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Krass

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(tsch) Wenn sich ein Buch als ein besonderes Stück Literatur erwiesen hat, dessen Funke weltweit auf ein Millionenpublikum übergesprungen ist, halten die Leser den Atem an, wenn es die Verfilmung ihres so wertgeschätzten Romans geht. Dann sind immerfort Nörgler zu hören, die schon im Vorfeld zu wissen glauben, das Buch das sei ja ohnehin viel gelungener. Der Film, der schnöde, werde da längst nicht mithalten können. Nun funktioniert die Logik der Kulturindustrie aber so, dass das, was erfolgreich ist, seine Reise durch möglichst viele Auswertungskanäle antreten muss. Ob es nun ein Musical ist, das verfilmt wird, ein Buch zum Film erscheint oder eben anders herum. Meist sogar zahlt sich dieses fleißige Adaptieren auch aus, denn die Neugier des Publikums ist dann doch größer als die vorgefasste Meinung.

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Augusten Burroughs hat solch ein Buch geschrieben. Ein echter Renner im mittlerweile unübersichtlichen Markt der jungen, wilden Autoren, die allesamt gerne den großen Hit landen wollen, am besten mit ihrer Lebensgeschichte. Doch eine Biografie wie Burroughs haben wohl keiner: Als Einzelkind in einer typisch dysfunktionalen Familie der 70er-Jahre bekam er es mit einer aufstrebenden, aber gänzlich unbegabten Literatenmutter, einem desillusionierten Vater, aber vor allem mit einem schrulliger Psychiater zu tun, der neben seinem Büro nicht nur ein Onanierzimmer unterhält, sondern - und das klingt komischer als es wohl wirklich war - in seinen Exkrementen eine Botschaft Gottes zu entschlüsseln glaubte. "Running with Scissors", was im Amerikanischen so viel heißt wie ständig am Abgrund zu leben und auf Konventionen zu pfeifen, war ein gelungener Titel für die Autobiografie. Der deutsche Titel "Krass" für Buch und den jetzt in den Kinos anlaufenden Film ist dagegen eine etwas einsilbige Beschreibung.

Augusten wird gezeigt als netter Junge, der in Kindesjahren seine in ihrer eigenen Poesie nur so schwelgende Mutter vergöttert, später aber als Jugendlicher erkennen muss, dass er nicht das große Los gezogen hat. Hilflos muss er erleben, wie seine Mutter zunehmend in Depressionen versinkt, die Ehe zwischen ihr und seinem alkoholkranken Vater zerbricht, und er schließlich auf mütterliche Initiative von eben dem Psychiater adoptiert wird, der wegen seiner skurrilen Behandlungsmethoden berüchtigt ist und schon längst nicht mehr praktizieren darf.

In dessen Haus, das wie eine Horrorversion der Villa Kunterbunt wirkt, haust er also zukünftig mit einer Familie, die Medikamente wie Nahrungsmittel vertilgt, Hundefutter als knusprige Snacks schätzt und jegliches Zimmer ihrer Heimstätte vor Müll und Kleinigkeiten platzen lässt. Die zwei Töchter des Doktors bringen den jungen Naivling ebenfalls um den Verstand: Die eine ist kurz davor, ihm voller Experimentierfreudigkeit Stromschläge zu verpassen, und die andere inszeniert sich als Bibelfreak, die ihre Katze verhungern lässt, um sie nachher einzukochen (wobei nicht ganz sicher ist, ob dies nur ein kranker Witz ist).

Was sich im Buch liest wie eine aberwitzige Reise durch ein Abenteuer, das Leben heißt, erreicht den Zuschauer im Kinosaal nur bruchstückhaft. Die himmelhoch schreiende Komik der Erzählung wird auf der Leinwand zu einer langatmigen Aneinanderreihung von Skurrilitäten ohne roten Faden. Das liegt nicht an einem schlechten Drehbuch, auch nicht an einer schlechten Regieführung. Autor und Regisseur Ryan Murphy ist also keinesfalls Unfähigkeit anzulasten. Vielmehr ist es das Medium, das die Vorstellungskraft behindert. In Bildsprache lesen sich Burroughs Erlebnisse nur halb so interessant. Was fehlt, ist der Freiraum für die Imagination des Zuschauers. Das Buch dagegen schafft durch den gewitzten Schreibstil Burroughs und die vielfältigen Möglichkeiten der individuellen wie fantasievollen Ausstaffierung der Geschichte durch den Leser genug Potenzial, um sich womöglich sogar mit der Not, aber auch dem Lebensfrohsinn des Protagonisten zu identifizieren.

Annette Bening in der Rolle der hysterischen Mutter Deirdre Burroughs qualifiziert sich zwar mal mit Weinkrämpfen, mal entrücktem Blick und mal mit emanzipierter Kaltschnäuzigkeit für den Oscar, doch stiehlt sie dem etwas blassen Hauptdarsteller Joseph Cross als Augusten die Show. Selbst dem grandiosen Alec Baldwin als Vater, der am Ende des Films seine Lektion gelernt hat und als Einziger dem Strudel der Verzweiflung entkommen ist, wird keinerlei Entfaltungsmöglichkeit gegeben. Nur Brian Cox, bekannt als Präsidentenberater in der Fernsehserie "24", kann mit seiner Darstellung des zunächst ernsthaften und dann immer mehr demaskierten Psycho-Scharlatans gegen die Dominanz Benings anspielen. Erst nach quälenden 113 Minuten beginnt der Abspann, was der Komplexität der Romanvorlage zwar immer noch nicht gerecht wird, aber dennoch darauf hinweist, dass das Vorurteil, ein gutes Buch könne nicht angemessen verfilmt werden, zumindest manchmal zutrifft.

Leif Kramp

Credits:
V:Sony Pictures, USA 2006, R: Ryan Murphy, D: Gwyneth Paltrow, Annette Bening, Joseph Fiennes u.a.

Laufzeit: 116 Min.

Kinostart:
18.01.07


Augusten Burroughs (Joseph Cross) fühlt sich seit seiner Kindheit von seinen Eltern überhaupt nicht verstanden.
Augusten Burroughs (Joseph Cross) fühlt sich seit seiner Kindheit von seinen Eltern überhaupt nicht verstanden. (2006 Sony Pictures Releasing)

Auch die Sitzungen beim Eheberater helfen Norman (Alec Baldwin) und Deirdre Burroughs (Annette Bening) nicht mehr weiter.
Auch die Sitzungen beim Eheberater helfen Norman (Alec Baldwin) und Deirdre Burroughs (Annette Bening) nicht mehr weiter. (2006 Sony Pictures Releasing)

Hope Finch (Gwyneth Paltrow) weiß um ihre Rolle als Lieblingstochter von Dr. Finch.
Hope Finch (Gwyneth Paltrow) weiß um ihre Rolle als Lieblingstochter von Dr. Finch. (2006 Sony Pictures Releasing)

Datum: 16.01.2007

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Diskussion: "Krass"

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