(tsch) Wer im Dezember 1981, vier Tage vor Heiligabend, im Imperial Theatre am New Yorker Broadway saß, hat auf diesen Moment lange und ungeduldig warten müssen. Damals feierte das Musical "Dreamgirls" Premiere und wurde mit über 1.500 Aufführungen zu einer der erfolgreichsten musikalischen Theaterproduktionen des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Damals glaubte so mancher Gast im Publikum, dass Hollywood nicht lange warten würde, um einen Film daraus zu machen; denn die Show ging Mitte der 80er-Jahre bis in die 90-er hinein auf Tournee und begeisterte Hunderttausende. Auch Bill Condon saß damals im Premierenpublikum und verliebte sich sofort in die Geschichte. Mittlerweile zum erfolgreichen Filmregisseur geworden ("Kinsey"), bekam er knapp eineinhalb Jahrzehnte nach dieser Nacht den Auftrag, seine Version der Geschichte vom amerikanischen Traum fürs Kino zu inszenieren.
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"Dreamgirls" erzählt die Karriere eines stimmstarken Frauentrios, das bei einem Nachwuchswettbewerb entdeckt und von einem Autohändler zu Pop-Ehren und Starruhm gebracht wird. Das erinnert nicht nur zufällig an die Schaffensgeschichte der "Supremes", einer Soulformation, die in den 60er- und 70er-Jahren mit ihrer Musik weltbekannt wurden. Während Diana Ross bis heute das bekannteste Gruppenmitglied ist - vor allem, weil sie in den 80-ern Solopfade beschritt und zur Popdiva aufstieg -, versank die ehemalige Leadsängerin Florence Ballard nach ihrem Ausstieg in Alkoholismus, Depressionen und starb schon im Alter von 32 Jahren an Herzstillstand.
Wo die Wirklichkeit sich unbarmherzig zeigte, ist der Film hoffnungsfroher, aber ohne verherrlichend zu sein. Auch Condon legt viel Wert auf zeitgeschichtliche Authentizität, indem er zumindest schlaglichtartig auf die Rassenunruhen und den latenten Rassismus in den USA der 60er-Jahre eingeht.
Erzählt wird nicht nur die Geschichte eines durchstartenden Poptrios, im Film "The Dreams" genannt, sondern auch die der legendären Plattenfirma Motown Records, die eine signifikante Rolle bei der Integration afroamerikanischer Musiker und Sänger in der Zeit der US-amerikanischen Rassenkonflikte spielte. Als erstes Label, das von einem Afroamerikaner geführt wurde, hatte es vornehmlich Künstler unter Vertrag, die ein Gegengewicht zur "weißen" Popmusik bildeten. Von Detroit aus, der Stadt, die sich bis heute nicht von den schweren Unruhen während der 60-er erholt hat, eroberten die "Supremes" die Welt, wenn auch nicht China, wie der Film in einer Szene suggeriert, da die USA zu der damaligen Zeit keine diplomatischen Beziehungen zum Reich der Mitte unterhielt.
Freilich sollte man sich davor hüten, die "Dreams" mit den "Supremes" gleichzusetzen, schließlich gibt es reichlich kreative Variationen und dramatische Zuspitzungen. So betont Hauptdarstellerin Beyoncé Knowles, dass ihre Rolle der Deena Jones aus verschiedenen Charakteren zusammengefügt wurde und nicht eins zu eins auf Diana Ross zutrifft. Ross wollte offenbar Humor beweisen, als sie kürzlich in der Late Night Show von David Letterman scherzte, sie werde sich den Film mit ihren Anwälten anschauen. Doch möglicherweise ist etwas Wahres dran, denn so manche Ähnlichkeit scheint vorhanden zu sein, doch der Filmcharakter wird als ambivalent und keineswegs bloß schillernd präsentiert.
Blick- und Hörfang ist aber in erster Linie nicht bloß Beyoncé Knowles, die bereits in mehreren Filmen ihre Schönheit und Stimmkraft unter Beweis stellen konnte, sondern Jennifer Hudson, die 25-jährige Finalistin der Casting-Show "American Idol" (das US-Pendant zu "Deutschland sucht den Superstar"). Dort verlor sie zwar gegen Fantasia Barrino, doch stach sie ihre damalige Konkurrentin mit der Rolle der Effie White aus, der vollschlanken wie stimmgewaltigen Leadsängerin der "Dreams", die aus kommerziellen und persönlichen Gründen ausgebootet wird, um sich dann nach Durchschreiten des Jammertals zu einer Solokarriere aufzuraffen. Für ihre emotional beeindruckende Schauspiel- und vermutlich auch Singleistung erhielt sie kürzlich den Golden Globe.
Während Jamie Foxx als Autoverkäufer, der zum snobistischen Produzenten wird, sein Talent nicht annähernd entfalten kann, glänzt in einer weiteren Nebenrolle Eddie Murphy, der sich als selbstgefälliges Showgenie und tragischer Frauenheld abschuftet wie noch nie in seiner Karriere - und dabei angenehmerweise nicht auf Lacher setzt.
Schwierig werden es die "Dreamgirls" dennoch haben, zumindest in Deutschland ihr Publikum zu finden, wo die R'n'B-Fraktion immer noch ein Liebhabergenre ist und Musicalfilme sich grundsätzlich schwer tun. Bill Condon favorisierte eine stark an der Bühnenshow orientierte Adaption, wodurch vornehmlich gesungen wird. In der deutschen Synchronfassung kräuseln sich da manchmal die Ohren ob der schnellen Sprünge vom Deutschen zum englischen Gesang. Anders als im Johnny-Cash-Portrait "Walk the Line" oder dem Ray-Charles-Biopic "Ray" wurde hier noch mehr Wert auf Musikeinlagen gelegt, wodurch auch das erzählerische Klimax in trällernder Dramatik auf das Publikum hinabwogt. Aber andererseits lässt Eddie Murphy die Hosen runter. Sehenswert oder nicht: Die Darstellung charakterlichen Verfalls auf der einen und die Neuentdeckung eigener Courage auf der anderen Seite ist trotz teil überstilisierter Inszenierung gelungen.
Leif Kramp
Credits: V:UPI, USA 2006, R: Bill Condon, D: Jennifer Hudson, Jamie Foxx, Eddie Murphy u.a.
Laufzeit: 134 Min.
Kinostart: 01.02.07
Seit ihrem zwölften Lebensjahr versuchen Lorrell (Anika Noni Rose, links), Deena (Beyoncé Knowles, Mitte) und Effie (Jennifer Hudson) ihr Glück als Gesangstrio. (2006 DreamWorks Pictures / David James)
Curtis Taylor Jr. (Jamie Foxx) ist sich sicher, dass die drei Sängerinnen den Durchbruch schaffen können. (2006 DreamWorks Pictures / David James)
James "Thunder" Early (Eddie Murphy) tourt mit seinen neuen Backgroundsängerinnen durch das Land. (2006 DreamWorks Pictures / David James)