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Rocky Balboa

Rocky Balboa

(tsch) Sylvester Stallone war diesmal im Vorteil: Die Erwartungen, was den sechsten Teil der Rocky-Saga angeht, hielten sich in Grenzen. Im Gegenteil: Es gab nicht wenige, auch altgediente Fans, die die Hände über dem Kopf zusammenschlugen, als Sly verkündete, er wolle ein letztes Mal in die Rolle des "Italian Stallion" schlüpfen und dabei gar selbst in den Ring steigen - 16 Jahre nach dem verheerend schlechten "Rocky V", der das Denkmal eines der größten Kino-Helden aller Zeiten in Schutt und Asche gelegt hatte. Nun also Stallone - mit 60 Jahren - zurück in den Ring? Wie leicht hätte das peinlich werden können.

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Nun, das wird es nicht. Von ein, zwei etwas überzogenen Momenten einmal abgesehen. Stallone selbst schrieb das Drehbuch und führte Regie. So wie damals, Mitte der 70er-Jahre, als er für "Rocky" jeweils eine Oscar-Nominierung für das beste Drehbuch und die beste Hauptrolle erhielt. Natürlich ist er heute von solcherlei Ehrungen ähnlich weit entfernt wie Axel Schulz von einem Weltmeistertitel. Doch es ist dem Action-Star von einst hoch anzurechnen, dass er nun mehr als pfleglich mit seiner populärsten Rolle umging, die stets auch ein wenig für seine eigene Geschichte stand. Bisweilen übt sich Stallone sogar in Selbstironie: So entgegnet er im Original seinem aktuellen, weit jüngeren Kontrahenten auf dessen Feststellung, dass es doch vorbei sei mit der Karriere des Rocky Balboa: "It isn't over till it's over." Und auf dessen Gegenfrage, ob dieses Zitat nicht aus den 80er-Jahren stammt, antwortet Rocky: "That's probably the 70's."

Warum nun der ehemalige Weltmeister noch einmal in den Ring steigt, versucht das Drehbuch nur dezent zu erklären. Da sind keine Träume mehr von großen Titeln, da geht es nicht um Stolz oder um alte Rechnungen. Nein, Rocky hängt noch am Sport, ist in der späten Midlife-Crises und will eigentlich nur ein paar kleine lokale Kämpfe bestreiten. Doch dann erhält er ein Angebot, das er nicht ablehnen kann.

Der Sportsender ESPN hat mithilfe einer Computersimulation den Ex-Champion gegen den aktuellen, Mason Dixon (Antonio Tarver), antreten lassen, um so festzustellen, wer denn nun der Beste aller Zeiten war. PC-Rocky schickt seinen Kontrahenten auf die Bretter, was die Lust im Boxer von einst aufs Neue erwachen lässt. Das Kampfangebot, das er nun erhält, sieht er als Chance, noch einmal vor einem großen Publikum zu boxen. Nur ein Showkampf soll es werden - in Las Vegas.

Bis dahin vergeht rund ein Dreiviertel des Films, der sich zuvor auf das Privatleben Balboas beschränkt, dessen Ehefrau Adrian, so will es das Buch, vor vier Jahren gestorben ist. Zu seinem Sohn (Milo Ventimiglia) hat er nicht gerade das beste Verhältnis. Charmant und, wenn man so will, auch realistisch beschreibt Stallone in seinem Drehbuch das Szenario rund um den Champ von früher. Rocky hat ein Restaurant, in dem er treuen Gästen alte Geschichten erzählt. Dezent erwacht in ihm zudem die Sehnsucht nach einer Frau an seiner Seite - womöglich der Beginn einer neuen Liebesbeziehung, die der Film jedoch nur am Rande und ohne Pathos anspricht.

Überhaupt - kein Pathos. "Rocky Balboa" gibt sich künstlerisch wie auch inhaltlich sehr zurückhaltend, orientiert sich eindeutig in Stil und Erzählweise am hochgelobten ersten Teil. Es ist dreckig, es ist düster, es wird geredet und geredet. Paulie (Burt Young), Adrians Bruder, ist noch immer an Rockys Seite und zwischen beiden entsteht der eine oder andere Dialog, der es in sich hat. Balboa spricht wie in vielen Filmen vorher dabei auch mal kluge Lebensweisheiten aus, aber eben entstanden aus dieser besonderen Mixtur aus Naivität, Erfahrung und intellektueller Reglementierung. Das alles anzuhören, wird bisweilen zwar schon ein wenig langweilig, doch bleibt auf diese Weise der Respekt vor den Hauptcharakteren erhalten, der in "Rocky V" so schamlos verspielt wurde.

