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Carla Bruni

Das Versprechen und die Lüge

Sängerin Carla Bruni

(tsch) Der Vater Komponist, die Mutter Pianistin - ihr musikalisches Talent bekam das 37-jährige Ex-Supermodel scheinbar in die Wiege gelegt. Denn mit ihrem Albumdebüt "Quelqu'un m'a dit" gelang der Italienerin ein glänzender Abschied vom Laufsteg. Mit dem Nachfolger "No Promises" vertont die Sängerin mit der sanften, rauchigen Stimme diesmal Gedichte der Jahrhundertwende.

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teleschau: Um Ihren Albumtitel zu bemühen: Welches Versprechen haben Sie am meisten bereut, gebrochen zu haben?

Carla Bruni: Nun, Versprechen beinhalten immer das Problem der Lüge. Wenn Du einem Mann versprichst, ihn bis ans Ende deines Lebens zu lieben, lügst Du mit Sicherheit. Was nicht bedeutet, dass Du es in diesem Moment nicht fühlst. Was ich nur nicht leiden kann, sind diese offensichtlich dahin gelogen Versprechen, mit dem Wissen, gebrochen zu werden.

teleschau: Sind Sie oft enttäuscht worden?

Bruni: Nein, denn ich bin sehr besonnen und vorsichtig, deshalb bin ich nicht oft enttäuscht worden. Ich bin zwar sehr romantisch, wie die meisten Menschen, aber ich bin nicht naiv.

teleschau: Sie haben für "No Promises" Gedichte vertont von William Butler Yeats, Wystan Hugh Auden, Emily Dickinson, Dorothy Parker. Was hat Sie an diesen Autoren fasziniert?

Bruni: Ihre Biografien, ihre Einsamkeit, ihre Melancholie und natürlich die Qualität ihrer Sprache, die ein wirklicher Genuss ist und Spaß macht. Im 19. Jahrhundert hatten Frauen de gleichen Empfindungen, Sorgen und Nöte wie heute.

teleschau: Zum Beispiel?

Bruni: Emily Dickinson - zu ihren Lebzeiten wurde nichts von ihr veröffentlicht. Heute gilt sie als eine der wichtigsten amerikanischen Autorinnen. Oder Dorothy Parker: eine bewundernswert starke Frau in einer Männerwelt als Film- und Theaterkritikerin. Sie wurde berühmt, starb aber total einsam. Ich war fasziniert von diesen verschiedenen, sehr starken Charakteren, aber auch von ihrer gemeinsamen Einsamkeit.

teleschau: Dabei war einer von Parkers bekanntesten Aussprüchen: "I loved them, till they loved me".. Wunderbar.

Bruni: Ja, wirklich. Es war ungeheuer provokant für eine Frau am Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Eine fast schon feministische Sichtweise. Vielleicht auch ein Grund, warum sie am Ende einsam gestorben ist.

teleschau: Teilen Sie dieses Gefühl, wenn Sie mitunter im goldenen Käfig leben?

Bruni: Diese Art der Einsamkeit kenne ich nicht. Dafür eine andere. Ich weiß, es klingt kindisch, aber ich fühle eine Leere in mir, seit meiner Geburt. Keine tragische Einsamkeit, aber eine definitive. Das hat sich erst mit der Geburt meines Sohnes geändert. Aber ich kenne diesen goldenen Käfig nicht. Ich kann nahezu überall hingehen und niemand nimmt Notiz von mir.

teleschau: Kaum zu glauben.

Bruni: Der Grund ist, dass ich eine Art von Bekanntheit genieße, die die Fans nicht offensiv werden lässt. Ich bin selten im Fernsehen, gehe nicht oft auf Partys. Ich pflege meinen Ruhm nicht, bin nicht überall präsent und sage nur etwas öffentlich, wenn ich etwas zu sagen habe.

teleschau: Und dennoch werden Sie erkannt.

Bruni: Aber ich habe keine negativen, aggressiven Erfahrungen gemacht. Madonna kann vielleicht nicht ohne Weiteres öffentlich ausgeht, aber ich kann meinen Jungen ohne Probleme selbst von der Schule abholen. Ich erinnere mich an Claudia Schiffer: Sie brauchte eine Zeit lang Bodyguards. Brauchte ich nie. Ich bin also entweder nicht so berühmt, oder ich habe einen effektiveren Weg, mich "unsichtbar" zu machen.

teleschau: Diesen Trick wüssten bestimmt gerne viele.

