(tsch) Katastrophenfilme haben seit jeher ein Problem: In der Regel geschieht die meiste Zeit überhaupt nichts, ehe dann in wenigen Minuten irgendetwas hereinbricht - Lava, ein Sturm, ein Erdbeben. Zwei Stunden darf solch ein Inferno im Film schon aus Kostengründen nicht dauern, und so schränken sich die meisten Regisseure zeitlich ein und packen das Drama an den Schluss. Sparen musste auch Kostenkünstler Roland Emmerich - ein Deutscher, den Hollywood dafür liebt, dass seine Filme in der Regel teurer aussehen als sie tatsächlich sind. "The Day After Tomorrow" hieß 2004 sein von einer gigantischen PR-Kampagne begleitetes Projekt, das sich als Klimakatastrophenfilm verstand. Die Free-TV-Premiere passt angesichts permanenter öffentlicher Diskussion in den vergangenen Wochen nun natürlich ganz wunderbar ins Programm. Was also geschieht hier?
Anzeige
1. Der Wind. Er bläst zunehmend, formiert sich in einigen Hurricans, die auf spektakuläre Weise über Los Angeles hinwegfegen. Das Hollywood-Zeichen ist schon nach wenigen Minuten Film Geschichte, und man könnte der Annahme sein, dies sei nur der Auftakt für ein Wetterfiasko der epochalen Art.
2. Der Regen. Er kommt unaufhörlich, überschwemmt New York, wohin die Handlung nun verlegt wird, und bildet schließlich eine Flutwelle, die bald schon die Freiheitsstatue unter den Achseln gewaschen hat. Ihr Eindringen in den Big Apple bietet schier sensationelle Bilder. Hereinbrechende Wassermassen sind wahrlich keine Seltenheit im Kino, aber so glaubhaft und authentisch war dies noch nie zu sehen.
3. Der Schnee. Dank eines gewaltigen Temperatursturzes rieselt er zwar leise, aber dauerhaft. Schnell ist das Wasser gefroren, darüber bildet sich eine dicke Schicht. Mehr ist dazu nicht zu sagen.
Und 4. Die Vereisung. Roland Emmerichs Film gibt vor, dass sich die Kälte ebenfalls wie in einer Art überdimensionalem Twister ausbreitet, in dessen Zentrum bekanntermaßen eine Art Auge für friedliche Ruhe sorgt. In diesem Fall aber bringt es unfassbare Minustemperaturen, die alles und jeden in Sekundenschnelle gefrieren lassen, hübsch demonstriert an einem Piloten, später dann am Chrysler Building.
Jedes dieser vier Katastrophen-Szenarien ist nach gut einer Stunde des Films über die gesamte nördliche Halbkugel hereingebrochen, wobei sich Emmerich nahezu ausnahmslos auf die für ihn relevanten USA beschränkt. Danach passiert in "The Day After Tomorrow" so gut wie nichts mehr, abgesehen von einem "privaten" Plot zwischen Vater, Mutter und Sohn, der an Bedeutungslosigkeit angesichts eines solchen Horrorereignisses kaum zu überbieten ist.
Dennis Quaid spielt den Klima-Experten Jack Hall, der - eine typische Sequenz für Emmerich-Filme - frühzeitig das Drama prognostiziert, dabei aber auf taube Ohren in der US-Regierung stößt. Selbst als L.A. schon dem Erdboden gleich ist, sieht der Vizepräsident (Kenneth Welsh) noch nicht wirklich Handlungsbedarf. Dann aber folgt die erwähnte Welle mit anschließendem Schneesturm über New York, und es wird klar: Die gesamte nördliche Halbkugel ist einer Klimakatastrophe biblischen Ausmaßes zum Opfer gefallen.
Was dies wirklich zur Folge hat, reißt Emmerich erstaunlicherweise nur in Nebensätzen an. In einer hintergründig-witzigen Szene lässt er tausende Amerikaner nach Mexiko fliehen, woraufhin das Nachbarland vorübergehend die Grenzen schließt. Doch die eigentliche Dimension eines solchen Ereignisses, von dem während des Films übrigens nicht ganz klar wird, in welchem Zeitraum es sich abspielt, lässt sich für den Betrachter nur erahnen.
Stattdessen macht sich Jack Hall erst im Wagen und dann zu Fuß auf gen New York, wo sich sein Sohn (Jake Gyllenhaal) mit einigen Freunden in der Bibliothek aufhält. Jack hatte ihm geraten, dort zu bleiben, um draußen nicht zu erfrieren, was für ihn selbst wohl nicht gilt. Papa läuft also los, und es beginnt der zweite Teil des Films, der über weite Strecken Messnersche Dokumentationsausmaße annimmt, dabei aber bei weitem nicht so spannend ist. Wohl um das Publikum aufzuwecken, hetzt Emmerich zwischendrin gar ein paar bedrohliche Wölfe durch die Gegend.
Roland Emmerich maß "The Day After Tomorrow" eine politische Dimension bei, verstand er den Film doch auch als Anklage gegen die US-Regierung, die der Umweltproblematik zu wenig Aufmerksamkeit entgegenbringt. Durchaus beachtlich waren die Einspielergebnisse in den USA und auch in Deutschland. Doch ein guter Film ist "The Day After Tomorrow" nicht.
Kai-Oliver Derks
Jack (Dennis Quaid) muss sich warm anziehen - eine Klimakatastrophe kommt auf die Erde zu. (RTL)
Sam (Jake Gyllenhaal) hat von seinem Vater klare Anweisungen erhalten, was er im Falle eines Temperatursturzes zu tun hat. (RTL)
Durch New York rollt eine riesige Flutwelle. (RTL)
Matthias Luthardts Debütfilm "Pingpong" von 2006 ist ein intensives, erbarmungsloses Drama zum Thema Einsamkeit. Der Film wurde in Cannes sowie beim Münchner Filmfest für sein Drehbuch ausgezeichnet und ...
Sie: "Was wird aus uns?" Er: "Wir werden uns lieben." Sie: "Und danach?" - Ein Dialog, der sich so oder so verstehen ließe. Reden die beiden von der Liebe, von der Ewigkeit? Oder reden sie von Sex, von ...
Handwerklich solide inszeniert, aber zu keiner Zeit wirklich spannend zerstört Regiedebütant Dennis Lee den Mythos einer heilen Familie. Auf dem Begräbnis seiner Mutter muss sich ein Schriftsteller auch ...
Nichts schweißt eine Familie enger zusammen als ein gemütlicher Spieleabend. - Wer das tatsächlich denkt, dem ist schon lange kein "Mensch ärgere dich nicht"-Brett mehr entgegengeflogen und der musste ...
Jeder hat so einen im Bekannten- oder gar Freundeskreis: einen, der es nicht hinkriegt mit der Ordnung, der in seinem ungeordneten Haushalt beinahe umzukommen scheint. Aber so recht einzuordnen wusste ...
Der unkonventionelle Arbeitstitel "Bummm! Deine Familie, Dein Schlachtfeld" wurde vom Verleih ausgetauscht. "Das wahre Leben" (2006) hieß Alain Gsponers Film, der nun in der Reihe "Debüt im Ersten" läuft, ...
Anzeige
Konzert-DVD im Stream Gentleman am 27.04. ab 20.00 Uhr als » Musikstream