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Stars - Set Yourself On Fire

Tausend Münder, tausend Herzen

Band Stars

(tsch) Gute dreieinhalb Jahre ist es her, dass der Schreiber dieser Zeilen das erste Mal mit den Stars zu tun hatte. Ein milder Wintertag in Los Angeles, einer der größten Plattenläden Amerikas. Und diese CD namens "Comeback EP", gebraucht, für sehr wenig Geld. "They're beautiful. They're gonna be huge", sagt das Mädchen an der Kasse. Eine Handvoll zerknüllter Dollarnoten als Wechselgeld, der nächste Kunde. Die CD rotiert später in dem erwartungsgemäß eher schäbigen Hotel-Player, der pragmatisch in den Radiowecker integriert wurde. Und in der Tat, das ist schön. Sehr schön, sogar. Zu schön, um "huge", also richtig groß, zu werden. Zeitsprung. Sommer 2005, Amy ist am Telefon, um über die neue Platte ihrer Band zu reden. Das dritte Album heißt "Set Yourself On Fire", klingt anders und doch genau wie sein Vorgänger, und sorgt durchaus für einigen Aufruhr.

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Denn wo der Vorgänger "Heart" so etwas wie das Missing Link zwischen den Pet Shop Boys, den Smiths und Nick Drake war, wo sich alles einem durchaus spannenden, aber stets ästhetischem Konzeptpop-Ansatz unterwerfen musste, klingt die neue Platte anders. Ruppig, manchmal wütend. Immer noch schön, aber auch gefährlich. Ein bisschen wie ein Kind, das plötzlich in der Pubertät ist, das fordert, aber auch gibt.

Eine Richtungsentscheidung? Keine bewusste, wenn man Amy glaubt. "Nein. Das sind Impulse, die aus unseren Herzen kommen. Wir leben momentan in einem sehr, sehr düsteren Zeitabschnitt der Geschichte, was eben in dem übrigens nicht nur an George Bush gerichteten Song 'He Lied About Death' seine Spuren hinterlassen hat. Es passieren in den USA und von den USA aus Dinge, die schrecklich sind. Da versucht, das stärkste Land der Welt, anderen Nationen die Demokratie näherzubringen - ohne zu wissen, was das überhaupt ist, diese Demokratie. Das alles macht mir Angst, weil es ein aktuell stattfindender Prozess ist. Schlag' eine Zeitung auf - alles, was drinnen steht, ist furchtbar! Und das Schlimme an der Situation: Die Amerikaner leiden so darunter, weil diese Politik immer noch nicht offensiv diskutiert wird, weil niemand darüber redet. Das tut mir im Herzen weh." Andere Songs wiederum sind Zustandsbeschreibungen, deren Texte sich den kleinen Momenten des Alltags und den großen Gefühlen widmen.

Das Stars-Debüt "Nightsongs" entstand in einer New Yorker Künstler-WG, einer dieser Wohnungen, in denen "immer überall Musik gemacht wurde", erzählt Amy. Der Sänger und Songwriter Torquill Campbell sowie die beiden Musiker Evan Cranley und Chris Seligman waren es, die der Musik halber von Toronto an die US-Ostküste wechselten - und bald Amy als zweite Stimme, aber auch als kreativen Motor ins Boot holten. "Wir waren dann ein paar Wochen unterwegs - und es hat sehr, sehr viel Spaß gemacht. Und das macht es heute noch. Sie sind so nette, liebenswerte Menschen, dass ich mit ihnen für immer Musik machen möchte." Worte, die aus Amys Mund nicht die Spur pathetisch klingen - aber trotz eines hinterhergeschickten Lachens durchaus ernst zu nehmen sind. Wer die Stars schon einmal live gesehen hat, kann das bestätigen. Das sind Menschen, die in einer verächtlichen Paralellwelt vielleicht als Hippies bezeichnet würden, deren Überschwang bisweilen unheimlich erscheint. Aber man erkennt rasch, um was es ihnen geht.

Die Basis der Stars liegt heute in Montreal: dieser so europäischen Beinahe-Metropole, die zuletzt mit Arcade Fire und den mit den Stars personell eng vernetzten Broken Social Scene punkten konnte. "Wir hatten einfach keine Lust mehr auf New York, und Montreal ist eine wunderbare Stadt, vielleicht die schönste Nordamerikas", erzählt Amy. "Die Stadt hat ein sehr eigenes Tempo. Niemand beeilt sich oder ist unhöflich zu dir. Die Mieten sind niedrig, und vielleicht deshalb gibt es viele Künstler. Mich hat es ein bisschen an Berlin erinnert. Nur, dass es noch kälter ist und wirklich häufig Schnee liegt. Da bleibt man gerne drinnen und schreibt Songs." Amy ergänzt: "Aber eigentlich lebe ich überall, seit einem Jahr bin ich ununterbrochen auf Tour. Und daran dürfte sich in den nächsten zwölf Monaten nicht sehr viel ändern."

In den USA wurde "Set Yourself On Fire" bereits vor über einem Jahr veröffentlicht. Die Band tourte, tourte, tourte anschließend - und zwar vor duchgängig ausverkauften Häusern. Jetzt wiederholt sich der Erfolg in Europa - und man gönnt ihn den durch die Bank klassisch ausgebildeten Stars von ganzen Herzen. Nein, "huge" sind sie nicht - aber immerhin nicht mehr die kleine Indie-Gruppe, deren Tonträger man sich mühsam bei amerikanischen Indie-Versandhäusern zusammenklabausern muss. Die Stars 2005, das ist eine Band, die in die deutschen Albumcharts einsteigt, die mittelgroße Clubs ausverkaufen wird, die mit Sicherheit noch einige wunderbare Platten veröffentlichten wird. "They're beautiful" hat das Mädchen an der Kasse damals gesagt. Die Bestätigung aus Deutschland, die kommt mit gut drei Jahren Verspätung - aber dafür aus tausend Herzen, tausend Mündern.

Jochen Overbeck


Ein kanadisches Kollektiv singt über die Liebe zur Musik, aber auch das, was sie sagen wollen: Stars.
Ein kanadisches Kollektiv singt über die Liebe zur Musik, aber auch das, was sie sagen wollen: Stars. (city slang)

Ein Sound, der mehr ist als die Summe der einzelnen Teile. Stars machen sehr aktuellen Pop.
Ein Sound, der mehr ist als die Summe der einzelnen Teile. Stars machen sehr aktuellen Pop. (city slang)

In Kanada sind Stars längst Lokalmatadoren - jetzt erfährt ihr Pop auch in Deutschland die verdiente Aufmerksamkeit.
In Kanada sind Stars längst Lokalmatadoren - jetzt erfährt ihr Pop auch in Deutschland die verdiente Aufmerksamkeit. (city slang)

Datum: 22.08.2005

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