Treu bleibt der Film indes der klassischen Dramaturgie, der auch die Teile eins bis vier folgten. Nach dem Kampfangebot folgt die Trainingseinheit mit allem, was Rocky-Fans kennen: rohe Eier im Glas, einarmige Liegestützen, und am Ende geht's die legendäre Treppe hinauf, an deren Ende das Denkmal längst verschwunden ist. Was folgt, ist der Kampf selbst, der etwas zurückhaltender als früher inszeniert ist. Aufgezeichnet wurde er übrigens im Umfeld eines echten Boxkampfes in Las Vegas vor 14.000 Zuschauern. Die "Rocky, Rocky, Rocky"-Sprechchöre sind nicht gestellt.

Wer nun ins Kino geht, der wird danach mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von jedem Rocky-Kenner gefragt, wie der Fight denn nun ausgeht. Und die Antwort, die dann der Kinobesucher geben kann, macht klar, dass "Rocky Balboa" eben keine peinliche Neuauflage ist: "Es spielt keine Rolle, wer den Kampf gewinnt."

Ein kleiner, bisweilen sogar bescheidener Film ist es geworden, sichtbar mit einfachen technischen Mitteln gedreht, der das jugendliche Publikum kaum ansprechen wird und daher wohl auch kaum zum überwältigenden Kassenerfolg wird. Rocky-Fans von früher, die sich mit dem Abgang des Champions vor anderthalb Jahrzehnten niemals abfinden wollten, dürfen indes bedenkenlos ins Kino gehen. Sie sehen ihre Geschichte, die stets als Märchen zu begreifen war, zu einem gute Ende gebracht.

"Klar, dass du manchmal im Leben in die Fresse kriegst. Wichtig ist nur, dass du wieder aufstehst", lautet die Botschaft. Revolutionär ist die freilich nicht. Ja, nicht einmal sonderlich originell. Aber vom größten Boxer der Sportgeschichte lassen wir uns das gerne noch einmal sagen. Stallone, der demnächst auch als "Rambo" ein Comeback feiern wird, hat sich jedenfalls an diese Weisung gehalten. Rocky ist wieder aufgestanden und verabschiedet sich erhobenen Hauptes.

Kai-Oliver Derks

Credits:
V:Fox, USA 2008, R: Sylvester Stallone, D: Sylvester Stallone, Burt Young, Antonio Tarver u.a.

Laufzeit: 103 Min.

Kinostart:
08.02.07


Rocky Balboa (Sylvester Stallone) kehrt noch einmal in den Ring zurück. Ob er den Kampf gewinnt, ist eigentlich nur eine Nebensache.
Rocky Balboa (Sylvester Stallone) kehrt noch einmal in den Ring zurück. Ob er den Kampf gewinnt, ist eigentlich nur eine Nebensache. (2006 MGM / 2006 Twentieth Century Fox)

Sylvester Stallone sorgte dafür, dass Rocky Balboa 16 Jahre nach dem verheerend schlechten "Rocky V" nun doch noch einen würdigen Abschied bekommt.
Sylvester Stallone sorgte dafür, dass Rocky Balboa 16 Jahre nach dem verheerend schlechten "Rocky V" nun doch noch einen würdigen Abschied bekommt. (2006 MGM / 2006 Twentieth Century Fox)

Ein letztes Mal sprintet Rocky Balboa (Sylvester Stallone) die berühmtesten Treppen der Filmgeschichte hinauf. Sein Denkmal steht dort oben längst nicht mehr.
Ein letztes Mal sprintet Rocky Balboa (Sylvester Stallone) die berühmtesten Treppen der Filmgeschichte hinauf. Sein Denkmal steht dort oben längst nicht mehr. (2006 MGM / 2006 Twentieth Century Fox)

Datum: 17.02.2007

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