(tsch) Es hat lange gedauert, bis das Kino sein Coming Out hatte. Schwule Themen verkaufen sich immer noch nicht, und Hollywood ist noch lange nicht "aus dem Schrank gekommen". Die Oscar-Verleihung 2006 zeigte das einmal mehr. Der favorisierte "Brokeback Mountain" bekam zwar Oscars für Regie und Drehbuch (und Musik), bester Film war nach Meinung der Academy-Mitglieder aber "L.A. Crash". Das war zwar nicht ganz logisch, passt aber zu den verklemmten Werten, die immer noch vorherrschen. Zu groß, munkelten Kritiker und Filmschaffende danach nicht ohne Häme, sei Ang Lees Tabubruch gewesen. Schwule Cowboys im Wilden Westen - das geht dann doch zu weit für den prestigeträchtigen Goldjungen. Der ARTE-Themenabend "Das Coming-Out des Kinos" versucht zu erkunden, warum Homosexualität noch immer nicht als normales Filmsujet angesehen wird.
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Anlass für den Themenabend ist die Verleihung des Teddy Awards, der seit 21 Jahren bei der Berlinale für herausragende Filme mit schwul-lesbischen Themen vergeben wird. Die Berlinale ist das einzige A-Festival (zu dieser Kategorie gehören unter anderem Cannes, Venedig und Locarno), das dem "queer cinema" einen eigenen Preis widmet. Aber auch erst seit 1987, als sich Akzeptanz von Homosexuellen ein wenig entwickelte. Den ersten Preis gewann übrigens Pedro Almodóvar für "Das Gesetz der Begierde" mit dem jungen Antonio Banderas.
Dass Homosexualität heute endlich als normal gilt, ist auch ein Verdienst des Kinos. Wie kaum ein anderes Medium haben Kinofilme Einfluss auf die Massen, können Themen setzen und der Kinogängergeneration, die zum größten Teil aus Teens und Twens besteht, Halt und Orientierung geben. Dabei hat sich auch das Kino lange Zeit schwer getan, wie der schwule Filmemacher André Schäfer mit seiner 90-minütigen Doku "Schau mir in die Augen, Kleiner" zeigt. Der 2006 entstandene Film eröffnet den ARTE-Themenabend und ist ein unterhaltsamer und informativer Streifzug durch 40 Jahre schwule Kinogeschichte, der augenzwinkernd aber deutlich Position bezieht und sich vor allem auf das Jetzt bezieht. Denn der Kampf um die gesellschaftliche Gleichstellung ist noch nicht gewonnen.
Es mangelt der Doku auch nicht an Ironie. John Waters, Kino-Trash-Ikone aus Baltimore ("Pink Flamingos", "Hairspray", "Cry-Baby"), kann sich zum Beispiel die Bemerkung "Heute reicht es nicht mehr, schwul zu sein. Man muss offen schwul sein" nicht verkneifen. Dabei sollte es doch egal sein, mit wem man schläft. Er ist einer der vielen Regisseure (Gus Van Sant, Rosa von Praunheim, Stephen Frears) und Schauspieler (Tilda Swinton, Jean-Marc Barr, Jeroen Krabbé), die André Schäfer für seinen Film interviewt hat. Seine Gesprächspartner kommentieren Ausschnitte aus über 30 Filmen von "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1970, Regie: Rosa von Praunheim) über "Coming Out" (1989, Regie: Heiner Carow) und "My Own Private Idaho" (1981, Regie: Gus van Sant) bis zum französischen Sommerkomödie "Meeresfrüchte" (2005, Regie: Olivier Ducastel und Jacques Martineau), mit denen die Entwicklung des schwul-lesbischen Kinos gezeigt wird.
Im Anschluss daran zeigt ARTE um 23.45 Uhr Bill Condons mit Fiktion verwobene Biografie des "Frankenstein"-Regisseurs James Whale. In "Gods and Monsters" (1999) sucht er nach dem würdigen Ende, das sich der diskreditierte Homosexuelle gewünscht hat. Ist es eine Wiedergutmachung Hollywoods, dass der Film 1999 mit dem Drehbuch-Oscar ausgezeichnet wurde? Schließlich hat die Traumfabrik lange gebraucht, sich dem Thema Homosexualität zu nähern.
"Gods And Monsters" ist keineswegs ein putziger Film über das Schwulsein, sondern eine wie im Vorbeigehen erzählte, messerscharfe Charakterstudie mit einer Menge versteckter Kritik. Die Filmstadt hatte James Whale (Ian McKellen) nie wirklich ernst genommen. Seine Erfolge feierte der Brite viel zu früh, indem er mit "Frankenstein" und "Frankensteins Braut" die Fahnenstange in den noch feuchten Boden der sich etablierenden Kinoszene steckte, an der sich später alle anderen Horror-Regisseure entlanghangelten. Doch Whale wollte sich nicht festlegen, geschweige denn einschränken lassen. Hollywood strafte ihn, kehrte sich ab, auf der Suche nach neuen Talenten mit sauberem Zahnpastalächeln.
Als sich sein Gesundheitszustand nach einem Hirnschlag im Alter dramatisch verschlechtert, beschließt der immer noch kecke Oldie, bei einem Journalisten Hollywood-Geheimnisse gegen Kleidungsstücke einzutauschen. Whale hat es auf seinen muskulösen Gärtner (Brendan Fraser) abgesehen, doch ihm ist klar, dass er bei ihm nicht landen kann. Fortan zelebriert Regisseur Bill Condon unaufgeregt die Annäherung der beiden Männer und taucht die letzten Tage in gleißendes Sonnenlicht, als wolle er den größtmöglichen Kontrast zu seiner düsteren Erzählung schaffen.
Andreas Fischer
"Gods and Monsters" ist kein putziger Film über das Schwulsein, sondern eine wie im Vorbeigehen erzählte, messerscharfe Charakterstudie des "Frankenstein"-Regisseurs James Whale, der von Ian McKellen dargestellt wird. (ARTE)
Der schwule Regisseur James Whale (Ian McKellen, links) hat es in "Gods and Monsters" auf seinen muskulösen Gärtner Clayton Boone (Brendan Fraser) abgesehen. (ARTE)
Mit "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" erregt Rosa von Praunheim 1970 bundesweit Aufsehen. In der Doku "Schau mir in die Augen, Kleiner" gibt er sich weiter streitlustig. (ARTE / Florianfilm)
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