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Dustin Hoffman

Leben im Hier und Jetzt

Schauspieler Dustin Hoffman

(tsch) Dustin Hoffman ist 69 Jahre alt. Doch der Schauspielveteran, der mit Filmen wie "Die Reifeprüfung", "Rain Man" und "Die Unbestechlichen" in zahlreichen Meilensteinen der Kinogeschichte zu sehen war, ist fleißiger denn je und nun nach seinem humorvollen Auftritt in "Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich" erneut in einer Komödie zu sehen. In "Schräger als Fiktion" (Start: 08.02.) spielt Hoffman einen Literaturprofessor, der einem Geheimnis auf der Spur ist: Eine Bestsellerautorin möchte den Helden ihres neuen Buches auf möglichst ungewöhnliche Art aus dem Leben scheiden lassen - und bringt damit einen sehr realen Mann in Lebensgefahr. Im Interview spricht Hoffman über Opfer für die Kunst, seine Vaterrolle und die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Aber zunächst nimmt er sich einen kleinen Teller und legt einige Salatblätter darauf, ohne Dressing.

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teleschau: Sind Sie auf Diät?

Dustin Hoffman: Ich bekomme bei der Arbeit einfach nichts hinunter. Damit ich nicht von der Stange falle, muss eben Salat reichen. Bei Dreharbeiten komme ich mit nur ein paar Früchten aus. Vielleicht liegt es an der Aufregung. Nach jedem Film bin ich einige Pfunde leichter.

teleschau: Im Film spielen Sie nicht nur einen Literaturprofessor, sondern zeigen auch viel Haut als Rettungsschwimmer. Wie sind Sie so gut in Form geblieben?

Hoffman: Ich bekomme ständig Komplimente für meine Brust. Vielleicht liegt es daran, dass ich regelmäßig Tennis spiele. Ich bin jetzt 69 Jahre alt und muss mich von dem Schock erholen, als mir meine Frau sagte, dass ich mich jetzt im 70. Lebensjahr befinde. Und ich war der festen Überzeugung, dass es mit der 70 noch bis zum kommenden August dauert! Aber sie hat ja Recht: Mit jedem Geburtstag hat man all die Jahre ja schon gelebt.

teleschau: Das scheint Sie ja ordentlich durcheinander gebracht zu haben.

Hoffman: Ich möchte nicht sagen, dass es mir Angst macht, dass ich jetzt schon ein so fortgeschrittenes Alter erreicht habe. Aber ich habe mir mein Weltbild so zurechtgeschustert, dass ich dem Tod ganz gelassen gegenüberstehe. Das ist ja etwas, was alle betrifft. Es klingt zwar albern, aber es würde mich schon sehr ärgern, wenn einige Auserwählte mit Unsterblichkeit gesegnet wären. So was schürt Neid. Ich bin für Gleichberechtigung, auch in diesem Sinne.

teleschau: Sie werden demnächst einen wirklich ungewöhnlich alten Mann spielen ...

Hoffman: Ja, einen 243-Jährigen, einen Herren namens Mr. Magorium, der einen Spielzeugladen mit dem Namen "Wonder Emporium" besitzt. Es ist eine herrliche Geschichte von Zach Helm, der zu "Schräger als Fiktion" das Drehbuch beigesteuert hat und diesmal selbst Regie führt. Er hat sich Zeit gelassen, mich von seinem Projekt zu überzeugen: Wir setzten uns vor ein New Yorker Museum in die Sonne und unterhielten uns zwei Stunden lang. Am Ende sagte ich zu, nachdem ich ihm klargemacht hatte, dass ich kein Make-up tragen werde - ich mag kein Make-up. Außerdem bin ich ja fast alt genug. (lacht)

teleschau: Sie arbeiten häufig mit jungen Regisseuren zusammen.

