heinz Rühmann und Romy Schneider, sowie der wunderbare Mario Adorf. Das ist ein schönes, schönes Kompliment, eine Bestätigung der Arbeit und sicher auch meiner Haltung - wissend, dass ich es dem Publikum nicht immer leicht gemacht habe, mit meinem Weg: Ich habe nie geheiratet, habe ein uneheliches Kind, mich zum Leben der 68er-Jahre und zu Drogen bekannt, mit einem jüdischen Mann gelebt ... Ist man damit prädestiniert, zu einer der beliebtesten Schauspielerinnen gewählt zu werden? Ich weiß nicht. Mir tut es gut, dass ich trotzdem so angesehen werde. Und ich bin dankbar, das das Publikum in der Lage ist, mich differenziert wahrzunehmen. teleschau: Was tun Sie selbst für eine solche differenzierte Wahrnehmung? Berben: Ich bin mir zunächst einmal bewusst, dass es einfach einen gewissen Preis gibt, nämlich die Bekanntheit und alles, was daraus resultiert, aber auch, dass ich glücklich bin, einen Beruf zu haben, den ich liebe und schätze und für den mich andere Leute lieben und schätzen. Und dann muss man sich in manchen Dingen einschränken, kann einiges steuern lernen: Ich versuche, ein diskretes Leben zu führen, äußere mich nur zu Dingen, zu denen mir auch wirklich etwas Sinnvolles einfällt, überlege mir genau, wo sage ich wem was, lasse mich von niemandem einfach so aus dem Hut zaubern oder instrumentalisieren. teleschau: Das neue Jahr beginnt wieder mit einer Auszeichnung: Am 19. Januar erhalten Sie in München den Karl-Valentin Orden, erst als vierte Frau überhaupt. Steigt mit solche Ehrungen nicht auch die Verantwortung? Berben: So will ich es lieber nicht sehen, aber stimmt schon: Die Dinge, die ein Prominenter, ein Schauspieler sagt, haben eine ganz andere Gewichtung, und das kann wirklich zu einer Bürde werden. Ich wehre mich dagegen. Ich bin nicht 24 Stunden am Tag Schauspielerin, sondern zunächst ein ganz normaler Teil dieser Gesellschaft: jemand, der wählt, der seine Klappe da aufmacht, wo man sie aufmachen muss, der für seine Rechte einsteht und Einsatz bringt. Das ist meine Haltung. Aber es ist eine Haltung, die jeder haben sollte. Das genau ist mein großes Anliegen: Widerstand gegen Rechts muss ein Teil unseres Alltags sein, nicht etwas Besonderes, über das Iris Berben spricht. teleschau: Gehen Sie mit guten Vorsätzen ins neue Jahr? Berben: Nein, das mache ich nie. Ich lasse die Dinge lieber auf mich zukommen, außerdem stehen für 2007 schon einige Projekte an. Vielleicht sollte ich mir also vornehmen, etwas weniger zu arbeiten. Aber, wie gesagt, ich liebe, was ich tue, und ich brauche das Pensum wohl, weil ich arbeitssüchtig bin. Oder soll ich mit dem Rauchen aufhören? telescha: Und? Berben: Nein. Gerade jetzt, da bei uns so merkwürdige Diskussionen geführt werden, werde ich das bestimmt nicht tun! 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