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Vier Minuten

Vier Minuten

(tsch) Vier Minuten sind es, in denen die junge Gefängnisinsassin Jenny ihre große Bewährungsprobe zu bestehen hat. Vier Minuten, in denen sie sich als Pianistin mit einem Auszug aus Schumanns A-Moll-Konzert in einem großen Klavier-Wettbewerb behaupten soll. Jennys Vorstellung wird zum furiosen Finale eines Films, der auf sehr kunstvolle Weise zwischen bürgerlichen Kunst-Idealen und sportlichem Wettkampf à la Hollywood laviert. Chris Kraus, Autor und Regisseur in einem, versteht es, verschiedenste Muster zu bedienen, ohne deswegen ins Klischee zu verfallen. So wird die Schlussszene von "Vier Minuten" zu einem Glücksmoment, banaler gesagt: zum Happy-End. Im Kino gibt's Beifall für die Heldin auf der Leinwand und ihre Performance, als säße man in einem Live-Konzert.

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Klingt banal, aber das muss man erst einmal mit diesem Drive inszenieren. Kraus hat mit seiner Darstellerin Hannah Herzsprung und einem Musik-Double Stunde um Stunde dafür verwendet. Herausgekommen ist eine kleine, große Befreiungsorgie - Befreiung von den Zwängen des Notenblatts, von den Regeln des Wettbewerbs und dem Korsett des Traditionellen.

Am Ende wird das Eis gebrochen, das fast zwei Stunden lang die agierenden Personen umgab: Jenny und ihre Klavierlehrerin (Monica Bleibtreu), die einander umkreisen. Mit pädagogischem pestalozzihaftem Furor die alte 80-jährige Lehrerin, mit der Wut der scheinbar Gesetzlosen die junge Frau, die als Mörderin einsitzt in der Haftanstalt.

Hannah Herzsprung ist diese Jenny mit der großen Wut im Bauch. Obwohl in Fesseln, lässt sie sich nichts gefallen. Sie schlägt um sich, wenn sie es braucht, auch der Gefängniswärter kann dann das Opfer sein. Und sie rennt in Glastüren hinein, sodass sie fürchterlich blutet. Oder schneidet sich einfach die Arme auf.

Andererseits hat Hannah Herzsprung diese große Ruhe, mit der sie dem Zuschauer jederzeit suggeriert, dass sie etwas Besonderes, wenn nicht gar eine Heilige sei. Sie wird, so ist zu ahnen, den Willen zur Leistung und zum Sieg, den ihr die Klavierlehrerin suggeriert, am Ende weit hinter sich lassen. Andererseits diese Lehrerin, die auch schon bessere Zeiten als diese sah. Monica Bleibtreu, wahrscheinlich die größte Schauspielerin, nicht nur ihrer Generation, die wir derzeit in Deutschland haben, gibt sich zur Salzsäule erstarrt, im Gefängnis ein steinerner Gast mit leidvoller Selbstverständlichkeit.

Herauskommen wird irgendwann, dass Jenny keine Vatermörderin ist, aber auch, dass die Lehrerin in krankenschwesterlichen NS-Zeiten einst ihre Geliebte verriet. Wenn es in "Vier Minuten" eine Schwäche gibt, dann sind es diese braunen Rückblenden, die ein wenig überflüssig erscheinen. Doch alles in allem hat Chris Kraus viel gewagt und am Ende gewonnen.

Er vereinbart das Rocky-Balboa-Hollywoodmuster und den raubeinigen Knast-Streifen mit der aller Ehren werten Behauptung, die Kunst könne vielleicht irgendwie doch Menschen retten. Und die Liebe natürlich auch. Zuletzt berühren sich jedenfalls Jenny und ihre Lehrerin zärtlich. Es ist das Ende eines großen Zweikampfes, bei dem es keinen Sieger geben kann. Aber diesem Kampf zwischen Alt und Jung, Strenge und Freiheit beizuwohnen - alleine das ist schon ein Ereignis. Auch dank Judith Kaufmanns subjektiver, dabei stets die Positionen wechselnder und die Nähe suchender Kamera. - Irgendwie blöd, dass der Film nun einen großen Preis in Shanghai (immerhin!) und nicht in Venedig, Berlin oder Cannes gewann. Hingehen und einfach schau'n.

Wilfried Geldner

Credits:
V:Piffl, D 2006, R: Chris Kraus, D: Monica Bleibtreu, Hannah Herzsprung, Sven Pippig u.a.

Laufzeit: 112 Min.

Kinostart:
01.02.07


Angry young girl: Was wollt ihr eigentlich von mir, scheint Jenny, die junge "Mörderin" (Hannah Herzsprung) zu fragen.
Angry young girl: Was wollt ihr eigentlich von mir, scheint Jenny, die junge "Mörderin" (Hannah Herzsprung) zu fragen. (Piffl)

Die Klavierlehrerin Traude Krüger (Monica Bleibtreu, links) muss wieder einmal einen Rückfall ihres hoffnungsvollen Schützlings Jenny (Hannah Herzsprung) hinnehmen, der wütend um sich geschlagen hat.
Die Klavierlehrerin Traude Krüger (Monica Bleibtreu, links) muss wieder einmal einen Rückfall ihres hoffnungsvollen Schützlings Jenny (Hannah Herzsprung) hinnehmen, der wütend um sich geschlagen hat. (Piffl)

Die junge Gefangene Jenny (Hannah Herzsprung, links) wird von der strengen Klavierlehrerin Krüger (Monica Bleibtreu) unterrichtet. Schließlich soll sie einen großen Wettbewerb gewinnen.
Die junge Gefangene Jenny (Hannah Herzsprung, links) wird von der strengen Klavierlehrerin Krüger (Monica Bleibtreu) unterrichtet. Schließlich soll sie einen großen Wettbewerb gewinnen. (Piffl)

Datum: 08.02.2007

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Diskussion: "Vier Minuten"

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