Hoffman: Wie viele 70-jährige Regisseure kennen Sie? Mir bleibt nichts anderes übrig. Ich bin nun mal älter als viele andere. Generell gilt: Die Kunstgeschichte zeigt, dass die meisten Genies ihre besten Arbeiten im Alter von etwa 35 Jahren kreiert haben. Vielleicht lag das auch daran, dass viele damals nicht älter wurden als 35 Jahre. Aber als ich gestern Abend ins Bett ging, lief gerade "Goodfellas" im Fernsehen, ein Film, den ich, seit er im Kino lief, nicht mehr gesehen habe. Es war zwar nicht Scorseses erster Film, aber es ist schon verdammt lange her, und man kann keinen besseren Film machen als diesen. Also ist irgendwas dran an der 35er-Regel.

teleschau: Kann es sein, dass auch Ihre beste Zeit Jahrzehnte zurückliegt?

Hoffman: Genau das macht mir Angst. Ich versuche weiterhin daran zu glauben, dass ich noch Großes leisten kann. Das hat auch etwas Gutes: Es zwingt mich schließlich, mich weiterhin anzustrengen, um das Gegenteil zu beweisen. Wenn ich zurückschaue, dann würde ich jede meiner Rollen gerne noch einmal spielen, weil ich überall kleine Feinheiten entdecke, die ich noch verbessern könnte. Aber natürlich gibt es Filme, auf die ich stolz bin: "Asphalt-Cowboy" zum Beispiel, "Tootsie" und "Rain Man", vielleicht auch "Die Reifeprüfung". Das hat mit bestimmten Charaktereigenschaften zu tun, die ich in mir selbst entdeckt habe. Ich habe mich in diesen Rollen nie verloren, sondern war ich selbst. Und ich musste nie alles über den so genannten Charakter herausfinden.

teleschau: Sie konstatieren als Literaturprofessor in "Schräger als Fiktion", dass man für die Kunst auch manchmal Opfer bringen muss und sei es das eigene Leben. Denken Sie ähnlich?

Hoffman: Erst einmal ist das eine wirklich kühne These, die beeindruckender weise aus der Feder eines 30-Jährigen kommt. Ich bewundere Zach Helm dafür. Ich ticke aber etwas anders: Als arbeitsloser Schauspieler Anfang der 60er-Jahre wurde mir eine Frage gestellt, die mich für immer verändert hat: Ich sei im Louvre in Paris, wo ein schlimmes Feuer wütete. Und wenn ich nicht sofort fliehen würde, wäre ich dem sicheren Tod ausgeliefert. Was würde ich retten: Die Mona Lisa oder die verirrte Katze, die mir über den Weg läuft? Ich war jung, in meinen Zwanzigern, und entschied mich, ohne nachzudenken, für die Katze, weil sie das Lebendige symbolisiert. Heute weiß ich, dass es Momente im Leben gibt, in denen man sich anders entscheidet. Wenn mir Gott zu einer bestimmten Zeit das Angebot gemacht hätte, ein künstlerisches Meisterwerk zu erschaffen und dafür auf den dritten Akt meines Leben zu verzichten ... - Nun, es gibt Momente, in denen man sofort zustimmen würde. Mir ist das ganz offensichtlich nicht passiert, sonst wäre ich ja nicht mehr hier.

teleschau: Bereuen Sie, dass Sie manchmal wegen Ihres Berufes ein schlechter Vater gewesen sein könnten?

Hoffman: Da ist etwas Wahres dran. Als ich das erste Mal heiratete, drehte ich gerade "Little Big Man". Das war 1969. Was mein Privatleben in diesen Jahren angeht, denke ich immer noch in Filmen. Damals war ich in meinen Dreißigern, und wir hatten unsere Tochter Jenna, die nun 36 Jahre alt ist. Meine zweite Ehe begann mit 39 Jahren. Aber als ich 50 wurde, änderte sich etwas in meinem Kopf. Es drehte sich nicht mehr alles um die Arbeit. Ich erkannte, dass ich all die Jahre eine Geliebte gehabt hatte, zu der ich mich jeden Morgen geschlichen habe. Sie hieß "Arbeit", und ich erkannte, dass ich mehr im Hier und Jetzt leben muss, um glücklich zu sein.

teleschau: Wie schauen Sie dann auf Ihre Karriere zurück?

