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Jarvis Cocker

Nennt mich einfach Jarvis

Sänger Jarvis Cocker

(tsch) Er war eine der Hauptfiguren des Brit-Pop der 90er-Jahre, zeigte Michael Jackson aus Protest gegen dessen gutmenschelnde Heucheleien bei den Brit Awards seinen blanken Hintern und galt trotz Second-Hand-Sakko als Sexsymbol. Nicht zuletzt veröffentlichte er mit seiner Band Pulp "Different Class", das wie kaum ein anderes Album den damaligen Zeitgeist von "Cool Britannia" traf. Zehn Jahre später, nach Auflösung der Band (2002) hatte Jarvis Cocker sich auf Nebenrollen beschränkt. Er zog nach Paris, wurde Vater, schrieb Songs für Nancy Sinatra und Charlotte Gainsbourg, hatte ein kaum beachtetes Elektro-Clash-Projekt namens Relaxed Muscle und einen kleinen Auftritt bei Harry Potter. Doch jetzt zieht es Cocker wieder ins Rampenlicht. Auf den Protest-Song "Running The World", einer Generalabrechnung mit den menschenverachtenden Mechanismen des Kapitalismus, die er zunächst exklusiv bei Myspace veröffentlichte, folgte im November sein erstes Soloalbum "Jarvis". Damit kommt er nun für zwei Auftritte nach Deutschland.

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teleschau: Wie fühlt es sich an, wieder auf der Bühne zu stehen? Anders als früher?

Jarvis Cocker: Vor meinem ersten Auftritt dachte ich darüber nach, ob das jetzt völlig anders wird als früher. Ich war mir zum Beispiel nicht sicher, ob ich immer noch so herumspringen würde. Und dann bin ich herumgehüpft. Außerdem fragte ich mich, ob ich zwischen den Songs überhaupt etwas sagen würde. Und ich habe es getan (lacht). Also alles wie früher. Wobei ich jetzt meine Brille auf der Bühne trage, das ist zumindest ein kleiner Unterschied. Früher war es immer eine große Zeremonie, die Kontaktlinsen einzusetzen, sich bereit für den Auftritt zu machen. Nicht dass ich mich damals in eine andere Person verwandelt hätte. Aber mit der Brille fühlt es sich jetzt eher so an, als ob eine Show mehr Teil meines normalen Lebens ist.

teleschau: War es auch der Bezug zum "normalen" Leben, der Dich dazu veranlasst hat, das Album einfach "Jarvis" zu nennen?

Cocker: Das war meine Absicht. Der einzige Grund, den ich mir vorstellen konnte, der ein Solo-Album rechtfertigte, war, dass es persönlicher sein musste. Und ein Teil dessen war auch, den Leuten zu sagen: Ihr könnt mich beim Vornamen nennen, wir kennen uns jetzt schon so lange, Ihr könnt mich auch einfach Jarvis nennen (lacht).

teleschau: Dein Comeback kam für viele ziemlich unerwartet ...

Cocker: Ehrlich gesagt, für mich auch. Als ich nach Paris zog, dachte ich wirklich, ich würde aufhören, Musik zu machen. Ich meine, ich hatte meiner Frau irgendwie schon fast versprochen, dass ich aufhören würde. Aber es schien so, dass sobald ich diesen Gedanken hatte, ein anderer Teil meines Gehirns meinte: "Nein, das machst du nicht" und anfing, Songs zu schreiben. Ich stellte fest, dass es genau das war, was ich tun wollte. Das war etwas unglaublich Positives für mich. Ich war 25 Jahre lang in einer Band, das hätte es auch gewesen sein können. Es hätte sein können, dass ich nichts mehr zu sagen habe, Ende der Geschichte. Aber ich fühlte, dass da immer noch Dinge waren, die ich in Songs packen wollte, von denen ich es wichtig fand, dass die Leute sie hören.

teleschau: Du bist jetzt 43, hast aber mal gesagt, dass Du ab 40 nicht mehr auf einer Bühne stehen wolltest. Wie denkst Du heute über Dein Alter?

Cocker: Ich hatte mir ziemlich viele Gedanken gemacht, wie es wäre, dann noch auf der Bühne zu stehen. Aber wenn du Songs schreibst, dann musst du sie live für dein Publikum spielen. Ich nehme an, damals dachte ich an Bands wie die Rolling Stones und fragte mich "Warum machen die immer noch weiter?". Aber es gibt auf der anderen Seite ja auch Künstler wie Nick Cave oder Leonard Cohen. Die machen das immer noch. Oder Tom Waits. Sie sind auch schon älter, aber machen sich nicht zum Affen. Es muss also nicht unbedingt peinlich sein. Ich hoffe nur, dass ich mal eher wie sie ende. Wobei ich mich sowieso nicht wie ein 43-Jähriger fühle, ich halte es da mit einem Zitat von Dylan Thomas: "Do not go gentle into that good night". Kann natürlich sein, dass ich mich bald in eine gesetzte Person mittleren Alters verwandle. Wir werden sehen.

teleschau: Gesetztere Personen würden aber sicher nicht einen solch expliziten Protestsong wie "Running The World" veröffentlichen.

Cocker: Ja, eigentlich würde man das von der Jugend erwarten. Aber wenn du mal den Vietnam- und den Irak-Krieg vergleichst, dann stellst du fest, dass es damals viel mehr Protestsongs gab. Und die Songs, die zum Irak-Krieg veröffentlicht wurden, kamen von älteren Musikern, Neil Young hat ja beispielsweise ein ganzes Album gemacht. Wenn ich die jüngeren Bands heute so betrachte, dann habe ich von denen noch nicht einmal so etwas wie eine Erwähnung des Krieges, geschweige denn Protest gehört. Es scheint fast so, dass diese Bands heute die Musik nur noch als in ihrer eigenen Welt existent sehen und nicht glauben, dass sie irgendeine Beziehung zur Außenwelt hat. Das finde ich persönlich sehr enttäuschend.

teleschau: Hältst Du auch nicht viel von den momentanen britischen Überfliegern, den Arctic Monkeys, die aus Deiner Heimatstadt Sheffield kommen?

Cocker: Doch, die Arctic Monkeys, denke ich, sind gut. Aber diese andere neue Band aus Sheffield, Little Man Tate, die sind tatsächlich Müll. Und The Long Blondes kann ich nur in kleiner Dosierung ertragen, nach vier Songs macht mich die Stimme der Sängerin total verrückt. Das ist fast so schlimm wie Barbra Streisand. Aber ich freue mich trotzdem, dass der Stadt wieder ein wenig Aufmerksamkeit zuteil wird. Liverpool und Manchester hatten immer einen guten Ruf, aber Sheffield wurde nie richtig für seine Musik geschätzt. Es ist gut, wenn die Leute merken, dass es eigentlich das musikalische Zentrum des Universums ist.

Die Termine:

25.01., Köln, Live Music Hall

27.01., Hamburg, Große Freiheit 36

Stefan Weber


Trägt jetzt auch Brille auf der Bühne: Jarvis Cocker.
Trägt jetzt auch Brille auf der Bühne: Jarvis Cocker. (Sanctuary)

"Ihr könnt mich auch einfach Jarvis nennen": Jarvis Cocker.
"Ihr könnt mich auch einfach Jarvis nennen": Jarvis Cocker. (Sanctuary)

Jarvis Cocker hat immer noch einiges zu sagen.
Jarvis Cocker hat immer noch einiges zu sagen. (Sanctuary)

Datum: 28.01.2007

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Diskussion: "Jarvis Cocker"

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