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Hannah Herzsprung

"Da werden ungeahnte Kräfte freigesetzt"

Schauspielerin Hannah Herzsprung

(tsch) Es klingt banal, aber man muss es einfach sagen. Diese Wandlung ist verblüffend: Vor einem steht eine zierliche, sehr hübsche junge Frau, die ziemlich aufgeweckt und sehr natürlich redet. Man würde Hannah Herzsprung kaum mit dieser wilden, zornigen, jungen Gefängnisinsassin identifizieren können, wenn man nicht wüsste, dass es so ist: Hannah Herzsprung war es, die diese störrische Prüglerin gespielt hat, die es aufnimmt mit ihrer ganzen feindlichen Umwelt, mit Gefängniswärtern und -direktoren, vor allem aber mit einer scheinbar bornierten, kunstversessenen Klavierlehrerin. Wirklich, kaum zu glauben!

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Sie will den Sieg. Sie soll ihn wollen, sagt die betagte Klavierlehrerin, der sie im Gefängnis die zu lebenslänglich verurteilte "Mörderin" anvertrauen. Und Jenny bekommt diesen Sieg am Schluss, wenn auch auf ganz andere Weise als geglaubt. Jedenfalls keineswegs durch den von ihrer Lehrerin erträumten Gewinn eines Klavierwettbewerbs, mit "Vier Minuten" aus Schumanns Klavierkonzert, die ihr eigentlich aufgetragen sind. - "Vier Minuten" (Bundesstart: 01.02.) ist auf der einen Ebene tatsächlich so etwas wie ein Rocky-Balboa-Film. Der Sieg muss her - der über sich selbst, und der über die anderen.

Hannah Herzsprung, 25 Jahre jung und gerade mal 1,67 Meter groß, hat sich nach früheren Serien- und Fernsehfilm-Erfolgen für diesen Film Kraft antrainiert wie das sonst nur männliche schauspielernde Zeitgenossen zu tun pflegen. Unter anderem hat sie sich mit Kickboxen gestählt. Aber sie hat auch - fünf Monate lang - klassischen Klavierunterricht genommen, wie es die Rolle verlangt. "Der Wille zur Rolle war so groß, dass mir das ganz viel Kraft gegeben hat", sagt sie jetzt, nach erfolgreich geleistetem Job, nach Triumphen bei den Festivals in Shanghai, Toronto und Hof. Hätte sie beim Casting nicht behauptet, dass sie gut Klavier spielen könne, dann hätte sie diese wunderbare Rolle nie bekommen. "Dabei konnte sie nicht einmal 'Alle meine Entlein' spielen", verrät der Regisseur Chris Kraus. Tja, Einfälle braucht der Erfolg.

Hannah Herzsprung macht das, was sie macht, hundertprozentig. Man spürt das im Film, man merkt es im Gespräch. Ein Schauspielerkind? - Bernd Herzsprung ist schließlich ihr Vater. "Ach wo", sagt Hannah, "mein Vater hat gar nicht mitbekommen, als ich mit dem Spielen anfing, weil der ja immer so viel gearbeitet hat. Es fing damit an, dass meine Mutter mal unser Haus in Wettlkam bei München als Hauptmotiv für einen Film vermietet hat. Ein kleines Mädchen spielte eine Hauptrolle darin, das wollte ich dann eben unbedingt auch mal machen."

Sie ging zu einem ausführlichen Casting, wie sie sagt - und wurde genommen, nach mehreren Runden. "Aus heiterem Himmel" hieß die Familienserie, in der sie mitspielte, drei Jahre lang neben der Schule, bis sie dann nach der zehnten Klasse auf ein Internat in England ging. Nach der Rückkehr hat sie sich für ein Studium der Kommunikationswissenschaften in Wien entschieden. Sie kann nicht dasitzen und Däumchen drehen: "Ich muss immer was tun." Bis heute arbeitet sie viel an sich, nimmt Schauspielunterricht, absolviert Workshops, hat einen Coach in Berlin. Er heißt Frank Betzelt, wie sie voller Stolz und Dankbarkeit verrät.

