2raumwohnung

Täglich ein bis 15 Glücksmomente

Band 2raumwohnung

(tsch) "Wir könnten wahrscheinlich auch Volkslieder singen, und niemand würde sich wundern," vermutet Inga Humpe, die mit ihrem Lebensgefährten Tommi Eckart als 2raumwohnung schon im Jahr 2000 zeigte, dass sogar elektronische Tanzmusik kombiniert mit Gitarren-Rock super klingen kann. Nach dem letzten, Bossa-Nova-angehauchten, Album "melancholisch schön" sind die beiden Berliner nun mit "36 grad" wieder gut drauf. Kaum ist die Single "besser geht's nicht" draußen, haben TV-Sender den launigen Groove schon für diverse Trailer entdeckt. Mit dem eigenen Label fördert das Duo mit Vorliebe für Kleinschreibung mittlerweile auch Künstler, die "authentische Musik" machen. So wie Inga Humpe, ehemaliger Star der Neuen Deutschen Welle, und Tommi Eckart selbst. Ihre Lieder erzählen von Glück und Melancholie, und irgendwo dazwischen gibt sich das originelle Paar mit viel Sinn für Humor auch im Gespräch.

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teleschau: Euer neues Album verbreitet wieder echtes Wohlgefühl.

Tommi: Wir sind auch ganz zufrieden mit dem Groove, der da entstanden ist. Man denkt zwar unheimlich viel darüber nach, aber viel von der Musik passiert auch von alleine. Was am Ende gut daran wird und zusammenpasst, ist gar nicht einmal so ausgedacht und strukturiert.

Inga: Wenn wir ein Album machen, haben wir oft 25 bis 30 Songideen, die aber nicht alle ausgearbeitet werden. Die betrachten wir dann wie Schüler und sagen manchmal: "Dieses Lied hat die Versetzung nicht erreicht." Beim nächsten Album können sie sozusagen wiederholen.

teleschau: So wie "Der Sommer, der jetzt nicht war"?

Inga: Ja. Das Stück war für die damalige Zeit, vor mehr als 13 Jahren, zu langsam und außerdem auf Englisch.

Tommi: Es musste noch einmal gründlich den Deutsch-Kurs besuchen und ein paar Nachhilfe-Stunden im Musikunterricht nehmen, denn damals hatten wir ein wesentlich elektronischeres Demo aufgenommen. So schaffte es allmählich die Versetzung.

Inga: Und diesmal hatte ich so eine Vision, als würde das Lied auf der Karl-Marx-Allee stattfinden.

teleschau: Das müsst Ihr jetzt bitte genauer erklären ...

Inga: Ich schrieb den Text auf Deutsch, und dabei - ich weiß nicht, wie so was entsteht - dachte ich immer, ich würde diese Straße hinunter gehen. Auf der Karl-Marx-Alle herrscht genau die Stimmung dieses Liedes.

Tommi: Es entstehen Stimmungs-Bilder vor dem inneren Auge, um sich den Klang vorstellen zu können. Als wir mit der Arbeit zu dem Album begannen, war das bei mir eine Art Landidyll: ein Holzhäuschen mit Veranda. Davor gibt es im Garten ein Lagerfeuer mit Lampions und auch Glühwürmchen. Alle sitzen um das Lagerfeuer herum, musizieren und haben orange-farbene Gesichter vom Feuerschein. Der Himmel ist noch nicht ganz dunkel, sondern umbra-blau. Eigentlich wollte ich das Bild zuerst malen, aber es genügte auch, diese Idee so im Kopf zu haben. Für ein Klangbild bemüht man alle möglichen Formen von Vorstellungsvermögen.

teleschau: Interessant, dass Ihr beide so arbeitet ...

Inga: Das bedeutet aber nicht, dass wir hier die ganze Zeit high von uns selbst durch die Gegend schweben (lacht). So eine anständige Krise muss man zwischendurch auch genießen können. Das ist ebenfalls wichtig. Nur: Eine Krise zu überwinden und sie dann zu verherrlichen, das würde mir nicht einfallen.

Tommi: Verherrlichen nicht, aber auf unserem letzten Album gab es auch melancholische Töne. Diesmal sollte es wieder ein anderer Schwerpunkt sein.

teleschau: Um den zu setzen, habt Ihr Euch unter anderem mit Rosenstolz auf eine spanische Dachterrasse begeben ...

Tommi: Ja, daher kommt die "36 grad"-Idee. Die Klammer dieses Stückes haben wir über das ganze Album gezogen. Das und "besser geht's nicht" entstanden gemeinsam mit Peter (Plate, d. Red.) und Ulf (Sommer, Produzent und Koautor von Rosenstolz, d. Red.). Die haben wir einfach in ihrem Urlaub in Barcelona gestört. Wir hatten schon lange vor, gemeinsam etwas zu schreiben. Also setzten wir uns aufs Dach des Hotels, an den Rand des Swimmingpools, erst mit Fruchtsaft, später mit Bier, und schrieben den Text ... Das war eine schöne und ungewöhnliche Arbeitsweise. Es herrschte tolle Stimmung, und wir hatten einfach Freude miteinander.

teleschau: Ihr kanntet Euch aber vorher schon gut?

Tommi: Wir haben ein freundschaftliches Vertrauensverhältnis und spielen uns oft erste Ideen für Lieder vor. Das geht natürlich leicht, wenn jemand so etwas mit Musiker-Ohren hört. Die Anfänge klingen oft durchaus grotesk, und es braucht teilweise viel Mut, sich die gegenseitig vorzustellen.