Hoffman: Rückblickend darf man das nicht überbewerten. Ich las früher oft die Rubrik "Meilensteine" in der "New York Times", in der Nachrufe veröffentlicht wurden. Bei einem Schauspieler waren dann immer seine bekannteren Filme aufgelistet und wie viele Familienmitglieder er zurücklässt. Das war's. Es war kurz nachdem ich "Die Reifeprüfung" abgedreht hatte, als ich erschrak und mir sagte: Gerate nicht in die Falle, dir etwas auf deine Karriere einzubilden. Dein Nachruf wird nicht anders aussehen als all die anderen: ein Absatz in einer Zeitung, nach der morgen schon kein Hahn mehr schreit.

teleschau: In welcher Weise soll man sich an Sie erinnern?

Hoffman: Jeder kennt das Gefühl, wenn man jemanden verliert, der einem sehr nahe war. Es sind nicht die beruflichen Erfolge, die in Erinnerung bleiben, sondern wie der Mensch gelebt hat. All die Filme: Sie bedeuten nichts, wirklich nichts. Es ist die Familie, auf die es ankommt, die Kinder, die lieben Menschen um mich herum. Frauen verstehen das besser, schließlich riskieren sie jedes Mal ihr Leben, wenn sie ein Kind auf die Welt bringen. Ich musste mich erst selbst ermahnen, um zu erkennen, was wirklich wertvoll ist im Leben. All die Filme, die ich gedreht habe, waren wichtig für mich, als ich sie gedreht habe, weil ich mit ihnen etwas ausdrücken wollte. Aber unterm Strich sind sie unbedeutend.

teleschau: Haben Sie Ihre Balance gefunden?

Hoffman: Ich fühle mich mehr angekommen als jemals zuvor. Mein Leben ist endlich ausbalanciert, und ich wünschte, dass das schon 30 Jahre früher der Fall gewesen wäre. Wenn ich einmal sterben werde und mir im Himmel mein Leben auf einer großen Leinwand vorgeführt wird, hoffe ich, dass ich zumindest für die letzten Jahre nicht meinen Kopf schütteln muss darüber, wie ich gelebt habe. Der Schmerz, sein Leben nicht wirklich gelebt zu haben, muss fürchterlich sein. In New York werden an Straßenecken T-Shirts mit dem Aufdruck "Das Leben ist keine Generalprobe" verkauft. Ich war immer vom Gegenteil überzeugt, denn die Aufregung, der Druck, Erwartungen gerecht zu werden, verschwindet nicht. Noch immer habe ich manchmal das Gefühl, von einer Generalprobe zur nächsten zu laufen, ohne dass ein Ende in Sicht ist.

teleschau: Denken Sie, Sie bekommen dieses Problem noch in den Griff?

Hoffman: Meine Frau hilft mir dabei, ruhiger zu werden. Frauen leiden generell nicht so sehr an der Krankheit, einen Wall zwischen sich und der Welt aufzubauen, um sich in eine Beobachterrolle zu verkriechen. Wenn sie ein Problem haben, erzählen sie es daher auch nicht einem Mann, sondern ihrer besten Freundin, weil sie das Problem teilen können, es verarbeiten können. Ein Mann würde ihr ohnehin nur sagen, was sie tun müsse, um eine Lösung zu finden - und das so schnell wie möglich natürlich.

Leif Kramp


Dustin Hoffman, hier in seinem neuen Kinofilm "Schräger als Fiktion", macht sich Gedanken über seine Leben: "Mein Nachruf wird nicht anders aussehen als all die anderen: ein Absatz in einer Zeitung, nach der morgen schon kein Hahn mehr schreit."
Dustin Hoffman, hier in seinem neuen Kinofilm "Schräger als Fiktion", macht sich Gedanken über seine Leben: "Mein Nachruf wird nicht anders aussehen als all die anderen: ein Absatz in einer Zeitung, nach der morgen schon kein Hahn mehr schreit." (2007 Sony Pictures Releasing GmbH)

In "Schräger als Fiktion" spielt Will Ferrell (rechts) an der Seite von Dustin Hoffman.
In "Schräger als Fiktion" spielt Will Ferrell (rechts) an der Seite von Dustin Hoffman. (2007 Sony Pictures Releasing GmbH)

Für die Rolle des Autisten Raymond erhielt Dustin Hoffman einen von zwei Oscars als bester Hauptdarsteller.
Für die Rolle des Autisten Raymond erhielt Dustin Hoffman einen von zwei Oscars als bester Hauptdarsteller. (United Artists)

Datum: 05.02.2007

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