"Hannah, dir traut man das gar nicht zu", sagen die Freunde, wenn sie "Vier Minuten" gesehen haben, "wo kommen diese Kräfte her, bist du wirklich so?" Sie selbst hatte "große Angst davor, diese Rolle zu spielen". Immer wieder habe sie sich gefragt: "Krieg' ich das hin? - Denn man ist das ja nicht." Aber es sei ein wenig wie in großen Gefahren in diesem Beruf: "Da werden dann ungeahnte Kräfte freigesetzt."

Sie ist eine dieser eher selten gewordenen Schauspielerinnen, die Reflexion und Gefühl in sich vereinen können. Fast ein wenig ehrfürchtig spricht sie von der Zukunft nach diesem Film, von ihren Plänen und von neuen Angeboten, die sie noch nicht verraten will: "Der Film hat mir so viel Kraft gegeben, um weiterzumachen. Er hat ganz einfach viele Zweifel in mir ausgeräumt." Acht Jahre hat sie, vom Typ her nicht eben konventionell, auf diese große Rolle warten müssen. Kein Wunder, so glaubt sie: "Es gibt ja so tolle Schauspielerinnen in meinem Alter, die brauchen diese Rollen ja auch. Aber ich möchte es ausprobieren wie die."

Sie weiß, dass nicht viele Schauspieler das Glück haben, eine Rolle wie die der schwierigen Jenny zu bekommen. Diese Knastfrau ist ja mit ihren Gewaltausbrüchen, ihrem Willen zur Freiheit und Autarkie geradezu eine Hollywood-Rolle, in der man sich Schauspielerinnen vom Kaliber der Jodie Foster vorstellen kann. Hannah Herzsprung spielt diese Jenny ganz unpathetisch und in allen Gesten genau. Nie versinkt sie im flachen Genre eines Heldenstücks oder Melodrams. Wenn sie nun im Gespräch sagt: "Die Musik ist das Einzige, was Jenny überleben lässt. Dieses Mädchen ist ja komplett allein. Sie weiß ja gar nicht was Liebe bedeutet", dann glaubt man für einen Augenblick, Hannah Herzsprung rede über sich selbst.

Doch es ist nur die Gabe, sich in andere Menschen vollständig hineinzufühlen, die diese junge, hoffentlich bald noch viel berühmtere Schauspielerin hat, die einen so etwas glauben lässt. Als Privatmensch fährt die gebürtige Münchnerin (und jetzt leidenschaftliche Berlinerin) gerne Ski und geht öfter aus: "Ich weiß nicht, ob ich's kann, aber ich gehe gerne tanzen!" Auch Leidensfähigkeit will eben irgendwann mal abgeschüttelt sein.

Wilfried Geldner


Hannah Herzsprung bekam für die überzeugende Verkörperung der Justizgefangenen Jenny in dem Kinofilm "Vier Minuten" den Bayerischen Filmpreis in München.
Hannah Herzsprung bekam für die überzeugende Verkörperung der Justizgefangenen Jenny in dem Kinofilm "Vier Minuten" den Bayerischen Filmpreis in München. (BR / Wilschewski)

Aufsässig und genial: In "Vier Minuten" spielt Hannah Herzsprung - kaum wiederzuerkennen - eine vorgebliche Mörderin, die einst auf dem Wege zur klassischen Klavierspielerin war.
Aufsässig und genial: In "Vier Minuten" spielt Hannah Herzsprung - kaum wiederzuerkennen - eine vorgebliche Mörderin, die einst auf dem Wege zur klassischen Klavierspielerin war. (Piffl)

Die Klavierlehrerin Traude Krüger (Monica Bleibtreu, rechts) kümmert sich um die hochbegabte "Mörderin" Jenny von Loeben (Hannah Herzsprung).
Die Klavierlehrerin Traude Krüger (Monica Bleibtreu, rechts) kümmert sich um die hochbegabte "Mörderin" Jenny von Loeben (Hannah Herzsprung). (Piffl)

Datum: 30.01.2007

Diskussion: "Hannah Herzsprung"

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