Bruni: Ach, ich trage Jeans, ein T-Shirt, im Sommer eine Sonnenbrille und sehe einfach aus, wie jede andere Mutter auf der Straße.

teleschau: Was sagt Ihr Sohn zu der Musik seiner Mutter?

Bruni: Er mag es, wenn ich singe, aber er findet mich auch seltsam. Ich benehme mich anders, sagt er. Und er mag es nicht, wenn ich bei Auftritten Make-Up trage. Er will von mir wissen, warm ich das tue, und sagt: Mama, du siehst fürchterlich aus! Er ist definitiv kein Fan.

teleschau: Fiel es Ihnen schwer, Karriere und Mutterrolle zu kordinieren?

Bruni: Ja! Ich musste damit erst mal klarkommen. Aber die Mutterrolle erfüllt etwas in dir, das dein Beruf niemals schaffen wird. Es ist eine andere Welt. Und: Du kannst als Muter zur gleichen Zeit sehr frustriert und sehr glücklich sein. Eine ambivalente Zeit, die man genießen muss, denn die Kinder sind sehr schnell groß und aus dem Haus.

teleschau: Anderes Thema: Wie finden Sie die musikalischen Aktivitäten von Paris Hilton?

Bruni: Nun, es gibt viele wundervolle Sängerinnen, die nie einen eigenen Song geschrieben haben, wie etwa Edith Piaf. Eine Sängerin zu sein, ist also offensichtlich nicht das gleiche, wie eine Songwriterin zu sein.

teleschau: Sehr diplomatische Antwort.

Bruni: Okay, ich glaube nicht an konstruierte Karrieren und Images, glaube aber sehr wohl daran, dass man sich als Persönlichkeit entwickeln muss. Natürlich basiert eine Karriere auf vielen Faktoren. Ein wesentlicher neben Talent ist auch Glück. Und Image. Es gibt viele, die leben von ihrem Image. Aber das ist doch furchtbar.

teleschau: Apropos Image: Was haben Sie empfunden, als Sie vom Hungertod des brasilianischen Models erfuhren?

Bruni: Das war fürchterlich! Diese Mädchen sind einfach zu jung! Dazu kommt, dass sie körperlich eben noch nicht ausgebildet sind, das sind doch noch keine Frauen. Deswegen sind sie auch so dünn. Das war ich mit 12, 13 Jahren auch, bevor ich eine Frau wurde. Ein normales Mädchen mit 18 sieht anders aus.

teleschau: Wie sehen Sie Sich selbst im Vergleich zum heutigen Schönheitsideal?

Bruni: Im Vergleich dazu bin ich fett! Wenn man mich neben so ein Mädchenmodel stellen und vergleichen würde, käme man zu diesem Schluss. In meiner Model-Generation waren ausschließlich normale Frauen - schlank zwar, weil wir Models waren, aber normal. Wir hatten Hüften, Brüste und Schultern. Wir waren Frauen, 25 Jahre alt, manche von uns sogar 30! Das Problem heute ist diese Kindlichkeit, die kindliche Schlankheit, diese kindliche Körperform, die in der Mode inzwischen benutzt wird. Furchtbar!

teleschau: Würden Sie es lieber sehen, wenn ihre Kinder eines Tages Model oder Musiker würden?

Bruni: Musiker sähe ich lieber, aber als Musiker kann man auch sein ganzes Leben lang am Hungertuch nagen. Ich weiß nicht, ob wir überhaupt Einfluss in die Sehnsüchte unserer Kinder nehmen sollten. Ich würde höchstens Ratschläge geben. Und hätte ich eine Tochter, würde ich sie nicht aufhalten. Wie könnte ich? Aber ich würde ihr in jeder Lage selbstverständlich helfen.

Stefan Woldach


Früher Top-Model, heute Sängerin mit Vorliebe für britische Lyrik: Carla Bruni.
Früher Top-Model, heute Sängerin mit Vorliebe für britische Lyrik: Carla Bruni. (Claude Gassian)

"Ich fühle eine Leere in mir": Carla Bruni.
"Ich fühle eine Leere in mir": Carla Bruni. (Claude Gassian)

Carla Bruni veröffentlicht mit "No Promises" ihr erstes rein englischsprachiges Album.
Carla Bruni veröffentlicht mit "No Promises" ihr erstes rein englischsprachiges Album. (Claude Gassian)

Datum: 14.01.2007

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