Inga: Wir sind wirklich befreundet, das gibt es unter Musikern nicht so oft. Und wenn, dann heißt es auch, man sollte nicht zusammen arbeiten. Das ist Quatsch. Ich finde, man muss das immer wieder probieren. Mit den beiden ging es besonders gut. Wer weiß, ob wir das noch einmal hinbekommen? Aber diese Songs hätten wir nicht ohne sie machen können.

teleschau: Das war also Zusammenarbeit unter Freunden - wie ist das bei Euch als Paar?

Inga: Also, auf Tour hat jeder sein eigenes Zimmer. Man will dann doch mal wenigstens für eine Sekunde alleine sein. So etwas lernt man. Ich glaube, man neigt als Paar auch dazu, sich gegenseitig auszubeuten, wenn man sich selbst schon ausbeutet. Man geht immer davon aus, dass der Partner alles versteht und alles mitmacht. Da strapaziert man sich manchmal vielleicht gegenseitig über.

Tommi: Vorteile sind, dass einen das gemeinsame Musikmachen immer wieder verbindet. Wir haben auch schon erlebt, dass wir uns aus einer Krise heraus über die Musik wieder sehr schön verbinden konnten. Das ist gemeinsames Erleben, stellt Vertrauen und gemeinsames Gefühl her.

teleschau: Die neuen Lieder wirken wie Aufnahmen einzelner Glücksmomente.

Inga: Ja, ich glaube, es macht Sinn, so etwas weiterzugeben. Glück kann sehr ansteckend sein. Das ist der Untertitel zu unseren Alben. Es ist auch immer eine gewisse Melancholie dabei, was ich für etwas ganz Wirkliches und Sinnvolles halte. Das Zentralthema bei allem Glück ist schließlich auch die Vergänglichkeit. Das soll man auch nicht aus den Augen verlieren.

teleschau: Was macht Euch besonders glücklich?

Inga: Man kann sich ja ein bisschen selbst dahin bringen, jeden Tag so ein bis 15 Glücksmomente zu haben. Für uns gibt es auch eigentlich keinen Grund, nicht glücklich zu sein. Manchmal merke ich, dass ich mich über Zeitmangel beklage und denke dann: Da machst du was falsch, wenn du anfängst, dich darüber zu beschweren. Es liegt ja in meiner Hand. Wenn man kreativ arbeitet, ist man selbst sein härtester Chef.

teleschau: Glaubt Ihr, die Deutschen neigen generell eher zu Miesepetrigkeit?

Inga: Nein, ich glaube eher, das ist auch ein Phänomen der großen Städte. Ich habe gerade das Buch eines französischen Autors gelesen, der beschreibt das genauso. Ich glaube, das sind Leute, die sehr ehrgeizig sind und sehr viel arbeiten. Man begibt sich in einen Wettbewerb und erkennt nicht mehr, was einen wirklich glücklich macht.

teleschau: Vor zwei Jahren wurde Euch bereits die Eins Live Krone für das Lebenswerk verliehen - kam Euch das nicht ein wenig früh vor, mit gerade mal 50 Jahren?

Inga: Damit kann man gar nicht früh genug anfangen ... Ich habe mich über diesen Preis sehr gefreut! Mein musikalischer Hintergrund ist ja durchaus bewegt, da gab es immer wieder andere Musik. Dass so etwas am Ende einmal geehrt wird, freute mich sehr. Es heißt ja nicht, dass danach nichts mehr kommt! Und in dem Umfeld auf der Bühne - mit Tokio Hotel zum Beispiel - wurde mir klar: Mit 20 Jahren anzufangen, Musik zu machen, und das 30 Jahre lang halten zu können - das ist etwas ganz Besonderes! Das wünschen sich doch eigentlich alle jungen Bands! Und ich kann es ihnen auch nur wünschen! Mein neues, heimliches Vorbild in der Hinsicht ist ja Johannes Heesters. Er ist so gut gelaunt im Alter von 103 Jahren, bekommt noch immer so viel Aufmerksamkeit und verbreitet so viel Freude. Ich finde ihn hinreißend!

Tourdaten:

07.03., Leipzig, Werk 2

08.03., Nürnberg, Hirsch

10.03., Friedrichshafen, Bahnhof Fischbach

12.03., Stuttgart, Theaterhaus

16.03., München, Muffathalle

17.03., Dresden, Schlachthof

19.03., Bielefeld, Ringlokschuppen

20.03., Köln, E Werk

21.03., Hannover, Capitol

22.03., Bremen, Modernes

24.03., Essen, Weststadthalle

25.03., Frankfurt, MousonTurm

27.03., Hamburg, Docks

29.03., Berlin, Columbiahalle

Petra Fürst

Inga Humpe und Tommi Eckart von 2raumwohnung lassen ihre Lieder die Schulbank drücken.
Inga Humpe und Tommi Eckart von 2raumwohnung lassen ihre Lieder die Schulbank drücken. (EMI / Olaf Blecker)
Harmonieren privat und im Tonstudio: Inga Humpe und Tommi Eckart.
Harmonieren privat und im Tonstudio: Inga Humpe und Tommi Eckart. (EMI / Olaf Blecker)
2raumwohnung schaffen sich Visionen, um ein Klangbild malen zu können - zum Beispiel ein Landidyll.
2raumwohnung schaffen sich Visionen, um ein Klangbild malen zu können - zum Beispiel ein Landidyll. (EMI / Olaf Blecker)

Datum: 05.02.2007

Diskussion: "2raumwohnung"

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