Rainer Werner Fassbinder
Meister des MelodramsRainer Werner Fassbinder (tsch) Der Fernseher lief noch, als man ihn fand. Im Mundwinkel hing eine verglimmte Zigarette. "Plötzliches Herzversagen" wurde diagnostiziert, aber Rainer Werner Fassbinder starb an diesem 10. Juni 1982 wohl an einer tödlichen Mischung aus Schlafmitteln und Kokain. Ein ruheloses, unablässig schöpferisches Leben war zu Ende gegangen. 41 Filme, dazu Fernsehfilme und -serien, hatte er gedreht, Theaterstücke geschrieben und inszeniert. "Drogen sind vielleicht eine wichtige Erfahrung", hatte er einmal gesagt, "aber wichtiger sind Fantasie und Konzentration". RWF, am 31. Mai 1945 in Bad Wörishofen als Sohn eines Arztes und einer Übersetzerin geboren, hatte beides - und einen manischen Formwillen obendrein, der ihn im Umfeld seiner Mannschaft, seines Teams mitunter zum Tyrannen werden ließ. Anzeige Hanna Schygulla, Fassbinders Lieblingsstar, fragte nach seinem Tod besorgt: "Wer wird nun die Geschichten erzählen? Wer entdeckt nun die neuen Gesichter und die alten neu?" Mehr als zwei Jahrzehnte später hat sie trotz vieler hoffnungsvoller Ansätze keiner so wie der große Außenseiter Fassbinder erzählt, der eine ganze Ära des deutsches Kinos bestimmte. Geradezu manisch war die Kinoleidenschaft dieses Workaholics, der dennoch auch zu eigenen Werken kritisch Abstand nehmen konnte. "Einige sind der Keller, andere sind die Wände, und wieder andere sind das Fenster", sagte er über seine Filme, die er mit einem fiktiven Haus verglich. Nicht alle waren und sind gleich gut, gleich wichtig. Die ganz frühen wollte er selbst gar nicht mehr gelten lassen. Den wunderbaren "Katzelmacher" zum Beispiel (nach einem eigenen Theaterstück), mit der Clique aus dem Hinterhof und dem verachteten "Griech' aus Griechenland", oder die "karge Ballade von den armen Leuten" mit dem Titel "Liebe ist kälter als der Tod", seinen allerersten Film. "Er war kein Regisseur der Weite und der offenen Horizonte, kein Pathetiker der Landschaft oder gar der Natur", schrieb der Kritiker Wolfram Schütte über ihn, "seine Domäne waren die Enge, die Bedrängungen des Dekors, wo er die poetischen Orte des Kammerspiels aufsuchte und den unterdrückten Gefühlen in falschen Gesten zur Wahrheit ihrer uneingestandenen Wünsche verhalf." Sein Lieblingsgenre war das Melodram in der Nachfolge des Amerikaners Douglas Sirk. Die Gesichter der Schauspieler darin prägten sich ins für immer ein: Kurt Raab, der als "Herr R. Amok" lief. Der sanfte Hans Hirschmüller, der als "Händler der vier Jahreszeiten" im Kampf des Lebens unterlag und im richtigen Leben dann Kurt Raab vor dessen Aids-Tod pflegte. Brigitte Mira und ihr farbiger Ali in "Angst essen Seele auf" - der Film nahm das Klima späterer Fremdenfeindlichkeit früh vorweg. Auch seine Fernseharbeiten haben Filmgeschichte geschrieben - vor allem der 13-Teiler "Berlin Alexanderplatz", in dem er sich mit der Rolle des Döblinschen Franz Biberkopf identifizierte und bei dem er auf gängige Fernsehgewohnheiten (Lichtgebung) keinerlei Rücksicht nahm. Aber auch die Arbeiter-Saga "Acht Stunden sind kein Tag" und die Oskar-Maria-Graf-Verfilmung des "Bollwieser" mit Kurt Raab und Elisabeth Trissenaar setzten Fernseh-Maßstäbe zu ihrer Zeit. "Wie blass und leblos wäre der deutsche Film ohne ihn", schrieb Volker Schlöndorff in seinem Nachruf. Und Herbert Achternbusch klagte: "Mit seinem Tod ist der Motor des deutschen Films kaputt." Sein Nachruhm steht allerdings in einem nahezu umgekehrten Verhältnis zur lebenslangen Umstrittenheit. Vor dem heiklen Geschäft des Filmemachens, von dessen harter Abhängigkeit vom Geld, erzählte er 1970 in "Warnung vor einer heiligen Nutte". Dass es nicht geht, Filme aus der Utopie des Gemeinsamen heraus zu machen, hatte er da schon erfahren - und gewusst, dass man andere, durchaus zu deren Nutzen, zu Werkzeugen und Vasallen machen kann. Vor dem Tod hatte er offenbar keine Angst. "Wenn jetzt ein Auto kommt, sterbe ich wie James Dean", sagte er bei den Dreharbeiten zu "Whity" schon 1970 in Spanien zu Kurt Raab und raste mit Vollgas in eine Kreuzung hinein. Das Vabanque-Spiel war bezeichnend - für das Glück oder Unglück des Filmemachens und zugleich für ein gefährliches Leben am Abgrund entlang. Filme von und über Rainer Werner Fassbinder im Fernsehen: "Die Sehnsucht der Veronika Voss" (1982), ARD, 25.5., 0.35 Uhr "Angst essen Seele auf" (1973), Arte, 26.5., 20.45 Uhr "Für mich gab's nur noch Fassbinder", Dokumentation, ARTE, 26.5., 0.10 Uhr "Händler der vier Jahreszeiten", 1972, ZDF, 26.5., 0.40 Uhr "Mit meinen Filmen bau ich ein Haus", Dokumentation 2005, ARTE, 27.5., 22.25 Uhr "Die Ehe der Maria Braun", 1978, ARD, 1.6., 0.35 Uhr Hans Czerny |
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